Politik

Ortskräfte in Afghanistan Noch sieben Tage - und dann?

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Die Luftbrücke aus Kabul läuft auf Hochtouren - die Frage ist nun, ob sie nach dem 31. August weitergehen kann.

(Foto: dpa)

Die USA haben angekündigt, noch bis zum 31. August am Kabuler Flughafen zu bleiben und so gut es geht, Menschen auszufliegen. Sollten die Amerikaner dann tatsächlich abziehen, wird es gefährlich für alle, die zurückbleiben. Falls sie ihren Einsatz verlängern, aber wohl auch.

Man kann es als Gnadenfrist der Taliban verstehen: Bis zum 31. August dürfen die US-Amerikaner und ihre Verbündeten, darunter Deutschland, noch Menschen aus Afghanistan ausfliegen. Was für eine groteske Situation: Die Weltmacht Nummer 1 erscheint von ein paar bärtigen Kämpfern erpressbar, die meist nur mit Maschinengewehren bewaffnet sind. Rund 20.000 Menschen harren am Flughafen in Kabul aus und hoffen darauf, an Bord eines der Flugzeuge zu gelangen.

Es heißt nun oft, die Luftbrückenoperation sei eine der schwierigsten der Geschichte. Das mag stimmen, doch das politische Problem ist noch größer. Denn wie Außenminister Heiko Maas nun einräumte, wird es den NATO-Verbündeten nicht gelingen, alle wartenden Menschen auszufliegen. Zudem gibt es wohl noch weitere Tausende Menschen im ganzen Land, die ihnen als Übersetzer oder mit anderen Tätigkeiten halfen und es nicht mehr rechtzeitig nach Kabul, geschweige denn zum Flughafen schafften. Was passiert mit diesen Menschen?

Das lange Zögern der Regierungen rächt sich nun - in Deutschland gab es schon Monate vor dem Fall Kabuls etliche Medienberichte über das drohende Schicksal der Ortskräfte. Auch die deutsche Botschaft in Kabul warnte mehrfach vor dem Szenario eines Taliban-Durchmarschs. Doch so wichtig die Aufarbeitung dieses Systemversagens ist, in der aktuellen Situation hilft die Frage danach nicht weiter. Nun muss geklärt werden, wie Ortskräfte, die beispielsweise noch in Masar-i-Sharif ausharren, in Sicherheit gebracht werden können.

Bleiben die US-Truppen doch länger?

Darauf zu hoffen, dass die sich schon bis zum kommenden Dienstag, den 31. August, bis Kabul durchschlagen werden, braucht man nicht. Was also tun? Darüber wollen die Regierungschefs der G7-Staaten heute bei einer Telefonkonferenz sprechen. Der britische Premierminister Boris Johnson hat bereits angekündigt, dass er US-Präsident Joe Biden darum bitten will, die Truppen seines Landes länger vor Ort zu lassen. Mit diesen steht und fällt jegliches Engagement in Afghanistan. Ohne sie und die damit verbundene Logistik und Aufklärung können Europäer und Kanadier nicht viel ausrichten.

Biden schließt ausdrücklich nicht aus, die US-Soldaten länger am Flughafen zu lassen. Er kann sich keine weiteren schlechten Nachrichten aus Afghanistan leisten - die Bilder aus Kabul haben seine Umfragewerte bereits ramponiert. Zwar finden es die meisten Amerikaner richtig, das Land nach 20 Jahren zu verlassen, aber die Art und Weise stößt vielen sauer auf. Würden nun amerikanische Ortskräfte reihenweise inhaftiert oder tatsächlich ermordet, fiele das auch auf den Präsidenten und Oberbefehlshaber zurück. Und Gott bewahre, amerikanische Bürger gerieten in die Fänge der Taliban oder würden getötet. Das wäre für Biden politisch lebensgefährlich.

Der US-Präsident hat sich bereits offen gezeigt, den Verbündeten zu helfen. "Ich werde sehen, was ich tun kann" - das werde seine Antwort sein, wenn die Europäer ihn um ein längeres Engagement bitten würden, sagte er in einem Interview. Auf diese Weise einen Fuß in der Tür zu halten, wäre wohl die einfachste Möglichkeit, noch direkten Einfluss in Kabul zu behalten. Doch das würde weitere Probleme mit sich bringen. Denn die Taliban bestehen auf den 31. August als Ende des Einsatzes. Womit wir wieder bei der Gnadenfrist wären. Denn wenn die Extremisten sich nicht mehr zurückhalten und die Luftbrücke stattdessen aktiv bekämpfen, droht den westlichen Truppen und Staaten die nächste Demütigung. Dann würde es erst recht Bilder wie aus Saigon geben, wo die US-Truppen am Ende des Vietnamkriegs Hals über Kopf fliehen mussten.

Stunde der Diplomaten

Noch haben die Taliban keinen Grund, die Lage von sich aus zu verschärfen. Denn sie müssen ja einfach nur abwarten, dass die Amerikaner abfliegen - dann hätten sie das Land für sich allein. Verstreicht dieser Termin jedoch, könnte es brenzlig werden. Ein Taliban-Sprecher hat schon gesagt, dass sie auf dieses Datum bestehen. Da bahnt sich also ein Konflikt an, neues Blutvergießen nicht ausgeschlossen. So angespannt wie die Lage am Flughafen ist, kann sie schnell eskalieren. Schüsse fallen sowieso schon ständig.

Konflikte zu lösen, ohne Blut zu vergießen, das ist der Job der Diplomaten. Und ja, das heißt dann tatsächlich, dass man sich mit den Taliban an einen Tisch setzen müsste. Außenminister Maas formuliert es so: "Dafür muss man Wege gehen, die man nicht gehen will." Das klingt allerdings schmerzhafter als es ist. Denn schon jetzt werden Gespräche geführt. So gibt es Abmachungen zwischen US-Armee und Taliban zum Flughafen, die Franzosen holten sich etwa die Erlaubnis ein, mehrere Menschen aus ihrer Botschaft dorthin zu eskortieren. Auch die Bundesregierung steht über einen Mittelsmann in Doha in Kontakt mit den Islamisten.

Verhandlungen wären auch die einzige Möglichkeit, doch noch Ortskräfte aus Gegenden außerhalb von Kabul herauszuholen. Mag sein, dass es möglich wäre, vereinzelt Spezialeinheiten einzusetzen, um besonders wichtige Leute zu befreien. Doch wenn es wirklich noch um Tausende Menschen geht, ist das keine Lösung für alle. Es wird nur mit dem Einverständnis der Taliban gehen, Ortskräfte aus bereits besetzten Gebieten herauszuholen. Dafür müsste man ihnen etwas bieten, sei es humanitäre Hilfe oder die Zusicherung, sie künftig in Ruhe zu lassen. Die Amerikaner können auch mit Luftschlägen drohen. Die Frage ist nun, ob es gelingt, bis Ende August eine Lösung zu finden. Angebracht wäre sie im Sinne der Ortskräfte - die Zeit läuft.

Quelle: ntv.de

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