Politik

Maduro-Zirkel herrscht weiterSo ist die Macht in Venezuela jetzt verteilt

16.01.2026, 10:23 Uhr
imageVon Kevin Schulte
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Delcy Rodríguez führt Venezuela als Interimspräsidentin. (Foto: via REUTERS)

Nicolás Maduro ist weg. Dennoch scheint in Venezuela alles beim Alten zu sein. Nach der Entführung des Diktators durch die USA lenken vier Personen aus Maduros engstem Umfeld das Land. Neue Köpfe im Machtapparat sind Fehlanzeige.

Donald Trump ist zufrieden, wie es läuft. "Venezuela entwickelt sich sehr gut. Wir arbeiten sehr gut mit der Führung zusammen und werden sehen, wie es sich weiterentwickelt", sagte der US-Präsident Anfang der Woche. Kein Wunder: Trump zufolge stimmt sich die neue Präsidentin Delcy Rodríguez regelmäßig mit der amerikanischen Regierung über den künftigen Kurs Venezuelas ab, vor allem mit Außenminister Marco Rubio.

Rodríguez war bis zum 3. Januar Vizepräsidentin von Venezuela. Nach der Entführung von Machthaber Nicolás Maduro durch amerikanische Spezialkräfte steht sie an der Spitze des südamerikanischen Landes - und versucht die Quadratur des Kreises: Rodriguez hat einerseits signalisiert, dass sie mit Washington kooperieren will. Andererseits aber auch, dass sie für ein souveränes Venezuela steht. "Die USA haben Venezuela laut Trumpscher Doktrin eine klar koloniale Stellung verordnet. Rodriguez sagt aber, dass sie nicht fremdregiert ist. Wir haben zwei völlig konträre Bilder, die hier erzeugt werden", sagt der Historiker und Venezuela-Experte Christian Cwik von der Universität Klagenfurt im ntv-Podcast "Wieder was gelernt".

"Könnte auf Konflikt hinauslaufen"

Welches Bild entspricht eher der Realität? Steht Venezuela nach der Entführung von Maduro unter dem Büttel der USA? Oder zeigt die verbliebene Regierung in Caracas so etwas wie Widerstand? Denn um einen Regimechange ging es Donald Trump bei dem Militäreinsatz offensichtlich nicht. Die neue Friedensnobelpreisträgerin María Corina Machado hat in Venezuela genauso viel zu sagen wie vor der Festnahme von Maduro: gar nichts. In Caracas geben bis auf den langjährigen Staatschef dieselben Personen den Ton an wie früher. Bis auf Maduro sind alle wichtigen Frauen und Männer noch im Amt.

Laut Christian Cwik kann es sich die neue Führung dennoch nicht leisten, nur das zu tun, was Trump vorgibt. "Aus Sicht des Partei- und Regierungsapparats wäre es ein absolutes No-Go, wenn die Regierung um Rodriguez & Co. wirklich das tut, was Trump in der Öffentlichkeit behauptet. Das könnte auf einen Konflikt innerhalb des Bolivarismus hinauslaufen", analysiert der Venezuela-Experte.

Rodriguez' Vater war 1976 im Gefängnis

Delcy Rodríguez war in Venezuela jahrelang die rechte Hand von Maduro und während seiner gesamten Amtszeit als Präsident eine Schlüsselfigur in dessen Machtapparat. Zunächst diente sie von 2013 an als Kommunikationsministerin, ein Jahr später übernahm sie das Außenministerium. 2018 wurde sie zur Vizepräsidentin befördert. Seit 2020 war sie parallel Finanzministerin.

Rodríguez stammt aus einer sehr politischen Familie. Ihr Bruder Jorge Rodríguez ist Parlamentspräsident. Ihr Vater, der auch Jorge heißt, war ein linker Aktivist in den 1960er-Jahren. Jorge Rodríguez Senior kam aus dem radikalen Flügel der venezolanischen Sozialdemokraten, er war ein Teil der marxistischen Guerillakämpfer. Anfang 1976 verschleppte seine Organisation einen amerikanischen Manager. Rodríguez wurde wegen seiner Beteiligung an der Entführung ins Gefängnis gesteckt. Dort kam er im Sommer 1976 unter nicht geklärten Umständen ums Leben. Er soll gefoltert worden sein. Jorge Rodríguez Senior wurde nur 34 Jahre alt.

