Politik

"Ich will Vorsitzender werden" Spahn denkt gar nicht ans Aufgeben

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Es gibt Gerüchte, nach denen Jens Spahn einen Rückzug erwägt. Sein Auftritt in Düsseldorf war ein klares Dementi.

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Friedrich Merz ist eloquent wie immer, aber er wirkt auch ein bisschen müde bei der sechsten Regionalkonferenz der CDU. Annegret Kramp-Karrenbauer setzt subtile Stiche. Ausgerechnet der angeblich chancenlose Jens Spahn zeigt sich total entspannt.

So viel vorweg: Neue Geschichten gibt es von der Regionalkonferenz der CDU in Düsseldorf nicht zu berichten, stattdessen vieles von dem, was man schon gehört hat - in Lübeck, Seebach und Halle, in Idar-Oberstein und Böblingen. Die Kandidaten scheinen ein bisschen im Hamsterrad angekommen zu sein. Jedenfalls zwei von ihnen. Friedrich Merz spricht eloquent und routiniert wie immer, aber eben auch: wie immer. Gelegentlich wirkt er müde. Einmal verspricht er sich und sagt, Angela Merkel verlasse "nach 13 Jahren die Kommandobrücke der Partei". Tatsächlich sind es 18 Jahre, seit 13 Jahren ist Merkel Kanzlerin. Er bemerkt seinen Fehler gar nicht.

Annegret Kramp-Karrenbauer spult ebenfalls ihr bekanntes Programm ab, rhetorisch nicht so versiert wie Merz, dafür mit viel Engagement. Lediglich Jens Spahn hat sich verändert. Er wirkt gelassen, geradezu befreit. Als er - wie bei jeder der bisherigen Regionalkonferenzen - sagt, es tue gut, offen über Migration zu reden, verheddert er sich in seinem Satz. Zur Begründung sagt er: "Zu früh aufgestanden." In Lübeck hatte er nach einem Versprecher Aufregung als Grund genannt. Die ist fort. Von Lampenfieber ist in Düsseldorf bei Spahn nichts zu spüren. Von Routine ebenfalls nicht.

Düsseldorf ist Schauplatz der sechsten Regionalkonferenz, auf der sich Kramp-Karrenbauer, Merz und Spahn der CDU-Basis präsentieren. Es ist zweifellos eine der wichtigsten der insgesamt acht Veranstaltungen. Aus Nordrhein-Westfalen kommen 296 der 1001 Delegierten, die beim Parteitag am 7. Dezember in Hamburg den neuen CDU-Vorsitzenden oder die neue CDU-Vorsitzende wählen werden. So viele Delegierte stellt kein anderer Landesverband. Es ist zudem die größte Regionalkonferenz: 4000 Parteimitglieder sind gekommen. Und sie findet im Heimatland von Merz und Spahn statt, den zwei Kandidaten vom konservativen Flügel der Partei, von denen der eine als Messias gefeiert wird und der andere als chancenlos gilt. Oder ist es doch anders?

Die Kandidaten klauen sich gegenseitig die Ideen

Wie gesagt: Viel Neues erleben die CDU-Mitglieder in der Düsseldorfer Messehalle nicht, jedenfalls dann nicht, wenn sie sich die fünf anderen Regionalkonferenzen im Internet angesehen haben sollten. Das haben jedoch offenbar die wenigsten gemacht: Auch über Witze, die hier zum sechsten Mal erzählt werden, wird gelacht.

Diesen Vorteil haben die zwei Kandidaten und die eine Kandidatin nicht. Sie müssen wechselseitig ertragen, dass es schlicht nicht möglich ist, so viele Veranstaltungen zu bestreiten und dabei immer wieder etwas Neues zu erzählen. Dafür ist etwas anderes passiert: Sie übernehmen Ideen voneinander. "Unsere Partei hat große Freude an der politischen Diskussion", sagt Merz, der seine zehnminütige Einstiegsrede als erster halten darf. Über seine Zeit in der Jungen Union sagt er: "Es hat nicht nur Spaß gemacht, zu diskutieren, es hat auch Spaß gemacht, mit den Menschen zusammen zu sein." Genau das müsse "die Botschaft von Hamburg" sein: Freude und Spaß. Dieses Motiv hat er von Spahn übernommen.

Das ist keine Einbahnstraße. Spahn, der als dritter spricht, wirft den Grünen "Doppelmoral" vor. Es gehe nicht, dass sie im Düsseldorfer Landtag "beim Hambacher Forst alles mitentschieden haben, auch die Rodung, die da stattfindet, und sich heute an die Bäume da ketten". Diese Attacke auf die Öko-Partei hat er von Merz.

Wie alt sind Merz und AKK in 22 Jahren?

