Politik

Reaktion auf Krim-Annexion Schweden rüstet Gotland wieder auf

95018579.jpg

Der schwedische König Carl XVI. Gustaf beobachtet im September 2017 auf Gotland das Militärmanöver Aurora 17.

(Foto: picture alliance / Jussi Nukari/)

Schweden ist kein Nato-Mitglied und grenzt nicht direkt an Russland. Trotzdem reagiert die Regierung auf die jüngsten Spannungen mit dem Land. Besonders sichtbar ist dies seit letztem Jahr auf einer strategisch gelegenen Ferieninsel mitten in der Ostsee.

Schüsse aus Maschinengewehren donnern über die schwedische Ostseeinsel Gotland. Soldaten in Tarnuniformen robben durch den eiskalten Regen hinter ein Versteck aus umgeknickten Baumstämmen und richten ihre Gewehre auf die Küste. Nur wenige Kilometer entfernt feuern Soldaten, die Helme und schusssichere Westen über dicken Winterjacken tragen, mit Panzerfäusten über ein schneebedecktes Feld.

Für die jungen Rekruten auf Gotland ist es eine ganz normale Übung, doch für ihr Land sind die Manöver eine große Veränderung: Angesichts der Spannungen mit Russland hat die Regierung in Stockholm die Truppen auf Gotland verstärkt. Die Insel, die zuletzt nur noch ein beliebtes Urlaubsziel war, wird wieder aufgerüstet.

Schweden hat keine gemeinsame Grenze mit Russland und ist auch nicht Mitglied der Nato. Die russische Annexion der Krim und der Ukraine-Konflikt haben aber auch die Spannungen zwischen Russland und den skandinavischen Staaten verstärkt. Für Beunruhigung sorgten vor allem verstärkte Aktivitäten russischer Kampfflugzeuge über und russischer Marineschiffe in der Ostsee. Im Oktober 2014 sorgte ein mutmaßlich russisches U-Boot für Aufsehen, das angeblich vor Stockholm gesichtet wurde.

*Datenschutz

Vor diesem Hintergrund führte Schweden 2017 die Wehrpflicht wieder ein und erhöhte seine Verteidigungsausgaben. Im September 2017 wurde mit "Aurora 17" die bis dato größte Militärübung seit 23 Jahren durchgeführt. Daran beteiligt waren mehr als 20.000 Soldaten aus Dänemark, Estland, Finnland, Frankreich, Litauen, Norwegen und den USA. Während der sogenannten "Notfall-Vorbereitungs-Woche" im darauf folgenden Mai verschickte ein schwedisches Ministerium außerdem eine Broschüre mit dem Titel "Falls eine Krise oder ein Krieg kommt" an alle 4,8 Millionen schwedische Haushalte. Bereits seit Januar 2018 ist wieder ein schwedisches Regiment auf der Insel stationiert. 

Die bewegte Geschichte der Ferieninsel

Die Soldatin Ida Delin, die in einer Manöverpause an einem Lagerfeuer aufräumt, ist stolz auf ihre Aufgabe. "Was wir hier machen, ist für Schweden wirklich wichtig", sagt die junge Gefreite aus Göteborg.

Gotland sei wegen seiner Lage in der Ostsee schon immer strategisch wichtig gewesen, sagt der schwedische Verteidigungsminister Peter Hultqvist mit Blick auf die Luft- und Seewege in der Region. Auch die historische Stadtmauer der Inselhauptstadt Visby zeugt von Gotlands bewegter Geschichte: Schweden, Dänen, Deutsche und sogar Kreuzritter kämpften um die Insel, auch von Russland wurde sie während der Napoleonischen Kriege kurzzeitig besetzt.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hatte Schweden sein Militär stark verkleinert. Auch das Regiment auf Gotland wurde 2005 aufgelöst und die Kasernen verkauft. Die Spannungen mit Russland hätten nun zu einem Umdenken geführt, sagt Hultqvist. "Ich spreche nicht davon, dass für Schweden eine direkte Bedrohung bestünde. Ich spreche über eine Sicherheitslage, die heute schlechter ist als vor zehn Jahren. Darum haben wir unsere militärischen Kapazitäten ausgebaut."

Auch der Befehlshaber des Regiments auf Gotland, der 50-jährige Oberst Mattias Ardin, spricht angesichts eines "starken Russlands", seiner verstärkten militärischen Aktivitäten und des Ukraine-Konflikts von einer "sich verschlechternden Sicherheitslage". Ardin, der von der Insel stammt und seine militärische Laufbahn kurz vor Ende des Kalten Krieges begann, ist damit betraut, das Regiment neu aufzubauen.

Manche Inselbewohner sehen die Rückkehr der Soldaten kritisch. Der Projektmanager Niclas Bylund, der vor seinem Büro unweit der Stadtmauer von Visby steht, kann der Aufrüstung aber auch viel Positives abgewinnen. Er hofft vor allem auf eine "lebendigere" Insel außerhalb der Touristensaison: Mit den Soldaten und ihren Familien kämen auch mehr Leute auf die Insel, "die in den Geschäften ihr Geld ausgeben".

Quelle: n-tv.de, Tom Little, AFP

Mehr zum Thema