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Soziale Krise in Chile Santiago ringt um Lösung mit Opposition

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Mehr als 110 Supermärkte und andere Einrichtungen wurden in verschiedenen Städten geplündert, mindestens 14 in Brand gesetzt.

(Foto: imago images/Aton Chile)

Die gewalttätigen Proteste in der chilenischen Hauptstadt Santiago halten an - auch deshalb wählt Staatschef Piñera harte Worte und spricht von "Krieg". Dreizehn Menschen kommen bislang ums Leben. Nun ruft er die Opposition dazu auf, gemeinsam eine Lösung zu finden.

Chiles Präsident Sebastián Piñera hat die Opposition aufgerufen, gemeinsam mit der Regierung Lösungen für die soziale Krise im Land zu finden. "Wir arbeiten an einem Rekonstruktionsplan", sagte Piñera. Ziel sei unter anderem eine Anhebung der Renten, eine Senkung der Medikamentenpreise und eine bessere Regelung der Strompreise. Lediglich die Kommunistische Partei wurde von dem für Dienstag angesetzten Dialog ausgeschlossen.
Piñera verteidigte seine Worte vom Vortag, als er von einem "Krieg" gegen einen höchst gewalttätigen Feind sprach. "Ich habe hart gesprochen, weil mich der Schaden und der Schmerz empören, den diese Gewalt und dieses Verbrechertum verursachen", sagte der Staatschef.

Piñeras Vorgängerin und jetzige UN-Kommissarin für Menschenrechte, Michelle Bachelet, kritisierte scharf die Aussagen Piñeras. "Eine erhitzte Rhetorik wird nur die Lage verschlimmern", erklärte Bachelet. Sie forderte die Regierung auf, im Dialog mit der Gesellschaft Lösungen zu finden, die den Frieden wiederherstellten. Auch der von Piñera ernannte Kommandeur des Ausnahmezustands, General Javier Iturriaga, distanzierte sich von den Äußerungen des Präsidenten. "Ich stehe gegen niemanden im Krieg", sagte er.

Bei den gewalttätigen Protesten sind mindestens dreizehn Menschen ums Leben gekommen. Die Leichen wurden in der Hauptstadt Santiago gefunden, unter anderem in ausgebrannten Supermärkten, einer Baumarktkette und einer Textilfabrik, wie die Behörden berichteten. Die Proteste hatten sich an einer Fahrpreiserhöhung für die U-Bahn in Santiago um vier Euro-Cent pro Ticket entzündet. Die Demonstrationen hielten in mehreren Städten noch an, obwohl Piñera die Maßnahme inzwischen zurückgezogen hat. Beobachtern zufolge entlädt sich in dem südamerikanischen Staat mit seinen rund 18 Millionen Einwohnern ein über Jahre aufgestauter Frust über die wachsende soziale Ungleichheit sowie über niedrige Renten und hohe Hürden für Arme beim Zugang zum Bildungssystem.

Ausgangssperren in mehreren Städten

Rund 9400 Soldaten sind nach Angaben des Verteidigungsministeriums im Einsatz. Insgesamt gab es bisher nach Angaben der Staatsanwaltschaft 1554 Festnahmen. Mehr als 110 Supermärkte und andere Einrichtungen wurden in verschiedenen Städten geplündert und mindestens 14 in Brand gesetzt, wie Innenminister Andrés Chadwick berichtete. Aufgrund der anhaltenden Unruhen und Proteste wurde den dritten Tag in Folge eine Ausgangssperre für den Abend in Santiago de Chile, Valparaíso, Concepción und Antofagasta verhängt.

Angesichts der Proteste in anderen Ländern Lateinamerikas wie etwa Ecuador hatte Piñera noch vor kurzem gesagt, Chile sei wie eine "wahre Oase, eine stabile Demokratie, eine wachsende Wirtschaft". Doch unter der Oberfläche schwelt nach Einschätzung von Beobachtern seit Jahren Unmut über eine wachsende soziale Ungleichheit.

Fünf der bisher elf Toten wurden in einer geplünderten und in Brand gesetzten Kleiderfabrik in Santiago de Chile geborgen, wie die Feuerwehr am Sonntagabend mitteilte. Am Morgen waren in zwei Supermärkten der Hauptstadt zwei Frauen und ein Mann ebenfalls bei Bränden nach Plünderungen umgekommen. Weitere zwei Tote wurden in der ausgebrannten Halle einer Baumarktkette im Süden Santiagos aufgefunden, teilte Bürgermeisterin Karla Rubilar mit. Auch in Coquimbo, im Norden Chiles, kam mindestens ein Mann bei den Unruhen ums Leben.

Setzen sich die gewalttätigen Proteste fort, könnte auch die UN-Klimakonferenz in Chile vom 2. bis zum 13. Dezember beeinträchtigt werden. Zu dem Treffen reisen mehrere tausend Diplomaten, Aktivisten und Journalisten aus aller Welt nach Santiago.

Quelle: n-tv.de, agr/dpa

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