Politik

Sogar Smalltalk mit MerzDie CDU begrüßt die verlorene "Mutti" mit großem Jubel

20.02.2026, 17:03 Uhr b58b01e6-b3b2-4108-ace9-39b8c6dbd390Von Hubertus Volmer, Stuttgart
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Applaus für Friedrich Merz: Armin Laschet, Angela Merkel und Annegret Kramp-Karrenbauer klatschen. (Foto: picture alliance / dts-Agentur)

Keine Partei sei so harmoniebedürftig wie die CDU, sagt ein Delegierter auf dem Parteitag in Stuttgart. Das merkt man auch bei der Begrüßung der ehemaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel. Endlich Versöhnung? Wohl kaum.

Am Ende steht sie und klatscht - vermutlich nicht sehr laut, aber so hat Angela Merkel auch früher immer applaudiert: ohne groß auszuholen, mehr symbolisch die Hände zusammenführend. Das muss nichts sagen.

Es ist das erste Mal seit ihrer Zeit als Kanzlerin, dass Merkel an einem CDU-Parteitag teilnimmt. Einen großen Auftritt gibt es nicht: keine Rede, keine Podiumsdiskussion. Dafür ein Signal: Geschlossenheit. Das ist allen Parteien wichtig, aber vor allem der CDU. Vor allem jetzt.

Insofern ist allein ihre Teilnahme am CDU-Parteitag in Stuttgart ein kleines Zeichen der Versöhnung mit ihrem langjährigen Rivalen, dem jetzigen Parteivorsitzenden Friedrich Merz, dem sie nun in Stuttgart applaudiert, zusammen mit den 1001 Delegierten und den zahlreichen Ehrengästen, mit denen sie in der ersten Reihe sitzt. Merkel, die in der CDU früher erst abfällig, dann liebevoll "Mutti" genannt wurde, hat Platz genommen zwischen ihrer Nachfolgerin Annegret Kramp-Karrenbauer und ihrem Nach-Nachfolger Armin Laschet.

"Liebe Angela"

Alle drei werden vor Beginn des Parteitags per Handschlag von Merz begrüßt, er bleibt sogar einen Moment stehen und hält Smalltalk. In seiner Eröffnungsrede begrüßt Merz die drei dann auch offiziell: "Liebe Angela, herzlich willkommen in Stuttgart." Später, in seiner eigentlichen Rede auf dem Parteitag, neben seiner für den Nachmittag geplanten Wiederwahl als CDU-Chef der zentrale Tagesordnungspunkt, erwähnt er Merkel ebenfalls: "Die Architekten der Wiedervereinigung - allen voran natürlich Helmut Kohl - kamen aus der CDU. Angela Merkel war 16 Jahre lang Kanzlerin und hat diese Einheit geradezu personifiziert."

Gut, in die Tradition von Angela Merkel stellt er die CDU nicht - das macht er mit Konrad Adenauer und Helmut Kohl. Aber so, wie er es sagt, klingt sein nüchterner Satz über Merkel doch freundlich.

Das ist nicht wenig, wenn man an die Geschichte der beiden denkt. Jeder Hobby-Psychologe weiß: Der Konflikt zwischen den beiden geht auf das Jahr 2002 zurück, als Merkel Merz vom Fraktionsvorsitz verdrängte. Die Union hatte gerade eine Bundestagswahl verloren, die CDU-Chefin wollte Oppositionsführerin im Bundestag werden - und CSU-Chef Edmund Stoiber, der im Wahlkampf Kanzlerkandidat der Union gewesen war, unterstützte Merkel darin. Merz, der Stoiber im Wahlkampf nach Kräften unterstützt hatte, wurde beiseitegeschoben.

"Wir wollten beide Chef werden"

In ihrem Buch hakt Merkel diese Episode ziemlich lapidar ab: "Friedrich Merz war tief getroffen, als ich ihm eröffnete, dass ich an seiner Stelle Fraktionsvorsitzende werden wollte und Edmund Stoiber und ich als die Vorsitzenden von CDU und CSU unserer Fraktion (…) einen entsprechenden Wahlvorschlag machen würden." Merz "war und ist ein brillanter Redner", aber es habe ein Problem gegeben: "Wir wollten beide Chef werden."

Das alles ist eine Ewigkeit her. Aber auch aus jüngerer Zeit gibt es genug Belege, dass diese zwei sich nicht leiden können. 2019 etwa sagte Merz nach einer Landtagswahl in Thüringen, das Erscheinungsbild der Bundesregierung aus Union und SPD sei "grottenschlecht", Merkel habe "politische Führung und klare Aussagen" vermissen lassen.

Die Migrationspolitik der CDU in den Jahren nach 2015 nannte Merz im vergangenen Jahr explizit einen "Fehler", den er "grundlegend korrigieren" wolle. Man kann wohl davon ausgehen, dass Merz' Meinung über Merkel eigentlich noch sehr viel kritischer war - jedenfalls sagte er im vergangenen Jahr im ZDF, er habe sich "in den Jahren, in denen ich nicht im Deutschen Bundestag war, mit Äußerungen sehr zurückgehalten", er habe "viele, viele Jahre nichts gesagt".

