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Lübcke-Angeklagter "schuldfähig" Psychiater empfiehlt Sicherungsverwahrung

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"Voll zurechnungsfähig, als er die Schüsse abgab": Der mutmaßliche Mörder Lübckes ließ sich von dem psychiatrischen Gutachter befragen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Dem mutmaßlichen Lübcke-Mörder droht die spätere Sicherungsverwahrung. Ein Psychiater bescheinigt ihm volle Zurechnungsfähigkeit und bezweifelt, dass sich der Angeklagte von seiner rechtsextremen Gesinnung losgesagt habe. Den Beschuldigten schildert der Gutachter als Mann mit zwei Gesichtern.

Der psychiatrische Sachverständige Norbert Leygraf hält den mutmaßlichen Mörder des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke für schuldfähig. In den Gesprächen mit dem Angeklagten Stephan Ernst habe er keine Hinweise auf entsprechende Störungen, eine "forensisch relevante Minderbegabung" oder Einflüsse durch Suchtmittel festgestellt, sagte der 67-jährige Experte bei der Vorstellung seines Gutachtens vor dem Oberlandesgericht (OLG) Frankfurt. Auch Hinweise für eine Bewusstseinsstörung wie eine manische Psychose lägen nicht vor. Auch die Schüsse auf Lübcke habe der Angeklagte nicht im Zustand einer Bewusstseinsstörung abgegeben.  

Zugleich ging der Gutachter davon aus, dass Ernst weitere vergleichbare schwere Straftaten begehe, wenn er die Möglichkeit dazu habe, sagte der Experte. Daher seien die Voraussetzungen für eine spätere Sicherungsverwahrung erfüllt. Folge man den Vorwürfen aus der Anklage, werde E. "mit überwiegender Wahrscheinlichkeit bei entsprechenden Möglichkeiten erneut Straftaten begehen", sagte Leygraf.

In seinem Gutachten schilderte der Gutachter Ernst als stets höflich und zurückhaltend. Er habe in den insgesamt neunstündigen Evaluierungsgesprächen "ausgesprochen kontrolliert" gewirkt, häufig nach längeren Pausen, dann aber lang ausholend geantwortet. Dabei seien die Angaben oft sehr vage geblieben. Emotionen habe Ernst nur gezeigt, als es um die Beziehung zu seinem Vater ging, den er in seiner Einlassung vor Gericht als gewalttätig und lieblos beschrieben hatte.

Leben mit zwei verschiedenen Seiten

Die Darstellung Ernsts, dass er sich von der ausländerfeindlichen Einstellung seiner Jugend gelöst habe, erscheine zweifelhaft, sagte der Experte. Die Bereitschaft, aus dieser Gesinnung heraus schwere Straftaten zu begehen, habe er bereits als Jugendlicher und Heranwachsender unter Beweis gestellt.

Leygraf beschrieb Ernst als "zurückhaltenden Einzelgänger", dessen Leben zwei verschiedene Seiten habe. Zum einen habe er sich nach seiner ersten Haftstrafe in den 90er Jahren ein bürgerliches Leben aufgebaut, sei Familienvater geworden und ein "geschätzter Arbeitskollege". Gleichzeitig sei er ein aktives Mitglied der rechtsradikalen Szene gewesen, führte der Sachverständige aus. Die Bundesanwaltschaft geht von einem rechtsextremistischen Motiv für die Tat aus.

Lübcke war in der Nacht zum 2. Juni 2019 tot auf der Terrasse seines Wohnhauses im nordhessischen Wolfhagen-Istha gefunden worden. Ernst soll ihn aus rechtsextremen Motiven getötet haben. Darüber hinaus ist er wegen eines versuchten Mordes an einem irakischen Flüchtling angeklagt. Der Prozess gegen ihn begann im Juni. Die ursprünglich für den 1. Dezember angesetzte Urteilsverkündung wird sich nach OLG-Angaben verschieben.

Quelle: ntv.de, mau/dpa