Politik
Der Tod des jugendlichen Flüchtlings in Schmölln sei ein "schlimmer Todesfall", erklärt Ministerpräsident Ramelow.
Der Tod des jugendlichen Flüchtlings in Schmölln sei ein "schlimmer Todesfall", erklärt Ministerpräsident Ramelow.(Foto: dpa)
Montag, 24. Oktober 2016

Flüchtlingstod in Schmölln: Polizei geht nicht von Suizid-Rufen aus

Die "Spring doch"-Rufe im thüringischen Schmölln sind Ermittlungen zufolge in einen falschen Kontext gesetzt worden. Polizeiuntersuchungen ergeben, dass der junge Flüchtling, der sich aus einem Fenster stürzte, nicht zum Suizid ermuntert worden sei.

Nach dem Suizid eines jungen Flüchtlings im ostthüringischen Schmölln hat die Polizei bislang weiter keinen Beleg dafür, dass Schaulustige den Mann zum Sprung aus dem Fenster aufforderten. Nach den bisherigen Ermittlungen und umfangreichen Befragungen gebe es "keinerlei belegbare Hinweise" für solch eine Aufforderung, sagte ein Sprecher der Landespolizeidirektion in Erfurt.

Rat und Nothilfe
  • Bei Suizidgefahr: Notruf 112
  • Beratung in Krisensituationen: Telefonseelsorge (Tel.: 0800/111-0-111) oder Kinder- und Jugendtelefon (Tel.: 0800/111-0-333; wochentags von 14 bis 20 Uhr)
  • Auf den Seiten der Deutschen Depressionshilfe sind Listen mit regionalen Krisendiensten und mit Kliniken zu finden. Zudem gibt es viele Tipps für Betroffene und Angehörige.

Bislang sei unklar, ob es sich womöglich um ein Missverständnis oder eine Fehlinterpretation handle, so der Sprecher weiter. Er berief sich dabei auf Beamte, die an dem Einsatz beteiligt waren, und befragte Augenzeugen. "Diejenigen, die das am Anfang gesagt haben, konnten das in der Zeugenbefragung nicht mehr deutlich verifizieren." Neueste Ermittlungsergebnisse deuteten darauf hin, dass Nachbarn den jungen Mann möglicherweise lediglich auffordern wollten, in das ausgebreitete Sprungtuch der Feuerwehr zu springen. Die Aussage habe sich offenkundig als "Selbstläufer" verbreitet.

Ramelow: "Stigma Ostdeutschland"

Auch Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) zweifelte Berichte über eine angebliche Hetzstimmung in Schmölln vom Wochenende an. "Der Nachbar, der mittlerweile einräumt, dass er das gerufen hat, bezog sich auf die Feuerwehr, die längst mit dem Sprungtuch da war", sagte Ramelow im Deutschlandfunk. Das würde auch die Aussage der als Quelle genannten Frau "in eine andere Logik" einordnen. "Am Ende bleibt es bei einem schlimmen Todesfall eines jungen Menschen, der seine Verzweiflung nicht aushalten konnte", so der Linke-Politiker.

Ramelow räumte ein, es gebe in den neuen Ländern wie auch in ganz Deutschland ein Problem mit Fremdenfeindlichkeit. Dies sei überhaupt nicht zu beschönigen, sagte er. Im Fall Schmölln sei aber "das Stigma Ostdeutschland" sehr schnell "draufgeklebt worden". Kommentare in sozialen Netzwerken, die den Suizid des Flüchtlings befürworteten, bezeichnete er als "inhuman" und "katastrophal".

Schmöllns Bürgermeister und SPD-Politiker Sven Schrade hatte auf einer Pressekonferenz am Samstag und auf seiner Facebook-Seite berichtet, es sollten "Spring doch"-Äußerungen gefallen sein. Außerdem hätten ihn Bildaufnahmen erreicht, "die den Jungen auf dem Fensterbrett sitzend zeigten, versehen mit unbegreiflichen Kommentaren".

Der kurz vor seinem Tod aus einer psychischen Behandlung entlassene jugendliche Flüchtling aus Somalia hatte sich am Freitag aus dem fünften Stock eines Plattenbaus gestürzt. Der Jugendliche sprang neben ein von der Feuerwehr gespanntes Sprungtuch und erlag seinen Verletzungen.

Quelle: n-tv.de