Reiche sieht "Geschäftschancen"Wadephul sichert Syrien Hilfe beim Wiederaufbau zu

Der Besuch des syrischen Übergangspräsidenten al-Scharaa sorgt für Proteste in Berlin. Ungeachtet dessen springt die Bundesregierung in die Bresche. Wadephul sieht Deutschland "an der Seite Syriens".
Bundesaußenminister Johann Wadephul hat dem syrischen Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa die Unterstützung Deutschlands beim Wiederaufbau des Landes nach 14 Jahren Bürgerkrieg zugesichert. "Wir stehen an der Seite Syriens", sagte Wadephul bei einem deutsch-syrischen Wirtschaftstreffen in Berlin an die Adresse al-Scharaas gerichtet. "Die Syrer verdienen eine Chance, und wir möchten helfen, dass diese Chance gut genutzt wird."
Deutschland könne eine "starke Rolle" beim wirtschaftlichen Wiederaufbau des Landes spielen, sagte Wadephul. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche sprach von "Geschäftschancen" in Syrien für deutsche Unternehmen. Dies gelte etwa im Energiesektor, der Bauwirtschaft, beim Maschinen- und Anlagenbau, bei IT, Softwarelösungen sowie Sicherheitstechnologien, sagte Reiche im Auswärtigen Amt. Es gehe dabei auch um den Bau von Kraftwerken. Sie hoffe auf einen "florierenden Handel" mit dem Land.
Die CDU-Politikerin betonte zudem, dass Deutschland und die EU die Sanktionen gegen die neue syrische Regierung noch vor den USA aufgehoben hätten. An dem Forum nahmen nach ihren Angaben rund 40 deutsche Unternehmen teil.
Wadephul spricht von "Erfolg" der syrischen Regierung
Außenminister Wadephul verwies darauf, dass mehr als eine Million Syrerinnen und Syrer nach dem Bürgerkrieg Zuflucht in Deutschland gefunden hätten. "Für viele ist Deutschland mittlerweile eine zweite Heimat - neben ihrer ersten Heimat, die Syrien bleibt", sagte er in Anspielung auf die angestrebte freiwillige Rückkehr vieler Geflüchtete nach Syrien. Wadephul würdigte, dass es der neuen syrischen Regierung gelungen sei, zu verhindern, dass der derzeitige Krieg mit Iran auf das syrische Territorium übergreife. "Das ist ein Erfolg, ein großer Erfolg", sagte er.
Al-Scharaa sagte, die Zerstörung in seinem Land nach dem Bürgerkrieg (2011 bis 2024) sei "gigantisch". Das biete aber auch die Chance auf einen "Neuanfang". Der frühere Dschihadistenführer warb für Syrien als Wirtschaftspartner: Syrien sei ein "sicherer Hafen für Lieferketten" und eine "große Investitionschance im Bereich der Infrastruktur". So baue das Land seine Energieinfrastruktur wieder auf. Syrien sei auch als Touristenziel "attraktiv", versicherte der Übergangspräsident.
Al-Scharaa war am Montag zum Auftakt seines Antrittsbesuchs in Berlin von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier empfangen worden. Für den Mittag ist ein Treffen mit Bundeskanzler Friedrich Merz geplant. Nach Angaben der Bundesregierung stehen der Wiederaufbau des vom Bürgerkrieg zerstörten Landes sowie die Rückführung syrischer Flüchtlinge nach Syrien im Zentrum des Antrittsbesuchs. Auch der Iran-Krieg dürfte ein wichtiges Thema sein.
Der Besuch des früheren Dschihadistenführers, der auch schon in Washington, Paris und Moskau empfangen wurde, sorgt in Deutschland vielfach für Kritik. So waren mehrere Protestkundgebungen geplant.
Der von al-Scharaa angeführten Regierung in Damaskus wird vorgeworfen, Minderheiten im Land nicht vor Gewalt zu schützen oder sogar zu Gräueltaten anzustiften und sich daran zu beteiligen. Bei einer Militäroffensive im Norden und Nordosten des Landes vertrieben syrische Regierungstruppen kurdische Kämpfer aus mehreren bisher von ihnen kontrollierten Gebieten. Damit wurde der faktischen Autonomie der Kurden in der Region ein Ende gesetzt.
Von al-Scharaa angeführte islamistische Milizen hatten Ende 2024 den langjährigen syrischen Machthaber Baschar al-Assad gestürzt und die Macht in Syrien übernommen. Der 43-Jährige befehligte früher die einst mit dem Terrornetzwerk Al-Kaida verbündete Al-Nusra-Front sowie deren Nachfolgemiliz Hajat Tahrir al-Scham.