Rodríguez' Kinder haben später erst Hugo Chávez, danach Nicolás Maduro unterstützt. "Es gibt in Venezuela eine sehr starke linke Opposition, denen das, was Chávez gemacht hat, viel zu wenig links ist und viel zu weit in Richtung Staatskapitalismus geht. Da gehört die Rodríguez-Familie nicht dazu", erklärt Cwik im Podcast, wo sich die neue Spitze Venezuelas politisch verorten lässt. "Der maduristische Weg hat weit weggeführt von der ursprünglichen linken Idee vieler Gruppen, die sich am Ende der 1980er Jahre zusammengefunden hatten, um die enorme Wirtschaftskrise in Venezuela zu überwinden."

Gerüchte um Absprache mit Trump

Im Gegensatz zu Maduro und anderen chavistischen Spitzenpolitikern stehen Delcy Rodríguez und ihr Bruder Jorge nicht auf der Fahndungsliste der US-Drogenbehörde DEA. Dass ausgerechnet Maduros langjährige rechte Hand von den USA ausgewählt wurde, um Venezuela künftig anzuführen, ist trotzdem überraschend. Die Präsidentschaftswahl 2024 hat laut einer Mehrheit der westlichen Wahlbeobachter Oppositionskandidat Edmundo González gewonnen. Er wurde von Trump aber genauso wenig auserkoren, das Land zu führen, wie Friedensnobelpreisträgerin Machado.

Interessant ist in dem Zusammenhang ein Bericht des "Miami Herald". Die Zeitung schrieb im Oktober, dass die damalige Vizepräsidentin und ihr Bruder der amerikanischen Regierung einen Vorschlag gemacht hätten, wie Venezuela ohne Maduro regiert werden könne. Delcy Rodríguez warf der Zeitung vor, "Lügen und Aasfutter" zu verbreiten. Kurz nach Maduros Festnahme sagte sie noch, Venezuela werde "niemals wieder Kolonie irgendeines Imperiums" sein.

Fakt aber ist: Rodríguez hat der US-Regierung Verhandlungsbereitschaft signalisiert und ist - warum auch immer - die von Trump auserkorene Präsidentin.

Verteidigungsminister außerordentlich lange im Amt

Die Rodríguez-Geschwister sind allerdings nicht allein, es gibt zwei weitere Schlüsselfiguren im politischen Betrieb Venezuelas: Innenminister Diosdado Cabello gilt als besonders korrupt, ist ein politischer Ziehsohn von Hugo Chávez und hat auch unter Maduro weiter Karriere gemacht. "Es gibt kaum ein Ministerium, das die Rodríguez-Geschwister und Cabello noch nicht bekleidet haben", sagt Cwik und nennt Vladimir Padrino Lopez als weitere Schlüsselfigur im venezolanischen Regierungsapparat. Er war schon in Maduros Machtzirkel eine der wichtigsten Personen. Seit 2014 ist er Padrino Lopez Oberbefehlshaber des Militärs. Kein Minister ist länger im Amt.

"Als ich im Sommer 2008 aus dem venezolanischen Universitätsbetrieb ausgeschieden bin, gab es einen Zeitungsartikel, dass es während der Chavez-Jahre von 1999 bis 2008 bereits 303 Ministerwechsel gegeben hat", erinnert sich Cwik an eine kuriose Randnotiz. "Deshalb ist es interessant, dass ein Mann wie Vladimir Padrino Lopez seit 2014 durchgehend Verteidigungsminister ist. Das zeigt, dass er das Militär im Griff hat." In Venezuela ist das keine Selbstverständlichkeit. 2002 versuchte das Militär, Madurós Vorgänger Chávez wegzuputschen.

Geholfen hat Lopez' Macht aber in der Nacht zum 3. Januar nicht, als die amerikanischen Elitesoldaten Nicolás Maduro und seine Frau gefangen genommen und außer Landes gebracht haben. Doch die venezolanische Armee ist, wie in Lateinamerika üblich, eine ausschließlich nach innen gerichtete Armee. Das Militär soll in erster Linie dafür sorgen, die eigenen Staatsbürger auf Linie zu halten, zu drangsalieren und mit Repressionen zu überschütten. Das können die Truppen von Verteidigungsminister Lopez offenbar besser, als die Entführung ihres Präsidenten zu verhindern.

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Quelle: ntv.de

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