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Freitag, 14. Oktober 2016

SPD und K-Frage: "Sausack" Schulz macht's spannend

Von Christian Rothenberg

Martin Schulz stellt in Berlin seine Biografie vor. Bei der Veranstaltung gibt es nur ein Thema: Wird er der nächste SPD-Kanzlerkandidat? Schulz sind die Fragen keineswegs unangenehm.

Der Mann mit der Brille und der Halbglatze nickt in die Runde und sagt freundlich "Hallo". Martin Schulz ist da, es kann losgehen. Der Raum im Büro des deutschen Börsenvereins, einen Steinwurf vom Bundestag entfernt und noch etwas weiter vom Kanzleramt, ist eigentlich zu klein. Mit großem Andrang war zu rechnen. Weniger, weil an diesem Freitag die erste Biografie über Schulz vorgestellt wird. Sondern eher, da sich die Gelegenheit bietet, den SPD-Politiker nach seinen Plänen für die Zukunft zu fragen. Nicht nur bei Sozialdemokraten wird wild spekuliert, Schulz könnte der nächste Kanzlerkandidat der Partei werden. Wird er?

Laut einer nicht repräsentativen Umfrage halten mehr als 60 Prozent der Leser von n-tv.de Martin Schulz für den besseren SPD-Kanzlerkandidaten, 32 Prozent Olaf Scholz. Parteichef Sigmar Gabriel kommt nur auf 8 Prozent.
Laut einer nicht repräsentativen Umfrage halten mehr als 60 Prozent der Leser von n-tv.de Martin Schulz für den besseren SPD-Kanzlerkandidaten, 32 Prozent Olaf Scholz. Parteichef Sigmar Gabriel kommt nur auf 8 Prozent.(Foto: picture alliance / dpa)

Diese Frage liegt auch während der Buchvorstellung ununterbrochen in der Luft. Aber die Zuhörer müssen sich gedulden, denn zunächst geht es um die knapp 300 frisch bedruckten Seiten zwischen zwei Buchdeckeln. "Martin Schulz – vom Buchhändler zum Mann für Europa" heißt das Buch, das die österreichische Journalistin Margaretha Kopeinig geschrieben hat. Dass es jetzt erscheint, ist angeblich Zufall.

Was sagt der Familienrat?

Kopeinig schenkt der Zukunft von Schulz erst einmal wenig Bedeutung. Es bleibt aber kein Zweifel, dass sie ihn für fähig hält. Die Biografie ist sehr wohlwollend, "zu nett", wie Schulz selbst sagt. Bei der Vorstellung schwärmt seine Biografin regelrecht von ihm. Er sei der "Inbegriff eines überzeugten Europäers", formuliere "immer so brillant" und gehe "keiner Krise aus dem Weg". Schulz und Kopeinig sprechen über weltpolitische Themen. Über die schwierigen Beziehungen zur Türkei, Sanktionen gegen Russland und das geplante europäisch-kanadische Freihandelsabkommen Ceta. Schulz holt weit aus, spricht routiniert. Erst als es um die Rechtspopulisten in Europa geht, redet er sich etwas in Rage. Dann schimmert jene Leidenschaft durch, die Kopeinig zu seinen Stärken zählt.

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Wer ist der bessere SPD-Kanzlerkandidat?

Das Buch zeichnet Schulz' durchaus interessanten Werdegang nach. Der ausgebildete Buchhändler wollte eigentlich Fußballprofi werden. Eine Knieverletzung beendete jedoch seine Karriereträume. Schulz brach die Schule ab ("Ich war ein Sausack und kein besonders angenehmer Schüler") und flüchtete sich in den Alkohol. Zwischen dem 19. und 24. Lebensjahr sei sein Leben völlig aus der Bahn geraten, erzählt er im Buch. Das Gefühl, ganz unten gewesen zu sein, helfe ihm heute noch dabei, nicht das Gefühl dafür zu verlieren, ein privilegiertes Leben zu führen. Schulz spricht von Demut.

