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Spahns Pläne polarisieren Schweigen zur Organspende ist kein Ja

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Deutschland ist Schlusslicht in Europa: Seit dem Organspendeskandal 2012 sank die Zahl der Organspenden jährlich.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der Vorsitzende des Ethikrats hat einen Organspendeausweis, ist aber dennoch gegen den Vorschlag einer Widerspruchslösung von Gesundheitsminister Jens Spahn. Im Interview mit n-tv.de erklärt Peter Dabrock, warum die Idee unserer jahrtausendealten Trauerkultur widerspricht.

n-tv.de: Herr Dabrock, Sie sind Theologe und Vorsitzender des Ethikrats. Wie ist Ihre Haltung zu Organtransplantationen?

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Peter Dabrock ist Professor für Theologie an der Friederich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Außerdem ist er auch Vorsitzender des Ethikrats.

(Foto: picture alliance / Lisa Ducret/d)

Peter Dabrock: Positiv und offen. Das entspricht meinem christlichen Verständnis von Nächstenliebe. Die Spende von Organen ist ein sinnvoller, solidarischer Akt und das sage ich, obwohl ich mich selbst schon häufiger durchaus kritisch zum Hirntodkriterium geäußert habe. Der Hirntod ist nicht mit dem Tod des Menschen gleichzusetzen, trotzdem lässt er sich als geeigneter Zeitpunkt zur Entnahme von Organen bestimmen. Denn ein Hirntoter hat endgültig alle personalen Merkmale einschließlich Schmerzempfindung verloren.

Haben Sie selbst einen Organspenderausweis?

Ich habe einen Organspenderausweis, den ich allerdings verändert habe. Ich habe darin zum Beispiel formuliert, dass die Wünsche meiner Familie verbindlich zu beachten sind. Wenn die sagt: "Wir schaffen es nicht, uns unter den Bedingungen einer Organentnahme so zu verabschieden, wie wir es wünschen!", dann darf und soll sie wissen: "Ihr habt Vorrang!"

Im vergangenen Jahr sank die Zahl der Organspenden auf den niedrigsten Stand seit 20 Jahren. Woran liegt das?

Gesundheitsminister Jens Spahn hat das Problem selbst genannt. In den Entnahmekrankenhäusern gab es bislang verschiedene Hindernisse: finanzielle, aber auch mangelnde Kompetenz hinsichtlich der Feststellung des Hirntodes und die mangelnde Freistellung und Fortbildung von Transplantationsbeauftragten. Hier kommen wir offensichtlich in Deutschland auf einen guten Weg.

Man muss aber auch sehen: In Spanien werden die Transplantationsbeauftragten noch stärker gefördert und freigestellt, als es jetzt die neue Regelung von Herrn Spahn vorsieht. Was man im europäischen Vergleich auch nicht vergessen darf: Viele Länder mit deutlich höheren Zahlen als wir haben als Entnahmekriterium nicht nur den vollständigen Ausfall sämtlicher Hirnfunktionen, sondern ermöglichen die Organentnahme nach Herzstillstand. Das wollen wir in Deutschland ausdrücklich nicht, weil es zu diesem Zeitpunkt noch die Möglichkeit gibt, ins Leben zurückzukehren. Die ist beim Hirntod nicht mehr gegeben. Deshalb werden wir wohl nie auf ähnliche Zahlen wie in diesen Ländern kommen.

Jeder, der sich nicht dagegen ausspricht, ist automatisch Organspender - so lautet die von Jens Spahn propagierte Widerspruchslösung. Die Zahlen könnte diese Variante verbessern. Ist das für Sie ein probates Mittel?

Nein. Wenn selbst der Minister sagt, dass sich vor allem in den Krankenhäusern etwas ändern muss, dann verstehe ich immer weniger, warum wir diese Diskussion jetzt führen sollen. Es wird als großer Fortschritt gefeiert, dass die Datenschutzgrundverordnung die ausdrückliche Zustimmung bei jeder Datenweitergabe fordert. Und nun soll ausgerechnet bei einer so existenziellen Fragestellung wie der Verwendung des eigenen Körpers über den Tod hinaus ein Schweigen als ausreichend erachtet werden? Dabei werden auch die Angehörigen vergessen, die des Schutzes bedürfen. Dass das Schweigen als Zustimmung gewertet wird, greift erheblich in die Phase des Trauerns, des Abschiednehmens ein.

Wenn man dann sagt, dass die Angehörigen doch widersprechen können, dann dreht man die Beweislast um. Das widerspricht unserer jahrtausendealten Trauerkultur. Hier soll sich der erklären, der etwas will. Außerdem würde ein zweites, tief etabliertes Rechtsprinzip unterlaufen, nämlich der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit. Ich würde mir wünschen, dass wir mehr Kreativität entwickeln, eine Regelung zu finden, die die etablierten Rechtsprinzipien einhält und dennoch hilft, möglichst viele potenzielle Organspender zu finden: Warum nicht unsere Entscheidungsregelung so reformieren, dass jeder bei Erstbeantragung und Verlängerung eines Personalausweises sagen muss, ob er spenden will? Das ist dann kein "Wer schweigt, stimmt zu", sondern eine Zustimmungslösung, die beim Versäumen sogar eine Strafe nach sich ziehen könnte. Zugleich wäre so die Entscheidung jedes einzelnen dokumentiert.

Die doppelte Widerspruchslösung ist für Sie also kein Kompromiss?

Ganz im Gegenteil. Der sensible Blick auf die Angehörigen fehlt mir hierbei. Sie sind doch diejenigen, die leiden und einen lieben Menschen verlieren. Von ihnen zu verlangen, dass sie diesen Trauerprozess "erkämpfen" müssen, halte ich für unangemessen. Dies erzeugt einen sozialen Druck.

Wären Sie der gleichen Ansicht, wenn Sie oder ein Familienmitglied ein Organ brauchen?

Ich denke schon. Aus der Frage klingt raus, dass ich, wenn ich selbst betroffen wäre, die Dinge anders sehen könnte. Sollte ich sie anders sehen, weil mein Vorschlag etwa nicht so effektiv erscheint und mit der Widerspruchslösung alles besser würde? Im Übrigen würde ich lieber von einer Widerspruchsregelung sprechen, denn gelöst wird hier gar nichts. Ich glaube nicht, dass die Widerspruchslösung unbedingt effektiver ist. Angesichts der Skandale im Bereich der Transplantationsmedizin in den letzten Jahren muss sehr viel mehr dafür getan werden, damit das Vertrauen in das System wächst. Ich denke, dass die von mir vorgeschlagene Zustimmungslösung dazu mehr beiträgt.

Die meisten Mediziner hierzulande sind dafür - liegen die alle falsch?

Ich verstehe, dass Mediziner, ihrem Ethos folgend, immer das Beste zum Wohle des Patienten erreichen wollen. Ich kenne viele Ärzte, die großen Wert auf ihre bürgerliche Liberalität legen, aber in dieser Sache dann doch nicht. Wird hier nicht mit zweierlei Maß gewertet? Ich möchte zu mehr Ehrlichkeit aufrufen.

Spielt für Sie dabei auch eine potenzielle Unkenntnis der Bevölkerung eine Rolle?

Absolut. Es gibt noch so viele Unklarheiten. Wenn jemand eine Patientenverfügung hat, die besagt, dass er keine lebenserhaltenden Maßnahmen möchte - darf man dann Maßnahmen vornehmen, um die Organe zu erhalten? Wie ist das Verhältnis von Patientenverfügung und Organspenderausweis? Diese und noch viel mehr Fragen, wie die Bedeutung des Hirntods, müssten noch viel stärker in der Bevölkerung bedacht werden. Sonst haben wir doch gar keine Grundlage, auf der man ernsthaft sagen kann: "Wer schweigt, stimmt zu!"

Sie sprechen im Falle der Widerspruchslösung von einer Organabgabepflicht statt von einer Organspende. Warum?

Ganz einfach. Wenn sich jemand von der Steuer befreien lassen kann, dann ändert das nichts an der Steuerpflicht. Oder: Es gab die Wehrpflicht, obwohl man sich aus Gewissensgründen für den Zivildienst entscheiden konnte. Deshalb haben wir doch nicht das Wort "Wehrpflicht" abgeschafft. Die Grundtendenz der Widerspruchslösung lautet: Der Hirntote wird zu einem Objekt staatlicher Fürsorge. Denn bei Nichtwiderspruch gehört er dem Gesundheitssystem, das muss man in dieser Klarheit auch mal so sagen.

Mit Peter Dabrock sprach Lea Schulze

Quelle: n-tv.de

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