Politik

Osteuropa-Experte zum Iran-Krieg "Russen fragen: Warum können die USA Chamenei töten - und wir Selenskyj nicht?"

05.03.2026, 18:45 Uhr
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"Ein langer, blutiger Krieg und Chaos im Nahen Osten - das wäre für Putin ein gutes Szenario", sagt Osteuropa-Experte Friedman. (Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com)

Nach der Entführung von Nicolás Maduro und der Tötung von Ali Chamenei durch die USA steht Moskau unter Rechtfertigungsdruck. Viele Russen fragen sich: Warum schaffen wir nicht dasselbe mit unserem Feind Wolodymyr Selenskyj? Der Kreml versucht seine Unfähigkeit mit moralischen Narrativen zu übertünchen - doch die überzeugen kaum jemanden, sagt Osteuropa-Experte Alexander Friedman: "Es ist nicht eine Frage des Wollens oder Dürfens. Es ist eine Frage des Könnens."

ntv.de: Erst wird Venezuelas Machthaber Maduro entführt, dann Irans Oberster Führer Chamenei getötet - Trump beseitigt Staatschefs, die ihm unliebsam sind. Müsste Putin nach dieser Logik nicht sagen: Warum darf ich nicht auch Selenskyj umbringen?

Alexander Friedman: Diese Frage wird tatsächlich gerade in Russland diskutiert - und der Kreml steht unter einem gewissen Rechtfertigungsdruck. Schon im Fall Maduro haben manche Russen gefragt: Warum schaffen die Amerikaner das, und warum haben wir das mit Selenskyj nicht gemacht? Nach der Tötung von Chamenei wird sie noch zugespitzter gestellt. Die Antwort der Kreml-Propaganda lautet: Wir sind anders. Wir halten uns an das Völkerrecht, das sind nicht unsere Methoden, wir sind moralisch überlegen.

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Alexander Friedman ist promovierter Historiker. Er lehrt Zeitgeschichte und Osteuropäische Geschichte an der Universität des Saarlandes und an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

Glaubt man das in Russland?

Nicht wirklich. Wenn man russische soziale Netzwerke verfolgt, merkt man: Dieses moralische Argument funktioniert nicht. Was überwiegt, ist eine echte Enttäuschung: Was die Amerikaner können, haben die Russen nicht geschafft. Denn Putin wollte Selenskyj durchaus ausschalten - es gab nach US- und ukrainischen Angaben Entführungs- und Anschlagspläne in der Anfangsphase des Krieges. Sie sind alle gescheitert. Selenskyj überlebte und wurde bald weltweit bekannt und hoch angesehen. Putin hat irgendwann wohl verstanden: Selenskyj jetzt umbringen zu lassen, wäre eher kontraproduktiv.

Und nach der Tötung Chameneis durch die USA - ändert sich da etwas?

Die Karten werden jetzt neu gemischt. Die Amerikaner haben gezeigt, dass eine sehr breite Palette von Methoden möglich ist. Was bleibt, ist Russlands Blamage: Mit der Maduro-Entführung und der Tötung Chameneis haben die Amerikaner den Russen ihre Grenzen aufgezeigt. Bis heute ist es Russland nicht gelungen, einen wirklich hochrangigen ukrainischen Offizier zu töten - keinen Verteidigungsminister oder Geheimdienstchef, von Selenskyj ganz zu schweigen. Es ist nicht eine Frage des Wollens oder Dürfens. Es ist eine Frage des Könnens.

Und wie rechtfertigt der Kreml diese Unfähigkeit, wenn man nicht an die moralische Überlegenheit glaubt?

Es gibt ein weiteres Narrativ: Maduro hat die Politik Venezuelas bestimmt, Chamenei war der oberste Führer des Iran. Nimmt man sie heraus, kann ein Regime zusammenbrechen. Selenskyj hingegen wird in russischer Propaganda als Marionette des Westens dargestellt - jemand, der selbst keine Entscheidungen trifft. Dessen Ausschaltung, so das Argument, hätte also nichts geändert.

