Politik

Nach Enthüllungen der Panama Papers Politik-Neuling stellt sich in Island zur Wahl

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Gudni Th. Johannesson ist Geschichtsprofessor und Familienvater.

(Foto: dpa)

In Island wird ein neuer Präsident gewählt: In Umfragen liegt der Historiker Gudni Johannesson mit weitem Abstand vorn gelegen. Wegen der Euphorie über den Einzug der Mannschaft ins EM-Achtelfinale rechnen Experten mit einer geringen Wahlbeteiligung.

Sein ganzes berufliches Leben hat er damit verbracht, die politische Geschichte seines Landes zu studieren und zu kommentieren - nun steht er kurz davor, selbst aktiv in diese Geschichte einzugreifen: Mit 47 Jahren schickt sich Gudni Johannesson an, Präsident von Island zu werden. In allen Umfragen gilt der Historiker als klarer Favorit unter den neun Kandidaten. Ihm kommt zugute, dass er ein Quereinsteiger ist.

Johannesson hatte seine Kampagne noch gar nicht begonnen, da galt er bereits als der aussichtsreichste Kandidat für die Nachfolge von Olafur Ragnar Grimsson. Der 73-Jährige tritt nach 20 Jahren im Amt nicht mehr an.

Panama-Papers zwingen zum Rücktritt

Johannessons ungewöhnlicher Blitzstart hängt mit den "Panama Papers" zusammen: Anfang April hatten die Medien enthüllt, dass auch viele einflussreiche Isländer ihre Gelder in Steuerparadiesen geparkt und dies verheimlicht hatten - allen voran Ministerpräsident Sigmundur David Gunnlaugsson. Die Wut der Isländer, die ihre Politiker bereits für die schwere Banken- und Finanzkrise von 2008 mitverantwortlich machen, trieb Gunnlaugsson aus dem Amt.

Später stellte sich heraus, dass auch die Frau des Präsidenten vielfältige Verbindungen zu Offshore-Firmen sowie Konten auf den Britischen Jungferninseln unterhielt. Grimsson beschloss daraufhin endgültig, nicht mehr für eine weitere Amtszeit zu kandidieren.

Als Experte für Islands politische Geschichte, Diplomatie und die Verfassung will Johannesson seinen Landsleuten das Vertrauen in ihr Regierungssystem zurückgeben. Sie kennen den Dozenten an der Universität von Island bereits als profilierten Kommentator in den Medien. Seine Ansichten sind moderat; weder gehört er einer Partei an, noch lässt er Vorlieben für eine politische Richtung erkennen.

Traditioneller Wahlkampf

Seine Wahlkampf absolvierte Johannesson gemäß der isländischen Tradition: Er besuchte seine Landsleute während seiner Kampagne am Arbeitsplatz oder zu Hause, um mit ihnen zu diskutieren. "Es hat Spaß gemacht. Ich war positiv überrascht, wie sehr ich es genieße, mit den Menschen zu reden und ihnen zuzuhören", sagte er.

Johannesson kommt es zugute, dass er ein Neuling in der Politik ist - wie in anderen Ländern sind Politiker auf der Nordatlantik-Insel zurzeit nicht besonders populär. Nach seinem Studium in Oxford und seiner Promotion an Londons Queen Mary University verbrachte er einen Großteil seiner beruflichen Laufbahn in Hörsälen oder Bibliotheken. In der Öffentlichkeit präsentiert er sich als normaler Familienvater, der gerne liest, joggt und Fußball spielt. Darüberhinaus hat er vier Bücher des US-Horrorautors Stephen King übersetzt.

Als Präsident will Johannesson eher "einen als spalten" und sich ansonsten aus der Politik und den "gesellschaftlichen Debatten" heraushalten. Damit entspricht er dem Idealbild eines isländischen Staatschefs: Dieser gilt als Garant der Verfassung und der Einheit des Inselstaates und hat ansonsten hauptsächlich repräsentative Aufgaben zu erfüllen.

Quelle: ntv.de, jaz/AFP