Politik

"Massensäuberung" im FSB? Putins Wut trifft 150 Geheimagenten

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Wladimir Putin sucht nach Schuldigen für die hohen Verluste im Krieg gegen die Ukraine.

(Foto: via REUTERS)

Der Krieg in der Ukraine läuft nicht so, wie Putin sich das vorstellt. Der Kremlchef fühlt sich einem Bericht zufolge verraten und führt eine "Massensäuberung" in den eigenen Reihen durch: Mehr als Hundert Geheimagenten sollen gefeuert oder verhaftet worden sein.

Seit Beginn der russischen Invasion in der Ukraine behauptet Wladimir Putin immer wieder, die "militärische Spezialoperation" verlaufe nach Plan. Doch seit Wochen ist klar, dass der russische Präsident alles andere als zufrieden mit der Entwicklung der Invasion zu sein scheint. Aus Wut über "bedeutende Verluste" und Falschinformationen seiner Berater stellte Putin bereits einen hochrangigen General des russischen Geheimdienstes FSB, Sergej Beseda, unter Hausarrest. Nun folgt offenbar eine "Massensäuberung": Recherchen der Investigativgruppe Bellingcat zufolge wurden etwa 150 FSB-Agenten entlassen, einige von ihnen festgenommen.

"Ich kann sagen, dass, obwohl eine beträchtliche Anzahl von ihnen nicht verhaftet wurde, sie nicht länger für den FSB arbeiten werden", sagte Christo Grozev, Geschäftsführer von Bellingcat, dem Youtube-Kanal "Popular Politics". Zuletzt sollen FSB-Beamte mehr als 20 Wohnungen von Kollegen durchsucht haben, die verdächtigt wurden, in Kontakt mit Journalisten zu stehen. Eine Quelle für die Informationen nannte er nicht. Die gefeuerten Geheimagenten arbeiteten für die 5. Direktion des FSB, die für Spionage und Kontrolle von Ländern der ehemaligen Sowjetunion, insbesondere der Ukraine, zuständig ist. Die Abteilung wurde 1998 gegründet, als Putin Direktor des FSB war.

Putin lässt Geheimdienst-Leiter inhaftieren

Der frühere Chef der Abteilung, Sergej Beseda, soll zudem nach Lefortowo, einem berüchtigten Gefängnis am Rande Moskaus, gebracht worden sein. Das berichtet der russische Investigativjournalist und Kremlkenner Andrei Soldatov, auf Twitter. Beseda war im März zusammen mit seinem Stellvertreter Anatoli Boljuch unter Hausarrest gestellt worden. Offiziell wird dem General Untreue vorgeworfen. Der wahre Grund für die Inhaftierung soll aber sein, dass er "dem Kreml falsche Informationen über die tatsächliche Situation in der Ukraine vor der Invasion gemeldet" habe, sagt Grozev.

Mit der Inhaftierung Besedas in Lefortowo sende Putin eine "sehr starke Botschaft" an andere Eliten in Russland, sagte Sicherheitsexperte Soldatov der britischen "Times". Das Gefängnis wurde in der Sowjetunion in der Zeit von Stalins großer Säuberung als Folterstätte des sowjetischen Geheimdienstes KGB genutzt. "Putin hätte ihn sehr leicht einfach feuern oder zu einem regionalen Job in Sibirien schicken können", sagt Soldatov. "Lefortowo ist kein schöner Ort, und ihn dorthin zu schicken ist ein Signal dafür, wie ernst Putin die Sache nimmt."

"Säuberung" von Verrätern?

Möglich sei aber auch, dass Beseda verdächtigt wird, Informationen an die CIA weitergegeben zu haben, schreibt Soldatov in einem Artikel für die "Moscow Times". Bevor er Leiter der 5. Direktion beim FSB wurde, arbeitete Beseda in der Spionageabwehr. Wäre er ein Doppelagent, würde das Soldatov zufolge den Verdacht des Kremls bestätigen, dass dem US-Geheimdienst Vorabinformationen zur Invasion der Ukraine zugespielt worden sind. Soldatov schreibt, er glaube zwar nicht daran, halte es aber für typisch, dass Putin einen Schuldigen sucht. Es sei eine "sehr russische Sache" einem "Verräter die Schuld geben zu können". Im vergangenen Monat hatte Putin in einer verstörenden Rede eine "Säuberung" Russlands von "Verrätern" angekündigt.

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In den Jahren vor der Invasion hatte die 5. Direktion des FSB aktiv versucht, die Ukraine zu destabilisieren, so Grozev. Neben der Ausbildung pro-russischer Politiker hätten Agenten Unruhen unter rechtsextremen Gruppen in der Westukraine schüren wollen. Bellingcat-Geschäftsführer Grozev geht davon aus, dass der russische Geheimdienst "Milliarden von Dollar" verschwendet habe, um sich im Vorfeld des Kriegs die Unterstützung "zwielichtiger Politiker" in der Ukraine zu sichern. "Von 2014 bis heute hatten zwischen 140 und 150 FSB-Beamte ein unbegrenztes Budget, um Ukrainer aller Ebenen zu rekrutieren", sagte er der "Times" zufolge im vergangenen Monat.

Ein Großteil des Geldes soll für teure Reisen für ukrainische Rekruten nach Thailand, Zypern oder auf die Malediven draufgegangen sein. Der FSB sei allerdings völlig darin gescheitert, in der Ukraine für Unruhe zu sorgen, sagt Grozev.

Quelle: ntv.de

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