Selbst im Wahlkampf kritisierte Merkel Merz

Dass es hier einen klaren Dissens gibt, hat auch Merkel offen eingeräumt. 2024 sagte sie, in der Migrationspolitik habe sie andere Einstellungen als Merz. Für sie sei immer wichtig gewesen, dass es an den deutschen Grenzen keine Zurückweisungen von Asylsuchenden geben sollte. "Ich halte das auch für den falschen Weg." Genau diesen Weg ist Merz als Kanzler gegangen.

Besser wurde ihr Verhältnis auch nicht, als Merkel Merz im Januar 2025 öffentlich kritisierte. Die in Kauf genommene Mehrheit mit der AfD nannte sie damals in einem Statement "falsch". In der CDU stieß diese Wortmeldung mitten im Wahlkampf auf völliges Unverständnis, ja Fassungslosigkeit.

Aber wenn es nur das Persönliche wäre. Für die ganze CDU ist der Umgang mit Merkel heikel. Als Regierungspartei ist die Union vielfach mit Problemen konfrontiert, deren Ursachen in der 16-jährigen Regierungszeit der Altkanzlerin liegen. "Zum Beispiel würde man eine andere Russlandpolitik gemacht haben in früheren Regierungszeiten", sagte Unionsfraktionschef Jens Spahn im ntv-Frühstart auf die Frage, was man von Merkel lernen könne.

Linnemann freut sich: Gut aus der Affäre gezogen

CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann hatte auf eine ähnliche Frage am Donnerstag auch keine richtige Antwort: Dass alle noch lebenden ehemaligen CDU-Vorsitzenden zum Parteitag kommen, sei "für die Partei ein wichtiges Signal und das sollten wir uns abschauen auch für die nächsten Parteitage". Dabei lächelt Linnemann, als sage er zu sich selbst: Gut aus der Affäre gezogen, Carsten. Genau das sagt er dann auch: "Gut, ne?" und lacht.

Anders als von Linnemann gewünscht, soll der Besuch der Altkanzlerin eine Ausnahme bleiben. Als Merkel 2024 die Einladung zum damaligen CDU-Parteitag ausschlug, erklärte sie das mit ihrem "nachamtlichen Verständnis", "nach ihrem Ausscheiden aus der aktiven Politik grundsätzlich nicht an tagesaktuellen Ereignissen teilzunehmen". Auf die Frage, ob sich das nun geändert habe, ließ sie unlängst ausrichten: "Nein, die Ausnahme bestätigt die Regel."

Bei den Delegierten kommt das Signal der Geschlossenheit gut an. Ein Delegierter aus Nordrhein-Westfalen sagt, eine Partei "ist wie ein großer Verein, und es ist doch schön, wenn alle mit dabei sind". Ähnlich äußert sich ein CDU-Mitglied aus dem Saarland: "Wir sind eben noch immer eine Volkspartei und wollen es auch bleiben. Da gibt es unterschiedliche Köpfe." Andere reagieren eher gleichgültig. Einer verweist darauf, dass die CDU besonders harmoniebedürftig sei. Es scheint ihnen zu gehen wie Linnemann und Spahn: Das Signal der Geschlossenheit gefällt ihnen. Viel mehr wissen sie mit dem Besuch nicht anzufangen.

Und dann ist da noch die Infrastruktur

Dennoch ist der Empfang für Merkel mehr als freundlich: Als Merz die ehemalige Kanzlerin offiziell begrüßt, erhebt sich jubelhafter Applaus, der Jubel entlädt sich regelrecht. Erleichterung, weil die Familie endlich versöhnt ist? Oder schwingt hier auch Nostalgie mit? So gute Wahlergebnisse, so gute Umfragewerte wie zu ihrer Zeit hat die CDU unter Merz nicht. Der bricht den Applaus denn auch irgendwann ab, um Kramp-Karrenbauer und Laschet willkommen zu heißen. Auch sie erhalten freundlichen Beifall.

Der amtierende Kanzler spricht später in seiner Rede davon, dass die Infrastruktur nun modernisiert werde. Was er nicht sagt: Dass dies viel früher hätte geschehen müssen - zu Merkels Amtszeit. Allerdings kann man das nicht allein Merkel anlasten, das war ein Versäumnis der gesamten Union. "Rückblickend zeichnen sich die Merkel-Jahre vor allem durch eines aus: dass man damals von der Substanz gelebt hat", sagt der Politikwissenschaftler Thomas Biebricher im Interview mit ntv.de. "Damals hätte sich die Bundesregierung zum Nulltarif verschulden können, um die öffentliche Infrastruktur zu modernisieren. Es gab damals sogar Negativzinsen auf Staatsanleihen. Damit hätte man ein riesiges Investitionsprogramm zu bestmöglichen Bedingungen auflegen können. Stattdessen ist man der Politik der schwarzen Null gefolgt - auch deshalb, weil die Union fand, dass dies das Letzte war, das sie als konservativ erscheinen ließ."

Quelle: ntv.de

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