Was erzählt die russische Propaganda den eigenen Bürgern über den Krieg gegen den Iran?

Im Mittelpunkt der Kritik stehen weniger die USA - da ist man angesichts der Annäherung unter Trump zurückhaltender - sondern Israel. Einige radikale Propagandisten konstruieren ein antisemitisches Feindbild: eine angebliche Allianz zwischen den USA und Israel, die als "Epstein-Koalition" bezeichnet wird. Als Verkörperung dieser Allianz gilt Jeffrey Epstein - als Sexualstraftäter, als Kinderschänder, und eben US-amerikanischer Jude. Die Botschaft lautet: Damals missbrauchte die jüdische amerikanische Elite Kinder - und heute führen die Amerikaner und Israelis das im großen Stil weiter. Als zu Beginn des Krieges eine Mädchenschule im Iran angegriffen wurde - Iran beschuldigt Israel - und dabei mutmaßlich viele Kinder ums Leben kamen, wurde dieser Angriff von einigen Propagandisten als Ritualopfer zum jüdischen Fest Purim dargestellt - eine direkte Anspielung auf mittelalterliche Ritualmordlegenden gegen Juden. Was auffällt: Die iranische Propaganda übernimmt zunehmend diese Feindbilder aus Russland. Propagandistisch gibt sich Moskau also solidarisch.

Aber was tut Russland tatsächlich für den Iran?

Wenig. Waffen kommen nicht in Frage, die diplomatische Unterstützung bleibt verhalten. Russland ist in dieser Hinsicht weitgehend machtlos - die Hände sind gebunden durch den Krieg in der Ukraine. Mit der Propagandakampagne versucht Moskau zu kompensieren, was es real nicht leisten kann.

Kann Russland den Nahost-Krieg für sich nutzen?

Auf jeden Fall. Erstens steigt der Ölpreis - das ist für die russische Kriegswirtschaft extrem wichtig. Zweitens ist die Welt abgelenkt: Der Ukraine-Krieg findet in westlichen Medien kaum noch statt. Europa ist wirtschaftlich und sicherheitspolitisch unter Druck, man diskutiert über mögliche Migrationskrisen und Terroranschläge. Russland kann diese Lage nutzen, um in der Ukraine weiter voranzukommen. Dazu kommt die Hoffnung, dass die Ukraine weniger Waffen bekommt, weil die USA ihre Waffen jetzt selbst in der Region brauchen. Ein langer, blutiger Krieg und Chaos im Nahen Osten - das wäre für Putin ein gutes Szenario.

Und wenn der Krieg im Nahen Osten doch schnell endet?

Dann gibt es einen Plan B: Russland versucht, sich diplomatisch zu profilieren, etwa als Vermittler. Das russische Außenministerium betont bereits, man kenne die Region, habe gute Verbindungen zum Iran, man könne gebraucht werden. Das wäre für Putin nicht optimal - aber besser als nichts.

Was soll der russische Bürger aus alldem mitnehmen - was will die Propaganda in den Köpfen der Menschen bewirken?

Die Botschaft ist: Der Westen führt einen brutalen, unmenschlichen Krieg - wir, die Russen, sind dagegen moralisch überlegen. Und gleichzeitig: Was die Amerikaner und Israelis tun, legitimiert unseren Krieg in der Ukraine. Das Völkerrecht wird sowieso mit Füßen getreten. Wir sind also nicht schlimmer als die anderen - also war unser Angriff auf die Ukraine auch legitim. Die letzten Zweifel der Menschen, die sich damit vielleicht nicht abfinden konnten, dass man ein anderes Land angegriffen hat, sollen damit ausgeräumt werden.

Mit Alexander Friedman sprach Uladzimir Zhyhachou.

Quelle: ntv.de

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