Politik

Putin-Armee schon demoralisiert? Russlands Soldaten: Jung und unerfahren an die Front

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Russische Soldaten in der Ukraine: Wie ist es um ihre Moral bestellt?

(Foto: imago images/SNA)

Der schnelle Angriffsplan Putins in der Ukraine geht nicht auf. Die Ukrainer leisten heftigen Widerstand, dazu gibt es Versorgungsprobleme. Das schlägt sich wohl auf die Moral der russischen Soldaten nieder, die jung und unerfahren sein sollen.

Ukrainische Bürger stellen sich russischen Soldaten entgegen, so zeigen es Internet-Videos, und hindern Panzer an der Weiterfahrt. Das Pentagon berichtet von russischen Einheiten, die kampflos ihre Waffen niederlegen. Washington will gar von russischen Truppen wissen, die Löcher in die Benzintanks ihrer Fahrzeuge gestanzt haben, um den Kampf zu vermeiden und nicht weiter vorrücken zu können. Der Westen zeichnet ein spezielles Bild von russischen Soldaten an der Front, demoralisiert und nicht auf den Krieg vorbereitet. Weder mental noch militärisch.

Von russischer Seite beschränken sich die Kriegsberichte auf das Wesentliche. Der Kreml und die staatlichen Nachrichtenagenturen vermelden erfolgreiche Beschüsse, eingenommene Städte und Flughäfen, dementieren Menschenrechtsverletzungen. Von gefallenen Soldaten hört man aus Russland fast nichts. Vor wenigen Tagen bestätigte Moskau dann, dass es auch in den eigenen Reihen Verluste gibt, eine Zahl der Toten wurde nicht genannt. Lediglich, dass die Verluste auf Seiten der Ukraine bedeutend größer seien als die eigenen.

Wie es um die Moral der russischen Soldaten wirklich bestellt ist, lässt sich schwer einschätzen. Eine Verbindung in die Heimat scheint kaum möglich. Um Familienangehörige kümmern sich Nichtregierungsorganisationen (NGO) wie das "Komitee russischer Soldatenmütter", die versuchen, eine Kommunikation mit den Soldaten an der Front aufzubauen. Hunderte Anrufe beantworten die Mitarbeiter der Organisation täglich, berichtet die Vorsitzende Svetlana Golub dem "Guardian". Mütter wollten wissen, ob ihr Sohn an der Front noch lebt. Als ein "Meer aus Tränen" beschreibt Golub ihren derzeitigen Arbeitsalltag, der sonst darin bestehe, sich für die Rechte der Soldaten und deren Angehörigen einzusetzen.

Die Situation in der Ukraine habe alle überrascht. "Die Familien wurden im Dunkeln gelassen und hatten keine Kenntnis von der Militäroperation in der Ukraine", sagt Golub der Zeitung. Einige Familien hätten seit Anfang Februar nichts von ihren Angehörigen in der russischen Armee gehört. Golub glaubt, dass es deutlich mehr Tote auf russischer Seite gibt, als berichtet wird: "Kriege führen immer zu Toten. Aus den vielen Gesprächen, die mir zwischen Soldaten und ihren Familien zugetragen wurden, schließe ich, dass viele Russen bereits gestorben sind." Andere Mütter hätten ihr berichtet, dass ihre Söhne nicht in den Krieg ziehen wollten, aber keine Wahl hätten.

Auch wenn die Ukraine mit Geld und Straffreiheit lockt, kommt Desertieren nicht infrage. Zu groß ist die Angst vor Repressalien. Denn die Sitten in der russischen Armee sind rau, Misshandlungen von Soldaten nicht unüblich. Das systematische Schikanieren hat sogar einen eigenen Namen: Dedowschtschina - "die Herrschaft der Großväter". Und dennoch ist der Wehrdienst eine Chance für viele junge Männer auf ein geregeltes Einkommen. Auch die Aussichten auf eine Wohnung sollen mit militärischer Vergangenheit in Russland deutlich höher sein.

Ratlose russische Soldaten

Wehrpflichtig ist in Russland jeder zwischen 18 und 28 Jahren, die Grundausbildung dauert 12 Monate, in Militäroperationen dürfen aber nur Berufssoldaten eingesetzt werden. So sieht es ein Dekret von Präsident Putin vor. Allerdings gebe es laut des "Moskauer Komitees der Soldatenmütter" unlautere Methoden bei der Rekrutierung. Viele würden dazu gezwungen, sich zu verpflichten. "Sie werden nicht gefragt, manche stellt man einfach in einer Reihe auf und lässt sie unterzeichnen. Da muckt doch keiner auf", sagt Mitarbeiterin Olga Larkina der "taz". So seien viele unerfahrene Soldaten in der Ukraine gelandet.

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Berichten zufolge sollen auf diese Weise viele unwissentlich in den Krieg gezogen sein, ausgehend von einer weiteren Militärübung, wie sie Russland vor der Invasion wochenlang an der Grenze praktizieren ließ. Auch das Pentagon sieht an der Front aufseiten der Russen einen signifikanten Anteil "sehr junger Männer, von denen nicht alle voll ausgebildet und vorbereitet sind". Die Bilder in den sozialen Netzwerken, die ratlose russische Soldaten im Umgang mit der ukrainischen Bevölkerung zeigen, würden diese These zumindest stützen. "Man muss seine Soldaten psychologisch vorbereiten, um einen Aufstandskrieg zu führen", sagt der US-amerikanische Militärexperte Rob Lee dem "Guardian". Emotional sei es sehr schwer, "gegen ein Land zu kämpfen, dessen Bevölkerung dich nicht dort haben will". Das russische Militär habe bereits einige sehr klassische Fehler gemacht, von der strategischen bis zur gefechtstaktischen Ebene.

Aus Putins Plan eines schnellen Angriffs und der Entmachtung der ukrainischen Regierung wird ein langer Krieg, der nun unvorhergesehene Probleme hervorbringt. Aus Kreisen des US-Verteidigungsministeriums wird berichtet, dass Russland die Versorgung der Soldaten stellenweise nicht gewährleisten kann. Es mangele an Benzin und Nahrungsmitteln. Das alles habe auch Einfluss auf die Moral der russischen Soldaten. Und die könnte laut Militärexperte Lee weiter schwinden. "Das Moralproblem wird zunehmen, wenn die Kämpfe in den Städten ausgetragen werden - mit all den tödlichen Folgen, die diese Art von Kriegsführung mit sich bringt."

Quelle: ntv.de

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