Einer würde profitierenRichter können Le Pens Lebenstraum platzen lassen
Von Lea Verstl
Marine Le Pens Karriere droht in wenigen Tagen ein herber Rückschlag. Berufungsrichter könnten der französischen Rechtsradikalen den Weg zur Präsidentschaftskandidatur versperren. Für Le Pens Partei RN bleibt der Sieg dennoch in Reichweite - dank ihres Zöglings.
Vor den Kameras umarmen sie sich innig, schenken einander ein zärtliches Lächeln, geben sich auf ihre Wangen zur Begrüßung "bises", wie Küsschen auf Französisch heißen. Jordan Bardella und Marine Le Pen wollen mit diesen Bildern ein eindeutiges Signal aussenden: Zwischen uns zwei passt kein Blatt Papier. Am Dienstag aber wird die aufwendig inszenierte Vertrautheit der beiden französischen Politiker ein abruptes Ende finden.
Dann entscheidet sich, wer für den rechtsextremen Rassemblement Nationale (RN) um den Einzug in den Élysée-Palast kämpfen darf: die Fraktionsvorsitzende Le Pen, rechte Galionsfigur der Franzosen, die sogar ihren Vater aus der Partei jagte, um das Image zu verbessern - oder der Parteivorsitzende Bardella, Le Pens politischer Ziehsohn mit Millionen Followern auf Tiktok, der gerne mal von identitären Verschwörungstheorien schwadroniert.
Am Dienstag wird das Urteil im Berufungsprozess Le Pens verkündet. Damit beantworten die Richter auch die Frage, ob Le Pen noch eine Chance hat, ihren Lebenstraum zu verwirklichen. Nichts wünscht sich die RN-Frontfrau für ihre Karriere sehnlicher, als zu Frankreichs erster Präsidentin gewählt zu werden. Doch die Ablehnung von Le Pens Berufung würde zugleich die Bestätigung ihres Kandidaturverbots bedeuten. Le Pen war im März 2025 wegen Veruntreuung zu vier Jahren Haft verurteilt worden, davon zwei auf Bewährung. Zudem wurde sie mit sofortiger Wirkung zum Entzug des passiven Wahlrechts verurteilt.
Neue Ermittlungen gegen den RN gewinnen an Fahrt
Aktuell bereitet sich der RN auf beide Szenarien vor: Einen Wahlkampf mit seiner langjährigen Ikone, die nach der Rehabilitierung durch die Berufungsrichter im Scheinwerferlicht wiederauferstehen und ihr Narrativ als Opfer politischer Verfolgung pflegen könnte. Und einen Wahlkampf mit dem Social-Media-Sonnyboy Bardella, dem adrett gescheitelten neuen Gesicht der neuen Rechten, der mit seinen algerisch-marokkanischen Wurzeln überzeugend mit dem Finger auf angeblich nicht assimilierte Migranten zeigen kann. Seine Inszenierung als volksnaher Aufsteiger aus einfachen Verhältnissen in einem Pariser Vorort passt allerdings nicht so ganz zu Bardellas Liaison mit der reichen Prinzessin Maria Carolina von Bourbon-Sizilien, die er bei öffentlichen Auftritten in Steuerparadiesen wie Monaco zelebriert. Nicht nur die Linke bezeichnen Bardella inzwischen als Mitglied der europäischen High Society, parteiintern stößt der zur Schau gestellte Luxus ebenfalls auf Kritik.
Auch an anderer Stelle droht Ärger für den bevorstehenden Wahlkampf. Kaum steuert Le Pens Prozess auf das Finale zu, nehmen andere Ermittlungen gegen den RN an Fahrt auf. Wegen des Verdachts der Veruntreuung von EU-Geldern durch die ehemalige Fraktion Identität und Demokratie (ID) im Europäischen Parlament haben Ermittler nach Angaben der Europäischen Staatsanwaltschaft am vergangenen Dienstag Durchsuchungen in Frankreich und anderen EU-Staaten vorgenommen. Das Verfahren gegen die ID-Fraktion war bereits im Juli vergangenen Jahres eingeleitet worden. Der Fraktion wird vorgeworfen, von 2019 bis 2024 mehr als 4,3 Millionen Euro "rechtswidrig ausgegeben" zu haben. Zur ID-Fraktion gehörten neben der AfD unter anderem die Rechtspopulisten des RN.
Inzwischen wollen weder Le Pen noch Bardella etwas mit der AfD zu tun haben. Im EU-Parlament weigerte sich der RN nach den jüngsten Europawahlen, erneut mit den Deutschen in eine Fraktion zu gehen. Die französischen Rechten achten darauf, möglichst handzahm aufzutreten, um gemäßigte Wähler nicht zu vergrätzen. Nazi-Symbole hatte Le Pen in ihrer Partei schon vor vielen Jahren verboten, weshalb sie auch mit ihrem Vater Jean-Marie, einem Antisemiten, brach.
RN scheut die AfD und das Wort "Remigration"
Der Strategie der Entdämonisierung läuft Bardellas Geraune von der bedrohten "Seele Frankreichs" und dem vermeintlichen "Austausch der Völker" (Nichtweiße gegen Weiße) zuwider. Allerdings scheut auch Bardella sich davor, Wörter wie "Remigration" in den Mund zu nehmen, um nicht in die Schmuddelecke der AfD gedrängt zu werden. Rechtsextremismus massentauglich zu verpacken, ist ein schmaler Grat - als Vorbild dient die italienische Regierungschefin Giorgia Meloni. Bardella lobte Meloni als "große Führungspersönlichkeit" und als lebenden Beweis, dass nationalistische Rechte "an die Macht kommen und die Märkte beruhigen können".
Dass der RN im kommenden Jahr zumindest die Stichwahl für das Präsidentschaftsamt erreicht, scheint mit Blick auf aktuelle Umfragen nahezu sicher. Demnach kommen sowohl der linke als auch der zentristische Block jeweils auf grob 25 bis 35 Prozent. Die Lager sind jedoch in kleine Parteien zersplittert, die sich bislang nicht auf erkennbare Spitzenfiguren einigen konnten. Dem RN kommt das zugute. Mit Werten von über 30 Prozent dominiert er momentan das Feld.
Die französische Nationalversammlung ist bereits in drei gleich große Lager gespalten, die sich bei Gesetzesvorhaben regelmäßig blockieren. Koalitionen wie in Deutschland haben in Frankreich keine Tradition, punktuelle Kooperationen sind aber möglich. So könnten die Linken und die Mitte - wie bei der vergangenen Parlamentswahl - in der Stichwahl zusammenarbeiten. Beide Lager können dann für den Kandidaten trommeln, der es in den zweiten Wahlgang gegen den RN schafft.
Ob das reicht? Die Umfragewerte für den RN sind momentan so hoch und so stabil wie nie zuvor. Der Einzug in den Élysée-Palast war für Le Pen noch nie so zum Greifen nah, falls die Richter durch ihr Urteil den Weg nicht versperren. Entsprechend herb wäre der Rückschlag bei einer Bestätigung des Kandidaturverbots. Doch auch eine Präsidentschaftskandidatur ihres Kronprinzen Bardella bedeutet nicht den politischen Untergang Le Pens. Sie kann weiter machen als RN-Fraktionsvorsitzende, als Strippenzieherin oder sogar - so fordern es wohl ihre treusten Anhänger in der Partei - als Außenministerin. Schließlich werden Minister in Frankreich nicht gewählt, sondern vom Präsidenten ernannt.