Politik

Streitfall Abrüstungsvertrag INF Russland soll letzte Chance bekommen

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Genauso wie im August 1988 bei diesen Pershing-Raketen wünscht sich die Nato eine Demontage russischer Mittelstreckenraketen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Nato fordert Russland auf, atomare Mittelstreckenwaffen, die gegen den INF-Vertrag verstoßen, zu vernichten. Andernfalls droht eine Aufkündigung des wichtigen Abrüstungsabkommen INF mit den USA. Doch Washington erwägt schon längst eine Alternative.

Russland soll eine letzte Gelegenheit erhalten, den von der Nato vermuteten Verstoß gegen den INF-Vertrag zum Verzicht auf landgestützte atomare Mittelstreckenwaffen abzustellen. Wie die dpa berichtet, wollen die Außenminister der Mitgliedstaaten zwar am heutigen Dienstag bei einem Treffen in Brüssel erstmals ohne Einschränkungen festhalten, dass Russland den Vertrag aus ihrer Sicht mit neuentwickelten Marschflugkörpern verletzt. Konkrete Konsequenzen auf Nato-Ebene werden aber wahrscheinlich erst eingeleitet, wenn Moskau Aufforderungen nach einer zügigen Vernichtung der Waffen ignoriert.

Eine Nato-Reaktion könnte zum Beispiel ein Ausbau der Raketenabwehr in Europa sein. Sollte Russland nicht einlenken, hätte dies auch zur Folge, dass die USA den INF-Vertrag mit politischer Rückendeckung der anderen Alliierten kündigen könnten. Als denkbar gilt, dass US-Außenminister Mike Pompeo ebenfalls am heutigen Dienstag die Einleitung des Verfahrens zum Ausstieg ankündigt, um den Druck auf Russland noch einmal zu erhöhen. Moskau hätte dann nur noch sechs Monate Zeit, um durch ein Einlenken das Abkommen zu retten. Nach dieser Frist könnten die USA laut Vertragstext aussteigen.

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Falls Sie erfahren wollen, warum US-Präsident Trump den INF-Vertrag aufkündigen will und welche Rolle China dabei spielt, hören Sie rein in diese Ausgabe von "Wieder was gelernt", dem Podcast von n-tv.de. Abonnieren Sie unsere Podcasts auch auf iTunes, Spotify, Google Podcasts und Deezer oder per Feed in der Podcast-App Ihrer Wahl.

Das geplante Vorgehen gilt als Kompromiss unter den Nato-Partnern. US-Präsident Donald Trump hatte eigentlich bereits im Oktober angekündigt, den INF-Abrüstungsvertrag wegen neuer russischer Marschflugkörper vom Typ 9M729 aufkündigen zu wollen. Nato-Partner wie Deutschland befürchten allerdings, dass dies ein fatales Symbol wäre und ein neues Wettrüsten auslösen könnte. Sie wollen deswegen alle Möglichkeiten nutzen, um das Abkommen doch noch zu retten.

Der "Spiegel" berichtet unterdessen, dass die USA Russland vor einem endgültigen Ausstieg aus dem Vertrag noch zwei Monate Zeit einräumen wollen. Demnach übermittelte Washington den restlichen Nato-Staaten, den Pakt bis dahin nicht formell kündigen zu wollen.

Neues multilaterales Abkommen?

Der INF-Vertrag über nukleare Mittelstreckensysteme (Intermediate Range Nuclear Forces) wurde 1987 zwischen den USA und der damaligen Sowjetunion geschlossen. Er verpflichtet beide Seiten zur Abschaffung aller landgestützten ballistischen Raketen und Marschflugkörper mit Reichweiten zwischen 500 und 5500 Kilometern. Zugleich untersagt er auch die Produktion und Tests solcher Systeme.

Die USA werfen Russland seit längerem vor, mit der Entwicklung eines Marschflugkörpers mit dem Namen 9M729 (Nato-Code: SSC-8) gegen den Vertrag zu verstoßen. Russland dementiert das und hat im Gegenzug auch den USA schon mehrfach einen Vertragsbruch vorgeworfen. Ein Einlenken Moskaus gilt deswegen als sehr unwahrscheinlich.

In europäischen Militärkreisen wird allerdings vermutet, dass auch die USA kein großes Interesse an einem Erhalt des Vertrages haben. Er verpflichtet nämlich nur Russland und sie selbst zum Verzicht auf die atomaren Mittelstreckenwaffen. Andere aufstrebende Militärmächte wie China können sie weiter bauen. Ziel der USA könnte es deswegen sein, das INF-Abkommen durch einen neuen multilateralen Vertrag zu ersetzen. Alternativ könnten sie zur Abschreckung von Gegnern selbst neue landgestützte Mittelstreckensysteme bauen.

Quelle: n-tv.de, fzö/dpa

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