Es ist kein Zufall, dass die drei sich gegenseitig beklauen, inhaltliche Unterschiede zwischen ihnen muss man mit der Lupe suchen. Es sind mehr oder weniger subtile Spitzen, mit denen sie sich voneinander absetzen. Spahn beschreibt ein Deutschland des Jahres 2040, in dem er leben möchte. Am Vortag in Böblingen hatte er noch darauf hingewiesen, dass er dann 60 ist. Das verkneift er sich in Düsseldorf. Aber jeder im Saal dürfte eine vage Vorstellung davon haben, wie alt Merz (aktuell 63) und Kramp-Karrenbauer (56) dann sind.

Bei den Spitzen wird Kramp-Karrenbauer am deutlichsten - und in der Regel geht es Richtung Merz. Ja, die CDU habe in der Vergangenheit Kompromisse machen müssen. "Jeder, der regiert, muss das tun", sagt sie. "Und ja, wir haben auch die eine oder andere Position übernommen. Aber wir haben nicht alle Positionen übernommen." Merz hatte zuvor - wie bereits am Vortag in Böblingen - erklärt, man müsse "nicht jeden Standpunkt der SPD gleich übernehmen, das muss nicht sein". Das ist nicht die einzige Stelle, wo Kramp-Karrenbauer ihrem Hauptrivalen widerspricht. "Es geht nicht darum, dass wir uns als Partei miteinander wohlfühlen", sagt sie, mutmaßlich als Antwort auf seine Ausführungen zum Thema Spaß und Freude. Und sie sagt, der Konflikt zwischen der Ukraine und Russland sei "angesprochen worden" - das meint Merz. Dann fügt sie hinzu, als müsste sie ihren Vorredner korrigieren: "Wobei dieser Konflikt nicht so neu ist, sondern er ist ein alter Konflikt, der im neuen Gewand daherkommt."

Aber das sind nur Kleinigkeiten. Wenn die Regionalkonferenzen ein Maßstab sind, dann wählen die Delegierten in Hamburg nicht nach Inhalten, sondern nach Stil und Image. Hier sind die Unterschiede schon deutlicher. So hat jeder der drei ein Wort, das ihn oder sie kennzeichnet. Spahn spricht deutlich häufiger als die anderen von Debatten, das ist sein zentraler Begriff. Er fordert "gut geführte Debatten, die auch mal das Gegenargument wertschätzen, wo wir spüren, es geht um was, wo auch die Bürger sehen, die ringen um eine gute Lösung". Kramp-Karrenbauer betont, sie wolle "gemeinsam mit euch, auch als Vorsitzende", erreichen, dass die CDU wieder stark werde. Dieses "gemeinsam" hat den Vorteil, dass es gleichzeitig für Debatte und Führung steht. "Eisenfaust im Samthandschuh" hat AKK ihren Stil mal genannt.

Merz' Schlüsselbegriff ist "müssen", damit signalisiert er seine Distanz zum bisherigen Kurs der CDU. "Wir müssen wieder ein breites Spektrum an Meinungen und an Überzeugungen in unseren Reihen haben wollen. Es müssen Menschen mit liberalen, mit sozialen, mit konservativen Überzeugungen Platz finden in der Union. Wir müssen Antworten geben etwa in der inneren Sicherheit." Stärker als die anderen beiden macht Merz damit deutlich, dass er die Merkel-Ära weit hinter sich lassen will, auch wenn er die Kanzlerin ausdrücklich lobt und ihr für den Fall seiner Wahl Loyalität zusichert. In Düsseldorf wie auch bei den anderen Regionalkonferenzen erhält Merz den meisten Applaus. Nach seiner Eröffnungsrede gibt es sogar stehende Ovationen. Allerdings nur von etwa der Hälfte des Publikums. Eindeutig: Merz hat die lautesten, die überzeugtesten Fans. Sie applaudieren ihm sogar für ein Bekenntnis zur sozialen Marktwirtschaft.

Spahn, der angeblich chancenlose Kandidat, macht derweil deutlich, dass er nicht daran denkt, aufzugeben. Am Ende der Konferenz in Düsseldorf erzählt er eine Geschichte, die er schon in Böblingen zum Besten gegeben hatte. In Halle, der dritten Station dieser CDU-Tournee, habe ihn beim Rausgehen eine Dame angesprochen. Er sei doch noch so jung und habe noch Zeit, habe sie gesagt. Sein Fazit: "Es ist vielleicht ein Teil des Problems der CDU, dass man mit 38 noch 'blutjung' ist."

Und dann kommt ein Satz, der in Böblingen nicht fiel: "Ich möchte gern Vorsitzender der CDU werden, ich möchte gern diese Verantwortung übernehmen." Mag ja sein, dass Spahn in den Umfragen hinten liegt. Aber wie sagte Kramp-Karrenbauer über die Zukunft der CDU als Volkspartei? "Vergesst die Umfragen und fangt an zu kämpfen."

Quelle: n-tv.de

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