Politik

Höchste Alarmstufe in Frankreich Polizei sucht den Straßburger Attentäter

Terroralarm in Frankreich: In Straßburg eröffnet ein Mann in der Nähe des Weihnachtsmarkts das Feuer auf Passanten. Drei Menschen verlieren ihr Leben. Es gibt mehrere Verletzte. Der Täter flüchtet - wohin, ist unklar. Die Fahndung dauert an. Auch in Deutschland wird ermittelt.

Frankreich wird mitten der Vorweihnachtszeit von einem schweren Terroranschlag erschüttert: Bei dem Angriff in der Straßburger Innenstadt am Vorabend hat ein polizeibekannter Attentäter gezielt mit einer automatischen Waffe auf Passanten geschossen. Zwei Menschen wurden getötet. Mehrere Personen wurden verletzt.

Der Schütze befindet sich weiter auf der Flucht: Sein Aufenthaltsort sei unklar, heißt es aus Frankreich. Nach dem Täter, einem 29-jährigen polizeibekannten Gefährder, wird weiter mit Hochdruck gefahndet. Es könne "nicht ausgeschlossen" werden, dass er nach Deutschland geflohen sei, sagte Frankreichs Innenstaatsekretär Laurent Nuñez. Nach dem Angriff seien aber die Grenzen und die Stadt Straßburg abgeriegelt worden.

Die für den Anti-Terror-Kampf zuständige Pariser Staatsanwaltschaft kündigte für die Mittagszeit eine Pressekonferenz an. Staatsanwalt Rémy Heitz will sich demnach vor Ort in Straßburg äußern. Der Beginn der ursprünglich für 12.00 Uhr angesetzten Veranstaltung verzögerte sich. Die Ermittler gehen dem Verdacht auf "Mord und Mordversuch im Zusammenhang mit einer terroristischen Unternehmung" und "Bildung einer kriminellen terroristischen Vereinigung" nach.

Hinweis: Alle Entwicklungen zum Terroranschlag in Straßburg finden Sie im n-tv.de Liveticker

Deutsche Ermittler im Einsatz

527c3fcb19146f353863c186865accea.jpg

Höchste Terrorwarnstufe in Frankreich.

(Foto: AP)

Vor Ort dauert unterdessen die Fahndung weiter an. In Frankreich gilt die höchste Terrorwarnstufe. Im Großraum Straßburg sind schwer bewaffnete Spezialkräfte im Einsatz. Einheiten des Militärs patrouillieren in den Straßen. Die Bundesregierung hat Frankreich Unterstützung zugesagt. Der Verdächtige gilt als extrem gefährlich. Er ist wohl noch immer bewaffnet und möglicherweise verletzt. Jeder sei aufgefordert, aufmerksam zu sein, teilten die französischen Behörden mit.

Die deutsche Sicherheitsbehörden sind nach Informationen des Berliner "Tagesspiegels" nicht nur aktiv an der Suche nach dem Attentäter von Straßburg beteiligt, sondern fahnden auch nach dessen Bruder. Die beiden wohnten in Straßburg, wie das Blatt berichtete. Die Brüder würden als radikalisiert eingestuft und dem Straßburger Islamistenmilieu zugerechnet, sagte ein hochrangiger Sicherheitsexperte der Zeitung.

Fahndung nach Chérif und Sami C.

In Deutschland tauchen die Namen des mutmaßlichen Attentäters Chérif C. und seines Bruders Sami C. allerdings nach dpa-Informationen nicht in der Datei für islamistische Gefährder auf. Aus Sicherheitskreisen hieß es, die Schwelle für eine Registrierung in der französischen "fiche-S-Datei" sei deutlich niedriger als für die Aufnahme in die deutsche Gefährder-Datei.

*Datenschutz

Unter den Opfern des Angriffs auf den Straßburger Weihnachtsmarkt sind ersten offiziellen Angaben zufolge "nach jetziger Kenntnis keine Deutschen", teilte das Krisenreaktionszentrum der Bundesregierung mit. Trotz des Großaufgebot von Polizei und Spezialeinheiten befindet sich der Gesuchte noch immer auf freiem Fuß. Die Polizei geht von einem möglichen Terrorhintergrund aus, da der Verdächtige bei den Behörden als Gefährder geführt wurde.

Spontane Racheaktion?

Den Erkenntnissen der Ermittler zufolge handelt es sich bei dem Gesuchten um einen französischer Staatsbürger mit nordafrikanischen Wurzeln. Der 29-Jährige wurde vom Amtsgericht Singen wegen schweren Diebstahls zu einer Gefängnisstrafe verurteilt und war in Deutschland in Haft (mehr dazu hier). Nach dem Verbüßen der Strafe wurde er im Jahr 2017 nach Frankreich abgeschoben, hieß es.

Das Motiv für den Angriff auf den Straßburger Weihnachtsmarkt könnte Rache gewesen sein, spekulierte der "Tagesspiegel" unter Berufung auf Sicherheitskreise. Möglicherweise habe Chérif C. auf den Versuch seiner Festnahme durch die Polizei in Straßburg spontan reagiert. Den französischen Sicherheitsbehörden seien keine Vorbereitungen auf einen Anschlags in Straßburg bekannt gewesen.

Straßburg im Schockzustand

Ob der Täter tatsächlich aus terroristischen Motiven handelte, ist allerdings noch unklar. Das Innenministerium in Paris wollte sich in dieser Frage noch nicht festlegen. Eine terroristischer Hintergrund sei im Moment noch nicht sicher, sagte Staatssekretär Nuñez. Der mutmaßliche Täter sei zwar polizeibekannt gewesen, allerdings bisher nicht im Zusammenhang mit Terrorismus. Er sei mehrfach im Gefängnis gewesen und dort sei auch eine Radikalisierung festgestellt worden. Zuvor war bekannt geworden, dass der Täter in Frankreich mit dem Vermerk "Fiche S" aktenkundig war. Damit wurde er auf einer Liste von Personen geführt, die als "Gefährder" gelten.

ed45758b6594491f8b461ad0c05ff9b1.jpg

Großfahndung in der Region an der deutschen Grenze: Schwer bewaffnete Polizisten kontrollieren Fahrzeuge am Übergang bei Kehl.

(Foto: imago/7aktuell)

In der Straßburger Innenstadt stehen die Menschen am Morgen nach den Schüssen noch immer unter Schock. Augenzeugen zufolge schoss der Täter am Dienstagabend gegen 20.00 Uhr wild um sich, Passanten flüchteten in Panik oder brachten sich in Bars in Sicherheit, wo sie bis spät in die Nacht ausharrten. Bereitschaftspolizisten und Soldaten riegelten den Weihnachtsmarkt ab. Anwohner wurden in den ersten Stunden nach dem Anschlag dazu aufgerufen, die Innenstadt in Richtung Norden zu verlassen. Der Täter, hieß es zunächst, habe sich in dem südöstlich gelegenen Stadtteil Neudorf verschanzt. Eine Überprüfung vor Ort brachte offenbar keine neuen Hinweise zum Verbleib des Täters.

In der Region nahe der deutschen Grenze kommt es zu umfangreichen Polizeikontrollen. Auf deutscher Seite riefen die Behörden dazu auf, die Grenzübergänge bei Straßburg zu meiden. Beamte der Bundespolizei errichteten hier eigene Kontrollposten. Der grenzüberschreitende Verkehr bei Kehl musste in der Nacht zeitweise eingestellt werden. Am Morgen danach werden Fahrzeuge angehalten und überprüft.

Europaparlament abgeriegelt

Von den Absperrungen betroffen war auch das Europaparlament in Straßburg. Dort finden in dieser Woche Plenarsitzungen statt, Hunderte Abgeordnete und ihre Mitarbeiter halten sich deshalb in der Stadt auf. Rund um den Gebäudekomplex zogen nach den ersten Schüssen schwer bewaffnete Sicherheitskräfte auf. Über Stunden hinweg durfte niemand das Gebäude verlassen, Mitarbeiter wurden per Handy-Kurznachricht und Mail gewarnt. Hunderte Parlamentarier, Mitarbeiter und Journalisten saßen vorübergehend fest. Erst am frühen Mittwochmorgen durften sie sich auf den Heimweg machen.

*Datenschutz

"Meine Gedanken sind bei den Opfern der Schießerei in Straßburg, die ich mit großer Entschiedenheit verurteile", schrieb EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker auf Twitter. Straßburg sei eine symbolische Stadt für den Frieden und die europäische Demokratie. "Werte, die wir immer verteidigen werden." Die EU-Kommission stehe an der Seite Frankreichs.

