Politik

Neitzel über Gefahr durch Putin"Panzersperren in Berlin: Das wäre wirklich völlig übertrieben"

04.02.2026, 14:36 Uhr
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Das Bild der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Tass zeigt einen russischen Panzer während eines Manövers. (Foto: picture alliance/dpa/Russian Defence Ministry)

Deutschland bereite sich weiterhin nicht schnell genug auf eine mögliche Direktkonfrontation mit Russland vor, warnt Militärhistoriker Neitzel. Dabei gehe es nicht um eine Invasion Putins in Deutschland - auch wenn Moskau die hiesige Infrastruktur direkt angreifen könnte.

Militärhistoriker Sönke Neitzel warnt vor russischen Plänen zur Destabilisierung der Nato und einer Besetzung des Baltikums. "Diese Staaten müssen wirklich mit Besetzung rechnen. Sie müssen mit Terror rechnen, müssen mit Deportationen rechnen und alledem, was sie schonmal erlebt haben", sagte der Professor für Militärgeschichte der Universität Potsdam bei ntv. Anders als die baltischen Staaten müsse sich die Bundesrepublik nicht auf eine Konfrontation mit russischen Kräften auf eigenem Territorium einstellen. Putin plane keinen "Angriff mit drei Panzern auf Warschau oder auf Berlin", so Neitzel. "Es geht eher darum, die Unfähigkeit des westlichen Bündnisses zu demonstrieren." Doch auch auf derlei Aggressionen wähnt Neitzel Deutschland unzureichend vorbereitet.

"Meines Erachtens ist das Grundproblem der Bundeswehr die völlige Überbürokratisierung, die verhindert, dass man schnell ist, dass man innovativ ist", sagte Neitzel über die Bundeswehr, auch wenn es dort "kluge Leute" und Ideen gebe. Aber: "Über 50 Prozent der Soldatinnen und Soldaten arbeiten nicht im Kernauftrag." Es brauche weniger Verwaltungsposten, weniger Berichtspflichten. Doch die Politik sehe die Dringlichkeit für Reformen und Aufrüstung nicht im notwendigen Maße, sagte Neitzel unter Verweis auf die Wehrpflichtdebatte, die in einen Wehrdienst ohne Pflichtelement gemündet ist. "Das kann ganz, ganz bitter enden", sagte Neitzel."

Neitzel glaubt nach eigener Aussage nicht, "dass Putin einen Plan hat: 'An diesem Tag greife ich die Nato an'". Der russische Machthaber mache sich vielmehr Gelegenheiten zunutze, wenn sie sich ergeben, etwa durch Regierungskrisen in Europa und Streitigkeiten zwischen den westlichen Staaten. "Eine solche Situation kann Putin schon jetzt ausnutzen", so Neitzel. "Er braucht vielleicht 100.000 Mann, um das Baltikum anzugreifen. Die hat er jetzt auch schon." Neitzel warb dafür, dass sich Deutschland auf alle Szenarien zumindest vorbereite, weil Diktatoren wie Putin "eben nicht immer nach einer westlichen Logik handelten". Das sei die Lehre der russischen Vollinvasion der Ukraine vor bald vier Jahren, die viele Europäer überrascht hatte.

Eine solche Vorbereitung heiße auch, die richtigen Prioritäten zu setzen: "Ich will nicht, dass wir jetzt hier Panzersperren in Berlin oder so aufbauen. Das wäre wirklich völlig übertrieben", so Neitzel. "Sondern Sie müssen das Notwendige tun, sicherlich unsere Resilienz stärken, unsere kritische Infrastruktur besser schützen und so weiter. Aber es ist vor allen Dingen eine Sache der Regierung, dass sie die Streitkräfte in die Lage versetzt, die Nachrichtendienste in die Lage versetzt." Sollte Deutschland das Baltikum gegen einen russischen Angriff verteidigen helfen, "ist es sehr wohl vorstellbar, dass russische Drohnenschwärme, russische Mittelstreckenraketen auch in Deutschland einschlagen, in der kritischen Infrastruktur".

Wie Putin Verhandlungen erschwert

Fortschritte bei den Friedensverhandlungen zwischen Russland und der Ukraine sieht Neitzel nicht. "Also ich kann nicht erkennen, dass es einen Friedenswillen gibt in Russland." Die russische Staatsführung sei weiterhin nicht zu Kompromissen bereit und halte an ihren Maximalzielen fest. Zugleich bestärke Russland mit seinen massiven Angriffen auf die Zivilbevölkerung die Wahrnehmung der Ukrainer, "Russland ist ein Verbrecherstaat, Russland will uns vernichten und Russland führt nur Scheinverhandlungen". Das erschwere Verhandlungen zusätzlich.

US-Präsident Donald Trump hatte in der Nacht erneut Putin zum Frieden aufgerufen und zugleich anerkannt, der Kreml-Chef habe "sein Wort gehalten", indem er die Angriffe auf Kiew und andere ukrainische Städte für einen vereinbarten Zeitraum ausgesetzt habe. Aus Sicht der ukrainischen Regierung ist das aber gar nicht der Fall, der Kreml täusche Trump. Nach Neitzels Einschätzung versucht Putin den US-Präsidenten "bei der Stange zu halten", ohne von seinen Kriegszielen abzurücken. "Von daher ist es notwendig für Putin, weiterzuverhandeln, weiterzureden, zu versuchen, den Ukrainern den Schwarzen Peter zuzuschieben, auf die europäische Uneinigkeit zu setzen und gleichzeitig den Druck auf die Ukraine zu erhöhen."

Bei zweistelligen Minusgraden sind weite Teile der Ukraine seit Wochen immer wieder von massiven Stromausfällen und kalt bleibenden Wohnhäusern betroffen, weil Moskau die Energieinfrastruktur systematisch zerstört. "Der Angriff auf Gaskraftwerke, Heizkraftwerke ist ganz klar ein Kriegsverbrechen", sagte Neitzel bei ntv . "Dieser Krieg hat sich ja von Anfang an auch gegen die Zivilbevölkerung gerichtet" - zumindest, nachdem der Ursprungsplan einer schnellen Enthauptung Kiews gescheitert war. "Seitdem führt Russland einen Abnutzungskrieg, der sich von Anfang an - denken wir an Mariupol - eben auch gegen die Zivilbevölkerung richtet."

Quelle: ntv.de, shu

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