Politik

Werbevideos aus der Diktatur So sieht Nordkoreas Youtube-Kanal aus

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Fröhliche Kinder spielen in den Youtube-Videos eine große Rolle.

(Foto: imago images/Hans Lucas)

Nur ganz wenige Nordkoreaner haben einen Internetzugang. Eine von ihnen ist eine junge Frau, die seit einigen Monaten auf Youtube seltene Einblicke in den nordkoreanischen Alltag gewährt - PR und Eigenwerbung für das Regime inklusive.

"Hier findet gleich ein großes Konzert statt, um den 'Tag der Jugend' zu feiern. Ich weiß nicht, ob es diesen Feiertag bei euch auch gibt, aber bei uns ist es von allen Feiertagen der aufregendste und großartigste", erzählt Un-A Ende August in einem ihrer vielen Youtube-Videos. Ihr Leben, das sie darin präsentiert, sieht fast genauso aus wie eines im Westen: Un-A geht joggen, im Restaurant essen oder in einen Wasserpark. Der einzige kleine Unterschied ist, dass die junge Frau in der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang lebt. "Das ist kein reines Theater", sagt Rüdiger Frank, Professor für Wirtschaft und Gesellschaft Ostasiens an der Universität Wien. Er beschäftigt sich seit 30 Jahren mit Nordkorea und hat 1991 sogar für ein halbes Jahr in Pjöngjang studiert.

Damals sei Nordkorea vom Lebensniveau her noch ein deutlich rückständigeres Land gewesen, erzählt der Nordkorea-Kenner im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". Inzwischen aber sei ein solcher Lifestyle für eine Mittelschicht möglich. Ausgehend von der Zahl der Mobiltelefone im Land vielleicht für fünf bis sechs Millionen von 25 Millionen Einwohnern.

Aber Un-A - ein typischer weiblicher Vorname in Nordkorea, sagt Frank - steht über der Mittelschicht. Denn die junge Frau besitzt nicht nur Smartphone und einen gehobenen Lebensstandard, sondern offensichtlich auch einen Internetzugang. Der gehöre standardmäßig nicht zum nordkoreanischen Alltag, erzählt Frank. Im Netz dürfen nur Kinder aus der Oberschicht surfen, die "ganz besondere Rechte" haben.

Zwei Millionen Zuschauer

Un-A scheint so ein Kind zu sein. Vermutlich sei sie die Tochter von jemand Wichtigem, tippt Rüdiger Frank. Sie komme sicherlich aus einer vertrauenswürdigen Familie. "Dafür spricht auch die Tatsache, dass sie sehr gut Englisch spricht", sagt der Experte. Das sei nicht ausgeschlossen in Nordkorea, manche Schulen unterrichten das. Aber Un-A merke man eine gewisse Erfahrung und Routine im Umgang mit der Sprache an.

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Rüdiger Frank ist Vorstand des Instituts für Ostasien-Wissenschaften.

(Foto: picture alliance / ---/Rüdiger F)

Eine Erfahrung und Routine, die sie in der größten englischsprachigen Community der Welt nutzt, dem Internet. Ihr Youtube-Kanal "Echo of Truth" wurde schon vor drei Jahren am 20. August 2017 gegründet, das erste Video aber erst über ein Jahr später hochgeladen. Darin nimmt die junge Frau die Zuschauer mit in einen Wasserpark, der angeblich in nur neun Monaten gebaut wurde und seitdem von täglich Hunderttausenden Menschen besucht wird.

In den Monaten darauf wurde Un-A aktiver: Alle paar Wochen, manchmal sogar alle paar Tage lädt sie neue Videos hoch, die den nordkoreanischen Alltag zeigen, wie er wirklich ist. Das verspricht sie in der Beschreibung ihres Kanals. Ihre Einblicke in das verschlossene Land kommen an: Ihr Kanal hat mittlerweile über 31.000 Abonnenten. Mehr als zwei Millionen Menschen haben sich ihre professionell gedrehten Videos angesehen.

Kim Jong Un kontrolliert das Papier

Das sei die wirklich neue Entwicklung, sagt Nordkorea-Experte Frank. Das Regime nutze Youtube bereits seit einigen Jahren sporadisch, aber die neuen Videos hätten beinahe die Qualität von Werbevideos.

