Nicht genug FreiwilligePistorius will Soldaten Marschbefehl nach Litauen erteilen

Zur Sicherung der Nato-Ostflanke stationiert die Bundeswehr eine Brigade in Litauen. Verteidigungsminister Pistorius stellt klar, dass er Personal auch gegen dessen Willen dorthin abordnen wird. In welchem Umfang, sei noch unklar.
Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius rechnet mit verpflichtenden Versetzungen von Soldatinnen und Soldaten zur deutschen Brigade in Litauen. Die Bundeswehr setze weiterhin auf Freiwilligkeit, sagte Pistorius bei einem Besuch der Panzerbrigade 45 in Litauen. Er fügte aber an, es könne "passieren" und er sei sicher, "dass es geschehen wird", dass "manche nicht deshalb hingehen, weil sie es wollten", sagte Pistorius auf Englisch bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit seinem litauischen Amtskollegen Robertas Kaunas.
Pistorius sagte zur Anzahl möglicher Verpflichtungen deutscher Soldaten weiter, er wisse "nicht, in welchem Umfang" diese geschehen würden. Versetzungen seien in der Bundeswehr jedoch "nicht unüblich". Pistorius fügte an: "Einsatzbereitschaft hat oberste Priorität." Zu einer konkreten Anzahl betroffener Soldaten konnte sich der Minister nicht äußern. "Ich kann bis jetzt keine konkrete Zahl nennen, wie viel Personal nicht freiwillig hier sein wird", sagte Pistorius und fügte an: "Wir arbeiten weiter auf freiwilliger Basis, und wir werden sehen, was in den kommenden Wochen passiert." Derzeit befänden sich rund 90 Prozent der aktuell vorgesehenen Kräfte in Litauen, sagte Pistorius. Diese seien allesamt freiwillig dort.
Die Stationierung der Panzerbrigade in Litauen wurde von der Bundesregierung als Reaktion auf die wachsende Bedrohung durch Russland zugesagt. Sie gilt als zentrales Element zur Stärkung der Nato-Ostflanke und soll zur Abschreckung und Verteidigung des Bündnisgebiets beitragen. Die künftig 4.800 Soldaten des Kampfverbands sollen von 200 zivilen Mitarbeitern unterstützt werden. Bislang sind rund 1.800 Angehörige der Bundeswehr in Litauen stationiert.
Der Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Christian Freuding, verwies in Pabrade darauf, dass eine Armee nicht nur durch freiwilligen Dienst funktioniere und Soldaten daran gewöhnt seien. "Wir werden sicherstellen, dass sie ihre Mission zur richtigen Zeit am richtigen Ort erhalten. Und wir werden Ende 2027 einsatzbereit sein. Punkt." Darauf könne sich Litauen verlassen.
Mit der Verlegung der Brigade betritt die Bundeswehr militärisch Neuland. Im Gegensatz zu allen bisherigen Auslandseinsätzen handelt es sich dabei um die dauerhafte Stationierung eines Großverbandes im Ausland. Pistorius und Freuding verfolgten in Pabrade die erste Übung der Panzerbrigade 45 auf litauischem Boden, nur 20 Kilometer von der Grenze zu Belarus entfernt. Pistorius sah sich den Kampf gegen feindliche Einheiten mit Kampfpanzern, Kampfjets und Hubschraubern von einem Boxer-Radpanzer aus an - in Flecktarn-Jacke der Bundeswehr und mit Sonnenbrille und Kopfhörern.
Für die Übung "Freedom Shield 2026" wurden rund 2.900 Soldaten - darunter 2.300 aus Deutschland - und rund 800 Fahrzeuge aus acht Nato-Staaten auf dem Truppenübungsplatz Pabrade zusammengezogen. "Ich bin wirklich beeindruckt", sagte Pistorius. Die Übung sei "ein klares Signal unserer Stärke und Entschlossenheit."
Hauptstandort der Brigade wird Rudninkai nahe der Grenze zu Belarus sein. Die Kaserne wird in einem Waldgebiet liegen, das im Mai 2022 kurz nach Russlands Großangriff auf die Ukraine per Sondergesetz zu einem Truppenübungsplatz der litauischen Armee erklärt wurde. Rund 35 Kilometer von der Hauptstadt Vilnius entfernt wird nahe dem kleinen Dorf eine ganze Militärstadt für die deutschen Truppen aus dem Boden gestampft. Nur rund 1,5 Kilometer vom Ortszentrum des 500-Seelen-Dorfes entfernt entstehen Kasernen, Waffen- und Munitionsdepots, Logistikflächen und Hallen für die Unterbringung und Wartung von Panzern und anderen Gefechtsfahrzeugen.
Dass absehbar rund 5.000 Bundeswehr-Soldaten dauerhaft mit ihren Familien nach Litauen ziehen werden, bedeutet den Menschen in dem Ostseestaat viel. Nicht nur in Umfragen erfährt die Stationierung der Brigade eine hohe Zustimmung und viel Sympathie. Selbst in einem litauischen Schulbuch wird ihr Beitrag für die Sicherheit Litauens schon erwähnt.