41a01313ae2e2a8c60414d73ef076da7.jpg

Der weltberühmter Straßburger Weihnachtsmarkt bleibt vorerst geschlossen: Blick in die Reihen des Christkindelsmaerik am Morgen nach den tödlichen Schüssen.

(Foto: REUTERS)

Die Polizei rief die Bürger dazu auf, Ruhe zu bewahren und den Anweisungen der Sicherheitskräfte zu folgen. Die Regierung habe zusätzliche Kräfte mobilisiert, sagte Frankreichs Innenminister Castaner. 350 Einsatzkräfte und mehrere Hubschrauber waren am Morgen an der Fahndung beteiligt. Weitere Verstärkung ist unterwegs- Castaner selbst war noch in der Nacht in Straßburg eingetroffen.

Feuergefecht mit Soldaten

Der Verdächtige, der den Behörden als Gefährder bekannt ist und der wegen verschiedener Delikte in Deutschland und Frankreich vorbestraft sein soll, hatte nach Angaben der Präfektur gegen 20 Uhr nahe dem Weihnachtsmarkt der Elsass-Metropole das Feuer eröffnet. Castaner beschrieb den genauen Tatort nicht näher und sagte lediglich, der Täter habe an drei verschiedenen Orten in der Stadt "Terror" verbreitet. Zwischen 20 und 21 Uhr habe er sich zweimal einen Schusswechsel mit Sicherheitskräften im Patrouilleneinsatz geliefert.

68a8e59400b42864f7ed47029af40564.jpg

Kriegsähnliche Zustände in den Straßen von Straßburg: Schwer bewaffnete Polizisten halten Ausschau nach dem Angreifer.

(Foto: imago/PanoramiC)

Die Nachrichtenagentur AFP meldete unter Berufung auf die Polizei, der vermutlich radikalisierte Mann sei vor seiner Flucht von Soldaten verletzt worden. Laut dem Sender France Info entkam er zunächst mit einem Taxi, das er gestohlen hatte. Die französische Regierung rief nach dem Anschlag die höchste nationale Sicherheitswarnstufe aus. Das Kabinett kam noch in der Nacht zu einer Krisensitzung zusammen.

Handgranaten in der Wohnung

Die Behörden waren dem mutmaßlichen Täter bereits auf der Spur. Medienberichten zufolge hätte der Mann eigentlich bereits am Dienstagmorgen verhaftet werden sollen. Wie France Info unter Berufung auf Polizeiquellen berichtete, trafen ihn die Ermittler jedoch nicht zu Hause an. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung Stunden vor den Schüssen wurden mehrere Handgranaten gefunden, wie France Info und die Zeitung "Le Parisien" berichteten.

Frankreich ist in den vergangenen Jahren immer wieder Ziel von islamistisch motivierten Terroranschlägen geworden, die fast 250 Menschen das Leben kosteten. Auch diesmal zogen Anti-Terror-Spezialisten der Pariser Staatsanwaltschaft die Ermittlungen an sich. Teile der Untersuchung wurden unter anderem dem Inlandsgeheimdienst DGSI übergeben, wie Justizkreise in Paris bestätigten.

Der Weihnachtsmarkt in Straßburg bleibt am Mittwoch geschlossen. Auch die kulturellen Einrichtungen der Stadt öffnen nicht, wie es in einer Mitteilung der Stadt hieß. Der Unterricht sollte am Mittwoch an Grundschulen und Vorschulen ausgesetzt werden. Eltern wurde geraten, ihre Kinder zu Hause zu lassen, wie die Präfektur mitteilte. An weiterführenden Schulen und Hochschulen sollte der Unterricht stattfinden.

Zusammen mit dem Weihnachtsmarkt in Dresden zählt der Straßburger Weihnachtsmarkt zu den ältesten Europas. Der "Christkindelsmärik" wurde 1570 erstmals erwähnt. Er sollte schon einmal Ziel eines Attentats sein: Im Jahr 2000 wurde ein geplanter Sprengstoffanschlag einer algerischen Gruppe rechtzeitig verhindert.

Quelle: n-tv.de, mmo/AFP/dpa

Mehr zum Thema