Politik

Im Fall eines "Sonderszenarios" Habeck schließt weiteren AKW-Betrieb nicht aus

Wirtschaftsminister Robert Habeck kündigt extreme Preiserhöhungen für Strom im kommenden Winter an.

Mit mehr Gaslieferungen aus Russland rechnet der Wirtschaftsminister jedenfalls nicht.

(Foto: Patrick Pleul/dpa)

Deutschland steckt in der Energiekrise - und könnte laut Wirtschaftsminister Habeck im Fall der Fälle seine Atomkraftwerke über das Jahresende hinaus betreiben. Entscheidend sei nun ein weiterer Stresstest, sagt der Grüne, und verweist auf die abgeschalteten AKW in Frankreich.

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck lässt den Weiterbetrieb von Atomkraftwerken über das Jahresende hinaus offen. Bei "RTL Aktuell" sprach Habeck davon, dass sich bei dem erneuten Stresstest der Meiler ein "Sonderszenario" ergeben könnte. "Die Frage, die relevant gestellt werden muss, ist, ob die Stromnetzstabilität in diesem Jahr durch weitere Maßnahmen gesichert werden muss."

Um ausreichende Rückspannung im Netz zu sichern, brauche man eine gewisse Kraftwerkskapazität, sagte Habeck. "Und jetzt schauen wir uns an, ob dieses Jahr so extrem ist, dass dafür noch mal neu ein Szenario aufgemacht werden soll." Der Grünen-Minister nannte als Beispiele die derzeit vielen abgeschalteten AKW in Frankreich. Von Netzstabilität ist im Allgemeinen dann die Rede, wenn die Einspeisung von Strom so hoch ist wie die aktuelle Nachfrage.

Die Einsparmöglichkeiten beim Gas durch Atomkraftwerke seien dagegen "sehr, sehr gering", so Habeck. Man könne von etwa 0,5 bis 0,7 Prozent ausgehen. Die EU habe gerade beschlossen, 15 Prozent einzusparen. "Also, das ist eine ganz andere Dimension." Die Einsparmöglichkeiten stünden in keinem Verhältnis zu den Risiken und der gesellschaftlichen Debatte, die bei der Atomkraft ausgelöst werde.

Erneuerbare haben größten Anteil

Angesichts reduzierter russischer Gaslieferungen und einer befürchteten Mangellage im Winter diskutiert die Politik seit Wochen über einen möglichen Weiterbetrieb deutscher Atomkraftwerke. Derzeit sind noch drei AKW am Netz: Emsland in Niedersachsen, Isar 2 in Bayern und Neckarwestheim 2 in Baden-Württemberg. Nach geltendem Recht müssen die drei Meiler spätestens am 31. Dezember 2022 abgeschaltet werden.

Während sich nicht nur die Union, sondern auch die Regierungspartei FDP für eine Verlängerung der Laufzeit ausspricht, schlossen die Grünen den Ausstieg vom Ausstieg lange aus. Zuletzt hatte es jedoch vermehrt Signale aus der Partei gegeben, etwa von der Vorsitzenden Ricarda Lang, dass ein begrenzter Weiterbetrieb nicht tabuisiert werden dürfe. Man müsse in dieser Krise "immer auf die aktuelle Situation reagieren", sagte Lang in der ARD. Dabei müssten alle Maßnahmen geprüft werden.

Ein erster Stresstest des Bundeswirtschaftsministeriums zur Stromversorgung im Frühjahr hatte ergeben, dass die Versorgungssicherheit Deutschlands selbst unter schwierigen Bedingungen gewährleistet sei. Aktuell läuft eine zweite Prüfung, deren Ergebnis in den nächsten Wochen erwartet wird.

Zusammen lag der Anteil der drei deutschen AKW an der Nettostromerzeugung in Deutschland nach Angaben des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme in diesem Jahr, Stand heute, bei 6,4 Prozent. Erdgas trug im gleichen Zeitraum 10,1 Prozent zum Strommix bei, erneuerbare Energien hatten mit 51,6 Prozent den größten Anteil. Der in diesem Jahr durch Kernkraft erzeugte Strom könnte bei durchschnittlichem Verbrauch fast 4,5 Millionen Vier-Personen-Haushalte ein Jahr lang versorgen.

Habeck: "Putin zeigen, was 'ne Harke ist"

Auf die Frage, ob er davon ausgehe, dass Russland in den nächsten Monaten womöglich gar kein Gas mehr liefern werde, sagte Habeck bei "RTL Aktuell: "Ich glaube, das ist die richtige Einstellung, ja. Jedenfalls wird es nicht mehr werden." Russland werde die Gasmenge immer weiter reduzieren, um den Druck immer weiter zu erhöhen. "Meine innere Einstellung ist: Wir haben uns jetzt lange genug angeschaut, was Putin macht." Deutschland sei aber nicht wehrlos. "Das wird hart werden, aber wir können auch zusammenstehen und damit Putin zeigen, was 'ne Harke ist."

Der russische Gaskonzern Gazprom hatte am Montag angekündigt, die Lieferungen von Erdgas durch die Ostseepipeline Nord Stream 1 erneut zu senken. Ab Mittwoch um 6 Uhr würden anstatt 40 nur noch 20 Prozent oder 33 Millionen Kubikmeter Gas täglich durch die wichtigste Versorgungsleitung nach Deutschland fließen, teilte das Unternehmen mit. Grund sei die Reparatur einer weiteren Turbine.

Quelle: ntv.de, psc/mbe/AFP/dpa

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