Politik

Reporterin beklagt "Lügen" Russland bietet eigene MH17-Version

putinmh17.jpg

Die Malaysian-Airlines-Maschine habe laut russischen Medien wegen ihrer rot-blauen Bemalung einer Verwechslung mit Wladimir Putins Präsidentenmaschine zum Opfer gefallen sein können.

In Russlands Medien erfährt das Unglück um MH17 eine ganz eigene Aufbereitung. Zeitungen behandeln es als Nebensache, während das Fernsehen die Ukraine längst als Schuldigen erkannt haben will. Eine Reporterin prangert die Arbeitsweise nun an, bevor sie kündigt.

Der Absturz der Malaysian Airlines-Passagiermaschine in der Ukraine beherrschte am Folgetag die Titelseite der meisten Zeitungen in der Welt. Nicht so allerdings die der "Rossijskaja gaseta", dem offiziellen Amtsblatt der russischen Regierung. Dort wurde dem Leser eine Geschichte über die Essgewohnheiten der Russen präsentiert, während sie sich über die Tragödie von MH17 mit 298 Toten am unteren Ende der ersten Seite informieren konnten. Andere Zeitungen, wie beispielsweise die bekannte "Wedomosti", hatten die US-Sanktionen gegen Russland auf dem Titel.

Im staatlichen Fernsehen wurde durchaus über den Vorfall berichtet. Dort war die vorherrschende Meinung jedoch, dass die Boeing durch Raketen der ukrainischen Armee abgeschossen worden sein müsse. Das russische Verteidigungsministerium gab im Fernsehen an, dass es zum Zeitpunkt des Absturzes Radar-Aktivitäten einer ukrainischen Raketen-Stellung registriert habe. Theorien machten die Runde, dass es sich bei dem Abschuss um eine "geplante Provokation" Kiews gehandelt haben könnte.

Zwischenzeitlich wurde gar die abenteuerliche Vermutung geäußert, dass das Flugzeug in Richtung Kuala Lumpur wegen seiner rot-blauen Bemalung von ukrainischen Streitkräften für die russische Präsidentenmaschine gehalten und deshalb beschossen worden sein könnte. Tatsächlich war Wladimir Putin zum Zeitpunkt des Absturzes ebenfalls im Flugzeug Richtung Moskau unterwegs, doch die gewagte Vermutung wurde kurz darauf wieder verworfen.

Russia Today-Reporterin schmeißt hin

Margarita Simonyan, die Chefredakteurin des kremlnahen Fernsehsenders Russia Today schrieb auf Twitter, dass sie an den Leuten verzweifle, die voreilig Schlüsse aus dem Geschehenen ziehen – allerdings erst kurz nachdem sie selbst einen Beitrag geteilt hatte, indem sich ein Nutzer über die ukrainischen "Irren" empört, die hinter dem Abschuss von MH17 stünden und nun die prorussischen Separatisten verantwortlich machen wollten.

Trotz der vermeintlich um die Wahrheit bemühten Haltung ihrer Chefin hatte eine britische Mitarbeiterin von Russia Today schließlich genug von der Berichterstattung ihres Arbeitgebers. In einer Reihe von Tweets beschuldigte Sara Firth den Sender, dass er lediglich "Lügen" verbreite und man dort "für Putin" arbeite: "Wir werden täglich aufgefordert, die Wahrheit völlig zu ignorieren und dann zu verschleiern." Schließlich schmiss Firth bei Russia Today hin und legte in einem Tweet nach, dass sie zwar "großen Respekt" für viele in ihrem Team habe, aber doch "für die Wahrheit" sei.

"Schlimmer als in der Sowjetunion"

Damit folgt Firth ihrer ehemaligen Kollegin Liz Wahl. Die in den USA stationierte RT-Moderatorin verkündete im März vor laufender Kamera ihre Kündigung, weil sie nicht länger ertragen könne, wie der Sender das Vorgehen Russlands auf der ukrainischen Halbinsel Krim "weißwasche". Russia Today stellt sich selbst als Alternative zu der als einseitig bezeicheten prowestlichen Berichterstattung anderer englischsprachiger Medien dar. Insbesondere im Ukraine-Konflikt folgt der Sender aber treu der Lesart des Kreml.

Diesem gelingt es dabei offenbar mit großem Erfolg, viele Russen davon zu überzeugen, dass die separatistischen Rebellen im Osten der Ukraine wegen der brutalen Unterdrückung Kiews unbedingt auf die russische Hilfe angewiesen sind. "Aggressive und täuschende Propaganda; schlimmer als alles, was ich in der Sowjetunion kennengelernt habe", beschrieb Lev Gudkov, Vorsitzender des Umfrageinstituts Levada, die aktuelle Informationspolitik von Russlands Führung gegenüber der britischen BBC.

Quelle: ntv.de, bwe/AFP