In der anschließenden Fragerunde geht es wie erwartet vor allem um die Frage, ob Schulz im kommenden Jahr seine Partei als Kanzlerkandidat in den Bundestagswahlkampf führen könnte. Laut einer Forsa-Umfrage ist er bei den Deutschen beliebter als der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel. Wie das sein kann? "Fragen Sie mal beim Meinungsforschungsinstitut nach", entgegnet Schulz. "Wenn man liest, dass man populär ist, freut man sich natürlich." Die Fragesteller stochern weiter. Ob im Familienrat schon über eine Kanzlerkandidatur gesprochen worden sei. Schulz verneint und grinst. Traut er sich einen Wechsel nach Berlin zu? "Der Präsident des Europäischen Parlaments ist ein nationaler Abgeordneter", sagt Schulz, er sei doch auch jetzt schon oft in Berlin. Er ist Profi und weicht geschickt aus. Das Spielchen und die Aufmerksamkeit genießt er offensichtlich, aber eine klare Antwort gibt er nicht.

Die Freundschaft macht es nicht leichter

Wann die Genossen die Frage klären, ist unklar. Die SPD-Spitze will darüber erst Anfang 2017 entscheiden. Bis vor kurzem wurde fest damit gerechnet, dass Parteichef Sigmar Gabriel Kandidat wird. Aber er ist intern umstritten, viele Genossen zweifeln daran, dass er der Partei Erfolg bringt. Der Name von Schulz hält sich schon länger in der Diskussion, zuletzt mit steigender Vehemenz. Zurzeit hat der 60-Jährige auffallend viele Termine in Deutschland. Ein Zufall? Im Mai sagte Schulz auf eine mögliche Kandidatur angesprochen: "Mein Platz ist in Brüssel."

Nur stimmt das vermutlich nicht mehr allzu lange. Anfang 2017 steht den Konservativen eigentlich das Amt des EU-Parlamentspräsidenten zu. Darauf angesprochen, äußert sich Schulz zurückhaltend. "Wer dann an der Spitze stehen wird, wird man sehen." Dass Schulz dann in den Ruhestand geht, ist jedoch kaum vorstellbar, ein Wechsel nach Berlin schon eher. Der nächste Versuch: Welches Buch er dem Kanzlerkandidaten der SPD empfiehlt, fragt ein Reporter. Schulz denkt lange nach. Dann nennt er Karl-Friedrich Brachers "Auflösung der Weimarer Republik". Schulz gibt eine kurze Inhaltsangabe. Auf die Frage, ob er ein guter Bundeskanzler wäre, antwortet er knapp: "Ich glaube vor allem, dass ich ein guter Parlamentspräsident bin."

Der dritte Teil des Buches besteht aus Interviews mit Kollegen von Schulz, eines davon mit Sigmar Gabriel. Der redet offen über die besondere Beziehung zwischen beiden. "Wir sind wirklich gute Freunde, das ist selten in der Politik", verrät der Vizekanzler. Auf die Frage, ob beide einmal Konkurrenten werden könnten, sagt er "ganz gewiss nicht". Eines ist sicher: Das enge Verhältnis der beiden macht die Klärung der K-Frage nicht gerade einfacher. Am Ende soll schließlich keiner der Freunde schlecht dastehen.

Dass Schulz sich selbst für fähig hält, steht dabei außer Frage. Für sozialdemokratische Politiker sei es wichtig, die Gesellschaft zu repräsentieren, sagt er. Schulz ist stolz darauf, es so weit geschafft zu haben, obwohl er kein Akademiker ist. "Die repräsentative Demokratie ist nicht mehr repräsentativ, wenn es nur noch Akademiker gibt." Früher sei er oft eifersüchtig gewesen auf Leute mit Studium oder Doktortitel. Irgendwann habe er gemerkt, dass es auch so geht. Schulz hat es von ganz unten nach ganz oben geschafft. Eine echte Aufstiegsgeschichte. Für einen Sozialdemokraten ist das eher ein Vor- als ein Nachteil.

Quelle: n-tv.de

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