Sehr werbewirksam ist die menschelnde Themenauswahl: Un-A macht Dinge, mit denen sich auch Berliner, Pariser, Londoner und New Yorker identifizieren können. In einem Video fragt sie beispielsweise auf der Straße ihre Mitbürger, womit die ihren Feierabend verbringen und wie sie nach einem anstrengenden Arbeitstag entspannen. Oder sie besucht eine Druckerei, in der Schulbücher und Notizhefte hergestellt werden, und gibt ein bisschen damit an, wie toll das nordkoreanische Bildungssystem ist. Und die Druckerei: 2016 trotz der strengen Sanktionen wie geplant fertigstellt. Heute produziert sie dreimal mehr Hefte und Bücher her als ursprünglich geplant. Auch die Papierqualität ist spitze, das hat der Oberste Führer des Landes, Kim Jong Un, persönlich getestet. Trotzdem sind die Hefte so günstig, dass sie sich jede Familie leisten kann.

"Was dort gezeigt wird, passt natürlich mit einigen Kernaussagen der Ideologie zusammen", sagt Nordkorea-Experte Frank. Im Kalten Krieg sei es an der Tagesordnung gewesen, dass die einen sagten: Bei uns habt ihr diese ganzen Freiheiten, ihr könnt euch kaufen, was ihr wollt. "Und auf der sozialistischen Seite hat man gesagt: Ja, aber wir haben dafür ein kostenloses Gesundheits- und Bildungssystem, an dem alle teilnehmen können. Der Staat kümmert sich um alles."

Kim Il Sung wird gelöscht

Wer in Nordkorea geboren wird, hat Glück gehabt - das ist die Botschaft der Videos. Denn die sind natürlich kein reiner Einblick in den kommunistischen Alltag, sondern eine PR-Kampagne mit einer ganz modernen Botschaft, die es so bis vor wenigen Jahren nicht gegeben hätte: Das Nordkorea-Portal 38 North hat im Juli berichtet, dass mehrere Videos aus dem Kanal von Un-A verschwunden sind. Videos, die das Leben von Staatsgründer Kim Il Sung dokumentiert und idealisiert haben. Eine Entscheidung, die früher undenkbar gewesen wäre, staunen die Experten.

Anscheinend hat Nordkorea erkannt, dass Lobpreisungen auf einen Diktator in einem westlichen Portal wie Youtube keine Begeisterungsstürme auslösen. Denn niemand glaubt wirklich, dass Un-A ganz alleine entscheiden darf, welche Videos sie dreht und einstellt: Rüdiger Frank tippt, dass entweder das nordkoreanische Außenministerium hinter ihrem Rücken die Fäden zieht oder die Abteilung für internationale Beziehungen der nordkoreanischen Arbeiterpartei. "Vielleicht auch beide gemeinsam", sagt der Nordkorea-Experte.

Das südkoreanische Portal NK News, das ebenfalls auf Nordkorea spezialisiert ist, wurde sogar noch etwas konkreter: Es vermutet, dass der Kanal von der staatlichen Sogwang-Mediengruppe betrieben wird. Genauso wie der nordkoreanische Twitter-Account @coldnoodlefan mit knapp 9000 Followern. Der Name sei eine Anspielung auf ein Kaltnudel-Gericht, das nicht nur in Nordkorea beliebt ist, sagt Rüdiger Frank. Aber anders als der Youtube-Kanal ist der Twitter-Account nur eingeschränkt verfügbar: Twitter hat ihn mit einem Warnhinweis versehen, "da von diesem Account einige ungewöhnliche Aktivitäten ausgegangen sind".

Warnhinweis auf Twitter

Das mache ihn sehr betroffen, sagt Nordkorea-Experte Frank, weil es den Eindruck erwecke, dass der Westen andere Meinungen lieber verbiete, anstatt sie zu ertragen und mit eigener Information dagegenzuhalten. "Als aufgeklärter Mensch in einer Demokratie sollte man gelernt haben, sich Informationen aus verschiedenen Quellen zu beschaffen", betont er ohne Sorge, Zuschauer und Leser könnten auf nordkoreanische Werbung hereinfallen. "Wenn man nur nordkoreanische Kanäle verwendet, bekommt man sicherlich ein einseitiges Bild. Aber wenn man ausschließlich Berichte diverser Menschenrechtskommissionen liest, wäre es ein einseitiges Bild in die andere Richtung."

Was Nordkorea von dem Warnhinweis auf Twitter denkt, ist nicht bekannt, Aber mit dem Youtube-Kanal von Un-A scheint das Regime zufrieden zu sein. Vor knapp einem Jahr, im Oktober 2019, wurde ein zweiter namens "New DPRK" gegründet, "Neue Demokratische Volksrepublik Nordkorea". Auch hier zeigt sich das Land von seiner menschlichen Seite: Kinder gehen zum Zahnarzt, eine junge Frau besucht ein Burger-Restaurant, eine andere erklärt die landestypische Mode. Auf Koreanisch, Englisch gibt es hier nur noch als Untertitel. Erfolgreich ist der Kanal trotzdem: Fast 15.000 Menschen haben ihn schon abonniert.

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Quelle: ntv.de