Politik

Russlands Schattenarmee Putin holt Söldner aus Afrika in die Ukraine

imago0145900364h.jpg

Wagner operiert unter dem Radar. So lässt sich alles abstreiten, auch Menschenrechtsverbrechen.

(Foto: IMAGO/imagebroker)

Bislang war die russische Söldnerarmee Wagner vor allem in Afrika stationiert - jetzt werden die zwielichtigen Kämpfer in die Ukraine verlegt, um Russlands Offensive zu unterstützen.

"Wir haben gehört, was in der Ukraine passiert", sagt der Kommandant einer Eliteeinheit der zentralafrikanischen Armee in die Kamera. Das Video zirkuliert derzeit in afrikanischen Medien und auf sozialen Netzwerken. Neben dem Offizier stehen rund ein Dutzend Soldaten in Kampfmontur stramm: "Die russischen Soldaten führen eine Spezialoperation aus, um Frieden zu bringen", heißt es weiter: "Wir afrikanischen Soldaten sind bereit, unsere russischen Brüder zu unterstützen."

Tatsächlich erhält Russlands Eroberungsfeldzug in der Ukraine Hilfe aus Afrika. Denn auf dem Kontinent ist seit wenigen Jahren die private russische Sicherheitsfirma "Wagner" stationiert. Diese rekrutiert nun vermehrt afrikanische Söldner, um russischen Truppen in der Ukraine zur Hilfe zu kommen. In einem Tweet aus der ukrainischen Region Donbass heißt es, zwei zentralafrikanische Kämpfer seien an der Front ums Leben gekommen. Auf Twitter zirkuliert ein Foto der beiden in Kampfmontur und dem schwarzen Wagner-Totenkopf-Abzeichen an der Schulter, daneben Fotos ihrer Reisepässe: in kyrillischer Schrift.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj ließ Anfang März verlauten, dass Wagner-Söldner eine regelrechte Hetzjagd auf ihn ausgerufen haben, um ihn zu ermorden. Bereits vier Mal sei er Scharfschützen entkommen: Spezialeinheiten von Wagner.

In vielen Konfliktgebieten Afrikas trauen sich Journalisten, UN-Mitarbeiter und Diplomaten den Namen "Wagner" nur im Flüsterton auszusprechen. Die russischen Söldner sind überall, wo sie auftauchen, berüchtigt, umstritten und gefürchtet. Zu Recht: 2018 wurden in Zentralafrika drei russische Journalisten brutal ermordet, als sie den Spuren Wagners nachgehen wollten. Laut der Wagner-eigenen Webseite hat die Firma auf dem afrikanischen Kontinent bis zu 50.000 Söldner stationiert: von Mauretanien über Mali bis nach Mosambik und Madagaskar.

Ihre Spuren sind meist wenig sichtbar: geheime Verträge mit afrikanischen Regierungen, geheime Stationierung von Truppen in Afrikas Kriegsgebieten. Sichtbar wird meist nur das moderne russische Kriegsgerät - vom Kampfhubschrauber bis zu lasergesteuerten Mörsersystemen, wie sie in Libyen zum Einsatz kamen und die sicher nicht ohne Zustimmung des Kremls in private Hände gelangen. Und sichtbar ist immer auch die Handschrift von Gewalt und Zerstörung, die Wagner hinterlässt - wie derzeit in der Ukraine.

Leibwächtereinheiten im Kriegsgebiet Zentralafrika

In keinem Land Afrikas hat sich Wagner so festgesetzt wie in der Zentralafrikanischen Republik. In dem bettelarmen Land herrscht seit 2013 ein blutiger Bürgerkrieg. Muslimische Rebellen nahmen damals die Hauptstadt Bangui ein und stürzten die Regierung. Die ohnehin marode Armee war zerfallen, Milizen regieren das Land jenseits der Hauptstadt. Die bisherige Schutzmacht und einstige Kolonialmacht Frankreich zog nach dem Putsch ihre Soldaten ab, die noch für ein wenig Sicherheit gesorgt hatten. Als Präsident Faustin Touadera 2016 durch Wahlen an die Macht kam, musste er um sein Leben fürchten. Da schloss er einen geheimen Vertrag mit Moskau. Seitdem stellen russische Elitekämpfer Touaderas Leibwächtereinheit.

Russlands Militär sollte offiziell Ausbilder schicken, um die zentralafrikanischen Soldaten zu trainieren. Da die Vereinten Nationen ein Waffenembargo gegen das Land verhängt hatten, durften diese 300 Ausbilder nur unbewaffnet und ohne Kriegsgerät einreisen. Inoffiziell kamen aber weit über 1000 Wagner-Söldner, in voller Kampfuniform, mit Maschinengewehren und Kampfhubschraubern. Der damalige Innen- und Sicherheitsminister Sergej Bokassa, Sohn des ehemaligen Diktators, der für die Immigrationsbehörden zuständig ist, klagte, er habe nicht einmal die Reisepässe der Russen kontrollieren dürfen.

Seitdem hinterlassen die Söldner eine Spur der Gewalt in dem ohnehin kriegsgebeutelten Land. Eine UN-Ermittlergruppe veröffentlichte 2021 einen 250-seitigen Bericht über die Menschenrechtsverbrechen von Wagner im Land. Dazu zählen: "Massenhinrichtungen im Schnellverfahren, willkürliche Festnahmen, Folter bei Verhören, Verschwindenlassen, Zwangsvertreibungen der Zivilbevölkerung, wahllose Angriffe auf zivile Einrichtungen, Verletzungen des Rechts auf Gesundheit und zunehmende Angriffe auf humanitäre Akteure sowie Vergewaltigung von Frauen und Mädchen". Das klare Fazit des UN-Expertenteams: Kriegsverbrechen.

Der Nigerianer Chris Kwaja ist für diese UN-Expertengruppe für Afrika zuständig. Er fürchtet, dass das Beispiel der Zentralafrikanischen Republik auch in anderen Ländern, wo Wagner stationiert ist, Schule macht: "Wenn wir uns nicht mit den Folgen dieser Wagner-Deals in Land A auseinandersetzen, ist die Tendenz, dass dieselben Sachen in Land B oder C geschehen, sehr hoch", so Kwaja.

Wagner - verlängerter Arm des russischen Militärgeheimdienstes

Für Joseph Siegle, Direktor des Afrika-Zentrums für Strategische Studien in Washington, ist Wagner nicht einfach nur eine private Sicherheitsfirma, sondern der "verlängerte Arm des russischen Militärgeheimdienstes GRU", so der Analyst: "Dieser lässt sich möglichst kostengünstig und effektiv im Ausland einsetzen" - unter Umgehung von Recht und Gesetz. "Wagner operiert unter dem Radar, denn so lässt sich alles abstreiten, auch Menschenrechtsverbrechen", sagt Siegle. Und so weist Moskau auch jede Verbindung zu Wagner offiziell von sich.

Der Name "Wagner" ist der Kampfname des russischen Oberstleutnants Dmitri Utkin, ein Fallschirmspringer-Veteran der GRU-Spezialeinheiten. Nach seiner Pensionierung 2013 ließ er sich von der russischen Sicherheitsfirma Slavonic Corps zuerst in den Irak, später in die Ostukraine und auf die Krim entsenden, wie viele ehemalige Soldaten, deren staatliche Rente nicht ausreicht.

Dann wurde seine Firma von einem russischen Gericht aufgelöst. Söldnertum ist in Russland offiziell illegal. Kurz darauf präsentierte er sich im Donbass unter einem neuen Firmennamen: "Wagner", benannt nach Hitlers Lieblingskomponisten. Aus seiner Leidenschaft zum Dritten Reich macht Utkin keinen Hehl: An der Front trägt er einen Wehrmachtshelm, seine SS-Tattoos am Hals deutlich sichtbar.

Utkin rekrutierte in Osteuropa Kämpfer aus ehemaligen Kriegsgebieten: Tschetschenen, Serben, Albaner. Wagner übernahm 2014 zuerst die Herrschaft über die Krim, dann über Luhansk, Donezk und die Donbass-Region - wohl im Auftrag Moskaus. Dann expandierte Wagner nach Syrien, wo die Firma vom dortigen Präsidenten Baschar al-Assad angeheuert wurde, um Ölfelder vor Rebellen zu schützen. Sie lieferten sich dort mehrere Schlachten. Dafür erhielt Utkin von Russlands Präsident Wladimir Putin eine Tapferkeitsmedaille.

Hinter Utkins Firma, die offiziell in Argentinien registriert ist, steht der Oligarch Jewgeni Prigoschin, bekannt unter dem Spitznamen "Putins Koch", weil dessen Cateringfirma für Russlands Armee und staatliche Schulen Mittagessen kocht, ein Milliardenauftrag. Prigoschin, dessen Privatvermögen auf über 200 Millionen US-Dollar geschätzt wird, ist ein enger Freund Putins. Er gilt auch als Hintermann hinter der Troll-Agentur "Internet Research Agency", die 2016 mutmaßlich versuchte, die Präsidentschaftswahlen in den USA über Internet-Falschmeldungen zu beeinflussen. Mittlerweile steht Prigoschin auf US-amerikanischen und europäischen Sanktionslisten.

Abzug aus Afrika - gen Ukraine

Für Putin scheint Prigoschin die letzte Rettung in seinem Ukraine-Feldzug zu sein. Denn während reguläre russische Truppen an der Front durch den überraschenden Widerstand der ukrainischen Armee Verluste einfahren, rüstet sich überall in Afrika Putins Schattenarmee. Vergangene Woche meldet das ukrainische Verteidigungsministerium, dass der libysche General Chalifa Haftar, der in Libyen mit Wagner Schulter an Schulter gekämpft hatte, bereit sei, Kämpfer zur Unterstützung der russischen Armee zu schicken. In der Zentralafrikanischen Republik wurden die Wagner-Einheiten bereits "deutlich reduziert", so UN-Experten, die für die Überwachung des Waffenembargos zuständig sind. Der Sender BBC sprach mit einem Wagner-Kämpfer in Zentralafrika. Dieser erklärte, dass die Söldner zu "einem Picknick in der Ukraine" eingeladen worden seien. Wagner habe im Vorfeld des Ukraine-Krieges einen internationalen Rekrutierungsaufruf gestartet. Dieser richte sich, so der interviewte Söldner, vor allem an "Personen mit Vorstrafen, Schulden, Ausgeschlossene aus Söldnergruppen"; also Kriminelle, die in keiner regulären Armee mehr genommen werden.

Offenbar ist Wagner derzeit dabei, sich zu internationalisieren, also auch nicht-russische Kämpfer anzuheuern - trotz der eher faschistischen Gesinnung von Utkin. Mittlerweile ist eine Bewerbung bei Wagner online möglich. Bildergalerien zeigen schwer bewaffnete, uniformierte Männer vor einer Wand aus Feuer. In der Mitte ein Adler, der einen Totenkopf in den Krallen hält. "Schließen Sie sich Wagner an", lautet der Aufruf, "um den Frieden und die Ruhe der Zivilbevölkerung vor Banditen und Terroristen zu schützen!"

Pauline Bax vom Think Tank International Crisis Group (ICG), bezweifelt, dass dies funktioniert: "Diese Männer müssen ja bezahlt werden", so Bax. Der Sold im Umfang von mehreren Tausend Dollar wird durch lukrative Verträge mit den Regierungen in den jeweiligen Ländern beglichen, so die Analystin. In der Zentralafrikanischen Republik schützen Wagner-Kämpfer Gold- und Diamantenminen, die das russische Unternehmen M-Invest von Prigoschin über Tochterfirmen für sich eingenommen hat. Im Norden des Landes sind sie an den Grenzen zu Tschad und Sudan stationiert, nehmen dort auch Zölle ein. In Libyen und Syrien sicherten sie Ölfelder, quasi eine Goldgrube. Wagner sei ein "profitorientiertes Unternehmen", das sich nicht aus russischen Staatsgeldern finanziert, sondern sich selbst trägt, erklärt Bax. Erhalte Wagner keine lukrativen Minen-Aufträge, so Bax, dann "bezahlen sie sich ihren Sold durch Raubzüge und Plünderungen".

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen