Politik

"Unzufriedenheit unterschätzt" Putsch in Mali kam überraschend

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Die malische Armee hat nicht nur die Regierungsgebäude, sondern auch die staatlichen Medien in Bamako übernommen.

(Foto: REUTERS)

Hintergrund des Putsches in Mali ist die doppelte Eskalation des Konflikts mit den Tuareg: Während die Wüstenkrieger in die Offensive gehen, setzt das Ausland Mali unter Druck, die Region von Al-Kaida-Kämpfern zu säubern. Das unzureichend ausgerüstete Militär will den gefährlichen Einsatz nicht mehr mitmachen. Offen bleibt, welches Ziel die Revolte hat.

Der Mali rutscht in Staatskrise hat auch langjährige Kenner des westafrikanischen Landes überrascht. Die junge Demokratie galt als eines der hoffnungsvollsten politischen Systeme in Subsahara-Afrika. Die jüngsten Wahlen von 2007 waren international als weitgehend fair beurteilt worden. Trotz relativer Stabilität gibt es im Norden des Landes schon seit Jahrzehnten Auseinandersetzungen zwischen Tuareg und Maliern. Die Eskalation dieser Auseinandersetzung seit Januar und die "Unfähigkeit des Regimes, den Terrorismus zu bekämpfen" ziehen die Rebellen jetzt als Grund für den Putsch heran.

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Tuareg-Mann vor der großen Moschee in Timbuktu. Viele der Nomaden leben vom Tourismus.

(Foto: Reuters)

"Mali hatte immer schon ein Territorialproblem. Im Norden leben sehr wenige Menschen, hauptsächlich Tuareg, das Kernland mit der schwarzafrikanischen Bevölkerungsmehrheit befindet sich im Süden", erklärt Alexander Stroh, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Afrikastudien des German Institute of Global and Area Studies (GIGA) in Hamburg, im Gespräch mit n-tv.de.

Laut Stroh hatte die Regierung im Kernland mit den Tuareg im Norden des riesigen Landes ein Arrangement für eine informelle Autonomie. Weder die Staatsmacht noch die Armee hatten Interesse, sich dort übermäßig zu engagieren, weil es sich um ein Randgebiet in der Wüste handelt. Daran änderte lange auch die Tatsache nichts, dass den Tuareg diese informelle Autonomie nicht weit genug ging. Sie fürchten seit jeher um ihre nomadische Freiheit in dem Wüstengebiet.

Transitstrecke für Waffen

Wer sind die Tuareg?

Die Tuareg sind ein nordafrikanisches Nomadenvolk. Sie stammen von libyschen Berbern ab und leben seit Jahrhunderten im Gebiet der heutigen Staaten Mali, Marokko, Algerien, Libyen und Burkina Faso.

Die traditionelle Verschleierung der Männer fiel bereits europäischen Reisenden im 19. Jahrhundert auf. Ihre Bewaffnung mit langen Schwertern brachte den Tuareg zusammen mit ihren Reitkamelen den Ruf als "Ritter der Wüste" ein. 

Schon die ersten Begegnungen der Tuareg mit den europäischen Kolonialtruppen fielen oft kriegerisch aus, weil die Nomaden um ihre Unabhängigkeit fürchteten. In den letzten Jahren kam es in der Region immer wieder zu Aufständen der Tuareg. So kämpfen die Tuareg unter anderem im Norden Malis für mehr Freiheit. (rts)

In den vergangenen Jahren war genau diese entlegene Region, die an Algerien und Mauretanien grenzt, jedoch mehr und mehr in den Fokus des Auslands gerückt - nicht nur, weil es immer wieder vorkam, dass Timbuktu fliegt Ausländer aus dort verschleppt wurden. Neben den Tuareg wurden auch Al-Kaida-Kämpfer in der Region vermutet. "Man weiß nicht viel darüber. Es gibt Schätzungen, nach denen es ein paar hundert Mann sind", schränkt Stroh ein. Bei den Kämpfern soll es sich weder um Tuareg - die ethnisch und kulturell keine Araber sind - noch um Malier handeln. "Das sind vermutlich Zugewanderte aus arabischen Staaten oder von noch weiter her", sagt Stroh.

Im Libyen-Krieg im vergangenen Jahr diente Mali als Gaddafis Waffen töten weiter . Besonders die USA und Frankreich fürchteten, dass diese Waffen die regionale Dependance der Al-Kaida im islamischen Maghreb stärken könnte. Raketen verschwinden aus Lagern "Es gibt auch Vermutungen, wonach die Tuareg und die Al-Kaida-Kämpfer angefangen haben, zusammenzuarbeiten", sagt Stroh. "Es besteht kaum ein Zweifel, dass die Regierung von Mali vom Ausland sehr unter Druck gesetzt worden ist, dagegen etwas zu unternehmen", so der Experte.

Putsch war vermutlich spontan

Hinzu kam eine Soldaten übernehmen die Macht , als Tuareg eine Militärbasis angriffen und Soldaten entführten und töteten. Die Soldaten der Regierungsarmee waren zunehmend unzufrieden mit dem Einsatz im unwegsamen Norden. "Es kann gut sein, dass der eine oder andere sich gefragt hat: 'Was sollen wir da?'", meint Stroh. Zudem war die Armee offenbar zu schlecht ausgerüstet für den Kampf gegen die Wüstenbewohner. "Die Regierung hat die Unzufriedenheit in den mittleren Rängen des Militärs wohl unterschätzt", ist das nüchterne Resümee des Hamburger Wissenschaftlers.

Für ihn deutet dennoch vieles darauf hin, dass der Putsch spontan und möglicherweise überstürzt durchgeführt wurde. In einem Monat wären ohnehin Wahlen gewesen, Präsident Touré wollte nicht wieder antreten. "Sie hätten auch abwarten können, was in zwei Monaten passiert", meint Stroh. Dass die Regierungsarmee die Regierung wegen des Einsatzes gleich stürzt, dürfte kaum im Interesse der Auslandsmächte gelegen haben - nicht nur, weil der Putsch einen der wenigen als demokratisch geltenden Staaten Afrikas ins Wanken bringen könnte. Unklar ist auch, was die Putschisten sich von ihrem Coup genau versprechen.

Nach Meinung des Experten sollte man jedoch erst einmal ein paar Tage abwarten, ob sich der Putsch überhaupt als erfolgreich erweist. "Im Zweifelsfall muss man sie eben beim Wort nehmen. Sie behaupten ja, zum demokratischen System zurückkehren zu wollen." Zunächst hatten die Putschisten die Verfassung ausgesetzt. Nachrichtenagenturen berichten, dass ein Teil des Militärs immer noch dem Präsidenten die Treue hält und diesen auch in Sicherheit gebracht hat. "Was intern in der Armee vor sich geht, entzieht sich im Moment unserer Kenntnis."

Quelle: n-tv.de

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