Angst vor Putsch oder AttentatPutin soll massiv seine eigene Sicherheit verstärkt haben

Seit Beginn des Überfalls auf die Ukraine tritt Russlands Machthaber Putin seltener öffentlich auf. Stattdessen verbringt er viel Zeit in Bunkern. Laut Berichten werden die Maßnahmen sogar noch einmal verschärft. Auch ein ehemaliger Vertrauter soll damit zu tun haben.
Der Kreml hat laut Medienberichten die Personensicherheit rund um Präsident Wladimir Putin drastisch verstärkt. Als Grund wird eine Welle von Attentaten auf hochrangige russische Militärs und die Angst vor einem Staatsstreich angegeben, wie der US-Sender CNN unter Berufung auf einen Bericht eines europäischen Geheimdienstes meldet.
Putin verbringe "mehr Zeit in unterirdischen Bunkern, wo er den Krieg bis ins Detail lenkt, und hat sich zunehmend von zivilen Angelegenheiten distanziert", schreibt die "Financial Times" unter Berufung auf Personen in Moskau, die Putin kennen, sowie einer Quelle aus dem Umfeld europäischer Geheimdienste. "Putin verbringt 70 Prozent seiner Zeit damit, den Krieg zu führen, und die restlichen 30 Prozent damit, sich mit [jemandem wie] dem indonesischen Präsidenten zu treffen oder sich um die Wirtschaft zu kümmern", wird eine der Quellen zitiert. Der einzige Weg, mehr Zugang zu ihm zu erhalten, bestehe darin, "mehr Krieg zu führen".
Zu den Maßnahmen gehört demnach auch die Installation von Überwachungssystemen in den Wohnungen enger Mitarbeiter. Köche, Leibwächter und Fotografen, die im Umfeld des Präsidenten arbeiten, dürfen laut den Berichten keine öffentlichen Verkehrsmittel nutzen. Besucher des russischen Machthabers müssten zweimal kontrolliert werden. Wer in Putins Nähe arbeitet, dürfe nur Telefone ohne Internetzugang benutzen.
Einige der Maßnahmen wurden dem Bericht zufolge nach dem tödlichen Anschlag auf Generalleutnant Fanil Sarwarow im vergangenen Dezember eingeführt. Dieser habe einen Streit in den höchsten Rängen des russischen Sicherheitsapparats ausgelöst, bei dem es auch um Zuständigkeiten bei der Sicherheit gegangen sei. Beamte des FSO, der für den Schutz des Präsidenten und hoher Staatsbeamter zuständig ist, führen demnach mit Unterstützung von Hundestaffeln groß angelegte Kontrollen durch. Die Sicherheitskräfte seien am Ufer der Moskwa stationiert, um im Falle von Drohnenangriffen sofort reagieren zu können. Zudem würden nun auch mehrere hochrangige Militärs durch den FSO geschützt.
Das Geheimdienst-Dossier verweist auf eine wachsende Unruhe im Kreml angesichts zunehmender Probleme im In- und Ausland. Dazu zählten wirtschaftliche Schwierigkeiten, zunehmende Anzeichen von Dissens und Rückschläge auf dem Schlachtfeld in der Ukraine.
Putin verbringt viel Zeit in Bunkern
Laut dem CNN-Bericht haben Sicherheitsbeamte die Anzahl der Orte, die Putin regelmäßig besucht, drastisch reduziert. So würden Putin und seine Familie nicht mehr in ihre üblichen Residenzen in der Region Moskau und in Valdai, dem abgelegenen Sommeranwesen des Präsidenten zwischen St. Petersburg und Moskau, reisen. Weiter heißt es, Putin habe in diesem Jahr noch keine militärische Einrichtung besucht. Stattdessen würden vorab aufgezeichnete Bilder Putins veröffentlicht. Seit Beginn des Überfalls auf die Ukraine im Februar 2022 verbringe Putin wochenlang Zeit in Bunkern, oft in Krasnodar am Schwarzen Meer.
Mehr als vier Jahre nach Beginn der Vollinvasion in der Ukraine mehren sich tatsächlich Berichte über Probleme in Russland. Das Bruttoinlandsprodukt verzeichnete zuletzt einen starken Rückgang. Die belastende Kriegswirtschaft, hohe Staatsschulden, steigende Steuerlast und Internetsperren schlagen sich auf die Stimmung nieder. Hinzu kommen hohe Verluste: Laut westlichen Schätzungen werden 30.000 russische Soldaten im Monat getötet oder verletzt. Selbst Putin freundlich gesinnte Influencer und Militärblogger übten zuletzt lautstark Kritik.
An der Front gibt es derweil wenig Bewegung, vielmehr kann die Ukraine einige Erfolge für sich verbuchen, darunter Drohnenangriffe auf russische Ölanlagen. Für Aufsehen sorgte zuletzt, dass die traditionelle Siegesparade in Moskau am 9. Mai ohne Panzer und anderes schweres Militärgerät stattfinden soll. Begründet wurde dies mit den jüngsten ukrainischen Drohnenangriffen tief im russischen Hinterland.
Putschgefahr durch Schoigu?
Laut dem Bericht sind der Kreml und Putin seit Anfang März besorgt über die mögliche Weitergabe sensibler Informationen und über das Risiko einer Verschwörung oder eines Putschversuchs. Der Kremlchef sei besonders auf der Hut vor dem Einsatz von Drohnen für einen möglichen Attentatsversuch durch Mitglieder der politischen Elite. Die "Financial Times" berichtete unter Berufung auf "Leute in Russland, die Putin kennen", dass auch die jüngsten Internetausfälle zumindest teilweise mit der Sicherheit des Präsidenten und dem Schutz vor Drohnen zusammenhingen.
Genannt wird dabei auch der ehemalige Verteidigungsminister Sergej Schoigu, der derzeit Sekretär des Sicherheitsrates ist. Dieser werde "mit der Gefahr eines Staatsstreichs in Verbindung gebracht, da er innerhalb des militärischen Oberkommandos nach wie vor erheblichen Einfluss besitzt", heißt es in dem Geheimdienst-Dossier. Fast alle ehemaligen Stellvertreter Schoigus werden mittlerweile von der russischen Justiz verfolgt. Unter anderem wurde Ruslan Tsalikow im März festgenommen. Dies werde als "Verstoß gegen die stillschweigenden Schutzabkommen unter den Eliten" angesehen, heißt es in dem Bericht.
CNN berichtet weiter, dass die Veröffentlichung des Dossiers darauf abzielen könnte, den Kreml zu destabilisieren. "Die Art solcher Geheimdienstinformationen macht es schwierig, einige Details zu überprüfen", heißt es.