Politik

Komiker ist der große Favorit Poroschenko steht vor einem Wahldebakel

8a41e1aa54807ae2b38e077dba730354.jpg

Amtsinhaber Poroschenko (l.) und Herausforderer Selenskyj beim TV-Duell im Olympiastadion.

(Foto: dpa)

Im Rennen um das ukrainische Präsidentschaftsamt gibt Amtsinhaber Poroschenko alles, inklusive Alkohol- und Drogentests. Trotzdem droht dem 53-Jährigen im Duell mit dem Komiker Selenskyj eine Niederlage. Der ist bereits Staatschef in einer Comedy-Serie.

Eines muss man dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko lassen: Nach seiner Niederlage gegen den Komiker und Politikneuling Wolodymyr Selenskyj im ersten Wahlgang kämpfte er drei Wochen lang hart um Wählerstimmen. Eventuell sogar zu hart. Denn der 53-Jährige, der bei den vorgezogenen Präsidentschaftswahlen im Mai 2014 gleich in der ersten Runde auf fast 55 Prozent kam, war nahezu jeden Tag im Fernsehen zu sehen.

Dabei besuchte Poroschenko nicht nur freundliche oder neutrale Sender, sondern auch 1+1, den Sender seines Erzfeindes, des Großunternehmers Ihor Kolomojskyj, dessen Unterstützung für Selenskyj offensichtlich ist. Poroschenko gab zahlreiche Interviews und traf sich zum ersten Mal seit Langem mit den Vertretern der Zivilgesellschaft. Die Hauptbotschaft seines Kampfes: Ich habe euch gehört. Ich habe Fehler gemacht. Meine Kommunikation war falsch.

Poroschenko ging sogar so weit, dass er auf die Forderung Selenskyjs einging, vor dem TV-Duell Alkohol- und Drogentests abzugeben. Zweimal ließ sich der Amtsinhaber dafür Blut abnehmen. Letztlich stimmte Poroschenko fast allen Bedingungen seines Kontrahenten für die Austragung des Rededuells im Kiewer Olympiastadion zu.

Dennoch ist die Lage des amtierenden Präsidenten vor der Stichwahl nahezu katastrophal. Die beiden letzten seriösen Umfragen aus der vergangenen Woche sehen schlecht aus für Poroschenko. Das Internationale Soziologie-Institut (KMIS) prognostizierte 48,4 Prozent für Selenskyj, Poroschenko bekäme demnach lediglich 17 Prozent. Die Rating Group kam auf 51,8 Prozent für Selenskyj und nur 19 für Poroschenko. "Selenskyj ist nicht mehr einzuholen. Es sei denn, es passiert etwas ganz Unerwartetes", betonte KMIS-Chef Wolodymyr Paniotto trotz der angeblich leicht ansteigenden Tendenz in den etwas ungenauen Telefonumfragen.

In einer Fernsehserie ist er schon Präsident

Diese Tendenz hat sich laut KMIS bereits vor dem TV-Duell am Freitagabend wieder umgedreht. Auch während der Debatte im Olympijskyj ist es Poroschenko nicht gelungen, einen entscheidenden Game Changer gegen den durchaus vorbereiteten Selenskyj zu erzielen. Und so ist davon auszugehen, dass im schicken Wahlquartier des 41-jährigen Schauspielers, wo man vor drei Wochen Tischtennis spielen und Karaoke singen konnte, am Sonntagabend erneut Partystimmung herrscht.

Anders als bei der beliebten Comedy-Serie "Diener des Volkes", in der Selenskyj zum ukrainischen Staatsoberhaupt wird, wäre das keine Sensation mehr. In der Serie wird der Geschichtslehrer quasi über Nacht zum Präsidenten, nachdem ein Schüler seine Wutrede über die Politik filmt und auf Youtube postet. Legendär ist die Szene, in der der korrupte Ministerpräsident den halbnackten Lehrer am Morgen nach der Wahl in der Wohnung seiner Eltern begrüßt, um ihm den Wahlsieg zu verkünden.

71627cb73309e9127ef50c1a78fe9220.jpg

Vor wenigen Tagen traf Poroschenko Kanzlerin Angela Merkel im Berliner Kanzleramt.

(Foto: imago images / snapshot)

Ganz so würde es am Sonntagabend natürlich nicht aussehen, zumal Selenskyj kein armer Geschichtslehrer ist, sondern ein mächtiger Fernsehproduzent. Der über die riesige Produktionsfirma Kwartal 95 verfügt, benannt nach dem Heimatbezirk des 41-Jährigen in seiner Geburtsstadt Krywyj Rih in der Ostukraine. Anders als seine Fernsehfigur besitzt Selenskyj Luxusimmobilien in vielen Ländern Europas, inklusive Großbritannien.

Trotzdem käme sein Sieg einem politischen Erdbeben gleich. Obwohl Selenskyjs Verbindung zum Oligarchen Kolomojskyj nicht zu verbergen ist, schafft er es als Gesicht der Politsatire-Sendung "Das Abendquartal", sich erfolgreich als Kandidat des Anti-Establishments darzustellen. Für viele Ukrainer, die müde von den gleichen Gesichtern in der Politik sind, wird seine Unerfahrenheit zum Vorteil. Denn Selenskyj hatte mit dem politischen Leben seines Landes zuvor, eben nur in Form politischer Satire zu tun.

Wenig konkrete Wahlprogramme

"In diesem System keine Erfahrung zu haben, ist besser als seit 20 Jahren dabei zu sein, wie Poroschenko", meint Dmytro Rasumkow. Er ist in Selenskyjs Wahlteam für die Innenpolitik zuständig ist. Dass Ehrlichkeit wichtiger ist als alles andere und sich politische Kompetenz mit der Zeit erarbeiten lasse, meinen auch viele Anhänger des Komikers vor dem Fernsehduell im Olympijskyj.

6afacb156be5f6ec49ba5e65438b434b.jpg

Gegen das Establishment: Komiker Selenskyj nach dem TV-Duell.

(Foto: imago images / ZUMA Press)

Doch ist das überhaupt so und - viel wichtiger - schlägt Selenskyj überhaupt etwas vor, abgesehen von seiner Ablehnung des Establishments? Sein Wahlprogramm mit dem Titel "Das Land der Träume" ist aufgebaut auf einer Liberalisierung der Wirtschaft und der Stärkung der direkten Demokratie, Referenden inklusive. Er setzt sich außerdem für die Aufhebung der strafrechtlichen Immunität des Präsidenten, der Abgeordneten sowie der Richter ein. Auch will der 41-Jährige Großbritannien und die USA zu den Verhandlungen um den Donbass-Krieg einladen, an denen bisher Deutschland, Frankreich, Russland und die Ukraine teilnehmen.

Konkret ist Selenskyjs Wahlprogramm also keinesfalls. Allerdings ist das Programm Poroschenkos, das auf dem national orientierten Slogan "Armee! Sprache! Glauben!" basiert, nicht viel konkreter. Und auch wenn Selenskyj ohne Zweifel zum Populismus tendiert, polarisiert er dennoch viel weniger als Poroschenko. Der hatte zuletzt vor allem auf die patriotische Wählerschaft tief im Westen der Ukraine abgezielt. Dem gebürtigen Russischsprachler Selenskyj gelingt es dagegen ziemlich gut, zumindest wählertechnisch das Land zu vereinen: Im ersten Wahlgang gewann er gleich in 20 von 25 Regionen der Ukraine.

Ob die Beliebtheit des 41-Jährigen auch nach einem vermeintlichen Wahlsieg anhält, ist aber äußerst fraglich. Erstens ist ein erheblicher Teil seiner Wähler eben Protestwähler, die mehr gegen alle anderen Kandidaten als für Selenskyj gestimmt haben. Und zweitens: Die Parlamentswahl wird erst im Oktober ausgetragen - und derzeit hat er in der Werchowna Rada, dem ukrainischen Parlament, keine eigene Fraktion hinter sich. Das kann zum großen Problem bei der Durchsetzung des Wahlprogramms werden. Obwohl es schon lange zur politischen Tradition der Ukraine gehört, dass nach einer Präsidentschaftswahl die Abgeordneten massenhaft überlaufen.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema