Politik

Eine Million statt 300.000? Russlands "Teilmobilmachung" könnte viel größer sein

2022-05-09T160220Z_1922643832_RC2J3U9AZ6RK_RTRMADP_3_WW2-ANNIVERSARY-RUSSIA-PARADE.JPG

Ob 300.000 oder eine Million Reservisten in die Ukraine geschickt werden sollen - Russland hat offenbar Probleme beim personellen Nachschub.

(Foto: REUTERS)

Offiziell ist es eine Teilmobilisierung, die 300.000 Reservisten mit Kampferfahrung betrifft. Die in Russland verbotene "Nowaja Gaseta" hat allerdings Hinweise, dass Putins Dekret im geheimen Punkt sieben eine ganz andere Zahl enthält. Kreml-Sprecher Peskow nennt den Bericht eine Lüge.

Kurz nachdem der russische Präsident die Teilmobilmachung verkündet hatte, waren Flüge aus Russland in Länder ausgebucht, in die Russen ohne Visum reisen können. Tickets nach Istanbul, Dubai, in die armenische Hauptstadt Eriwan oder das kasachische Almaty waren entweder für die nächsten Tage gar nicht mehr oder nur noch für deutlich höhere Preise als gewöhnlich zu bekommen.

Agenturen meldeten zudem, an der Grenze zu Finnland gebe es mehr Verkehr als üblich, wenn auch nicht so viel wie am Wochenende zuvor. Vor allem junge Russen haben offenbar Angst, in den Krieg gegen die Ukraine geschickt zu werden. Bislang hat Russland seine Grenzen für Reservisten nicht geschlossen, jedenfalls nicht offiziell und nicht vollständig.

Die ausgebuchten Flüge sind ein Hinweis darauf, dass mittlerweile auch die Söhne der russischen Mittelschicht in Moskau und St. Petersburg Angst haben, an die Front geschickt zu werden. Putin sagte am Mittwoch zwar, eingezogen werden sollen "nur die Bürger, die sich derzeit in der Reserve befinden und über bestimmte militärische Berufe und einschlägige Erfahrungen verfügen". In seinem Dekret ist zudem ausdrücklich von einer "teilweisen Mobilisierung" die Rede.

Eine Million im geheimen Punkt sieben

Doch in der vom Kreml veröffentlichten Version des Zehn-Punkte-Dekrets fehlt nicht nur ein Hinweis auf die Größenordnung der Mobilmachung, sondern auch der komplette Punkt sieben. Nachdem Journalisten dies aufgefallen war, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Mittwoch, dieser Absatz unterliege der Geheimhaltung. Der aus dem Exil in Riga produzierte Online-Ableger der russischen Zeitung "Nowaja Gaseta" hat nach eigenen Angaben erfahren, was darin steht.

Die Zeitung berichtet unter Berufung auf eine Quelle in der russischen Präsidialverwaltung, der geheime siebte Absatz erlaube es dem Verteidigungsministerium, eine Million Menschen einzuberufen. Tags zuvor hatte Russlands Verteidigungsminister Sergej Schoigu angekündigt, dass 300.000 Mann einberufen würden.

"Die Zahl wurde mehrfach korrigiert und schließlich auf eine Million festgelegt", wird die Quelle zitiert. Der "Nowaja Gaseta" zufolge gab es in der russischen Regierung Streit darüber, ob Punkt sieben veröffentlicht wird; Vertreter des Verteidigungsministeriums hätten dafür plädiert, die tatsächliche Zahl bekannt zu machen.

Peskow dementierte den Bericht umgehend. "Das ist eine Lüge", sagte der Kremlsprecher der staatlichen Agentur Ria Nowosti. Schoigu habe von "bis zu 300.000 Menschen" gesprochen. Diese würden aber "nicht alle auf einmal" eingezogen.

Fünffacher Vater ohne militärische Erfahrung soll eingezogen worden sein

Beobachtern zufolge liest sich das Präsidentendekret über die "Teilmobilmachung" ohnehin, als sollten so viele Menschen wie möglich rekrutiert werden. Rechtliche Hürden, über die Zahl von 300.000 hinauszugehen, gibt es offenbar nicht.

Einzelne Fälle zeigen, dass nicht einmal die von Putin erwähnte militärische Vorerfahrung nötig ist: Aus der russischen Teilrepublik Burjatien, die an der Grenze zur Mongolei liegt, meldet die oppositionelle Nachrichtenseite "Mediazona" unter Berufung auf lokale Telegram-Kanäle Razzien in einzelnen Dörfern. Die Seite zitiert das Portal "Tayga.info", demzufolge ein 38 Jahre alter fünffacher Vater ohne jede militärische Erfahrung eingezogen wurde. Dem Bericht zufolge muss Burjatien 4000 Soldaten für den Krieg gegen die Ukraine stellen.

Putins Kanonenfutter kommt von der Peripherie

Russland führt seinen Krieg "zum Schutz Russland und unseres Volkes", wie Putin das am Mittwoch formulierte, zu großen Teilen mit Angehörigen ethnischer Minderheiten. "Die Masse der Soldaten kommt nicht aus den urbanen Zentren, nicht aus Moskau oder St. Petersburg, sondern von den Rändern des Landes, aus Städten, deren Namen die meisten Europäer noch nie gehört haben", sagt der Militärhistoriker und Oberst des österreichischen Bundesheeres Markus Reisner.

Nach einer Berechnung der russischsprachigen Website der BBC vom Juli kommen die in der Ukraine getöteten Soldaten vor allem aus den Teilrepubliken Dagestan im Nordkaukasus, aus Burjatien sowie der südrussischen Region Krasnodar. "Das ist das schmutzige Geheimnis des russischen Militärs: Russlands Untertanen aus der Peripherie - Burjaten, Dagestaner, Tuwiner - sind Putins Kanonenfutter", schreibt der russische Journalist Alexey Kovalev in der Zeitschrift "Foreign Policy".

Nach der Demo an die Front

Viele Russen wollen dem Schicksal ihrer Landsleute aus der Peripherie entgehen. Eine Reihe von ihnen reagierte auf die Mobilmachung nicht mit Ausreise, sondern mit Protest. Dabei wurden nach Zählung des Bürgerrechtsportals OVD-Info mehr als 1320 Menschen in 42 Städten festgenommen. Allein in Moskau habe es 537 Festnahmen gegeben.

Besonders perfide war das Vorgehen der Behörden in der russischen Stadt Woronesch, gut 500 Kilometer südlich von Moskau. Von den mindestens 17 Personen, die dort festgenommen wurden, erhielten mehrere Männer nach Angaben von Mediazona eine Vorladung zum Militärregistrierungs- und Rekrutierungsamt für den 23. September.

Eine ganz andere Frage ist, ob es unter militärischen Gesichtspunkten überhaupt sinnvoll ist, eine so große Zahl an Reservisten an die Front zu schicken. "Wenn man 300.000 Reservisten einberuft, lose ausbildet und direkt in die Ukraine schickt, ist das nicht effizient", sagte der Militärexperte Gustav Gressel im Interview mit ntv.de. "So kommt Russland nicht zu einer schlagkräftigen militärischen Maschinerie."

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen