Politik

Außenminister ohne Macht Sergej Lawrow gibt Putins Bluthund

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Treuer Gefolgsmann Putins: Sergej Lawrow.

(Foto: picture alliance/dpa/Pool Reuters/AP)

Im Umfeld von Präsident Wladimir Putin existieren nicht viele Menschen, die überhaupt etwas zu Russlands Politik sagen. Einer von ihnen ist Außenminister Sergej Lawrow. Zuletzt gibt er im UN-Menschenrechtsrat den Bluthund. Doch in Wahrheit ist er wohl nur ein Papiertiger.

Ob Olaf Scholz, Emmanuel Macron oder Joe Biden - seit dem russischen Angriff auf die Ukraine scheint sich im Westen eine Rede an die jeweilige Nation an die andere zu reihen. In den Parlamenten oder aber in Talkshows reden sich Politikerinnen und Politiker von Regierung wie Opposition nicht nur die Köpfe heiß, wie die Situation denn nun zu bewerten und wie mit ihr umzugehen sei. Sie wenden sich auch unmittelbar mit Appellen an die russische Führung. Ganz so, wie es in Demokratien eben angemessen und üblich ist.

Im autokratischen Russland ist eine ähnliche Debattenkultur selbstredend nicht zu erwarten. Seit dem Beginn seiner Aggression hält sich Putin mit weiteren Grundsatzreden zurück. Stattdessen setzt er "nur" noch Nadelstiche wie die Ankündigung, seine "Abschreckungswaffen" in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt zu haben. Daneben tun sich bislang vor allem drei Figuren hervor, die sich als Hardliner voll und ganz auf Putins Linie gerieren.

Oder haben Sie etwa schon mal was von Michail Mischustin gehört? Nein? Er ist Russlands Ministerpräsident. Wenn man so will, also der Olaf Scholz der russischen Föderation. Aber zu melden hat er nichts. Schon gar nicht in der jetzigen Situation.

Schoigu und Medwedew

Zu den drei Personen, die stattdessen Putins Schergen mimen, zählt zum einen Verteidigungsminister Sergej Schoigu. Am Montag stellte er klar, Russland werde in der Ukraine kämpfen, "bis alle Ziele erreicht sind". Das heißt: bis der erklärte Wahnwitz der "Entnazifizierung" und "Entmilitarisierung" vollzogen ist.

Der Zweite ist Dmitri Medwedew. Seit jeher ist er so etwas wie die optische Bohème-Version des stets latent prollig wirkenden Putin, der es im Gegensatz zu seinem Ziehvater immerhin schafft, seine Anzüge passgenau und dem modischen Stil der Zeit entsprechend aufzutragen.

Im Geiste aber sind die beiden vereint. Und das nicht erst seit ihrer Scharade um das Präsidentenamt, die nach einer einmaligen Amtszeit Medwedews von 2008 bis 2012 überhaupt erst den Grundstein legte für Putins Griff nach der immerwährenden Präsidentschaft in Russland.

Seit dem Überfall auf die Ukraine gefällt sich Medwedew in der Rolle des Scharfmachers in Nadelstreifen. So drohte er dem Westen nicht nur mit einer Explosion der Gaspreise, sondern auch damit, dass aus einem Wirtschaftskrieg auch schnell ein "heißer Krieg" werden könne. Dabei beschränkt sich seine politische Aufgabe seit 2020 eigentlich darauf, als Vizechef des Sicherheitsrats hinter Putin alle Entscheidungen mit abzunicken. Ansonsten genießt es der 56-jährige Hardrock-Fan vermutlich vor allem, seine aus dunklen Kanälen stammenden Millionen zu verprassen und auf seiner Luxusjacht durch die Gegend zu schippern.

Der distinguierte Lawrow

Der Dritte im Bund ist schließlich Außenminister Sergej Lawrow. Auch er ist ein Freund der distinguierten Erscheinung. Jedenfalls, so lange es nur um die Klamotte geht. Ansonsten aber tritt er auf wie Putins vorderster Bluthund. Bereits vergangene Woche gab er eine Pressekonferenz, in der er der ukrainischen Regierung die demokratische Legitimation absprach und die Lüge seines Chefs von einem "Genozid" im Donbass wiederholte.

Doch spätestens die Rede, die er am Montag via Videoschalte im UN-Menschrechtsrat hielt, wird an ihm für immer wie Blut an den Händen kleben - ganz egal, wie der Konflikt um die Ukraine am Ende auch ausgehen mag. Eine Rede, bei der Dutzende Mitglieder des Rates unter Protest den Saal verließen.

Während russische Truppen zum selben Zeitpunkt dabei waren, weiter Tod und Zerstörung ins Nachbarland zu tragen, prangerte Lawrow angebliche Menschenrechtsverletzungen der Ukraine an. Dem Westen warf er einen "russenfeindlichen Rausch" vor, der Ukraine unterstellte er die Absicht, den Besitz von Atomwaffen anzustreben und verglich sie mit Nazi-Deutschland. Und auch das Schreckgespenst eines Atomkriegs malte er mal wieder an die Wand - auch wenn Russland natürlich davon überzeugt sei, dass ein solcher "niemals geführt werden darf". Die einzigen, die darüber jedoch seit Tagen offen reden und ihr Nuklearpotenzial lautstark in die Waagschale werfen, sind die Russen.

Keine Samthandschuhe

Wie vorbehaltslos sich Lawrow zugleich in Rage und um Kopf und Kragen redete, vermag zunächst vielleicht zu verwundern. Schließlich ist er seit mittlerweile 50 Jahren ein altgedienter Diplomat und auch bereits seit 2004 russischer Außenminister. Doch Lawrow gehört schon lange zu den Männern in Putins Administration, die sich zwar gerne in Samt und Seide hüllen, andere aber nicht gerade mit Samthandschuhen anfassen.

Unschmeichelhafte Beschreibungen Lawrows gibt es viele, zumeist von namentlich nicht genannten US-Diplomaten. Als "komplettes Arschloch" bezeichnete ihn etwa angeblich mal ein Mitarbeiter des früheren US-Präsidenten George W. Bush hinter vorgehaltener Hand. Ein Diplomat der ehemaligen US-Regierung von Barack Obama soll ihn dagegen unter anderem als "uncharismatisch", "aggressiv", "kompromisslos" und "brutal" charakterisiert haben.

Von Ex-US-Außenministerin Hillary Clinton ist unterdessen überliefert, er habe sie in Verhandlungen schon mal wie eine "Idiotin" dastehen lassen. Aber auch vor aller Augen und Ohren ließ Lawrow bereits durchblicken, dass er mitunter zu Kraftausdrücken neigt, als er etwa 2015 auf einer Pressekonferenz in Saudi-Arabien die Anwesenden um ihn herum als "Dummköpfe" abkanzelte.

Treuer Beamter

"Ich bin nicht leicht aus der Fassung zu bringen. Aber ich rate auch niemandem, das auszutesten", sagte Lawrow einmal in einem Interview. Daran, dass er ein knallharter Vertreter russischer Interessen ist oder dessen, was er dafür hält, besteht kein Zweifel. Dass machte er auch knapp zwei Jahre nach der Annexion der Krim 2014 deutlich, als er die Kritik daran selbstbewusst zurückwies. "Unsere westlichen Kollegen sagen manchmal zornig, dass es mit Russland kein 'Business as usual' mehr geben werde", sagte Lawrow. "Ich stimme ihnen zu, es wird kein 'Business as usual' mehr geben, bei dem uns Vereinbarungen aufgezwungen wurden, die vor allem Interessen der Europäischen Union oder der USA berücksichtigten."

Nicht erst da war Lawrow auf den zunehmendem Konfrontationskurs gegenüber dem Westen eingeschwenkt, der sich seit Putins Auftritt auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2007 bereits abgezeichnet hatte. Schon damals kritisierte der russische Präsident die NATO-Osterweiterung scharf und warf den USA vor, eine "monopolare Weltherrschaft" anzustreben. Lawrow trug dies alles mit und vertrat international die russische Weltsicht - vom Krieg in Georgien 2008 über das russische Engagement für Syriens Diktator Baschar al-Assad seit 2015 bis hin zum jetzigen Überfall auf die Ukraine.

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Eine führende Rolle schreiben viele Experten dem 71-Jährigen dabei jedoch nicht zu. Stattdessen sehen sie in ihm einen Technokraten und treuen Beamten, der willfährig bereit ist, den Maßgaben aus dem Kreml Folge zu leisten. Mit anderen Worten: Putins Maßgaben. Dass Lawrow schon so lange im Amt ist, sei demnach auch kein Zufall. Ihm werden keine Machtambitionen nachgesagt. Zugleich jedoch soll er auch nicht zum inneren Zirkel rund um den Präsidenten gehören. Dass er selbst entscheidenden Einfluss auf die Politik oder gar Putin selbst nehmen kann, gilt als unwahrscheinlich.

Allzu große Hoffnungen, er werde womöglich seinem Chef in den Arm fallen, sollte man sich deshalb erst recht nicht machen. Die Erfahrung zeigt: Zum einen führt Lawrow nicht nur brav aus, was Putin vorgibt, zum anderen kann er diese Vorgaben mutmaßlich auch nicht großartig beeinflussen. Und drittens will er es auch gar nicht.

Quelle: ntv.de

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