Politik

Nach Massenflucht aus Marokko Spaniens Militär greift bei Migranten durch

Rund 8000 Migranten erreichen an nur einem Tag die spanische Exklave Ceuta in Nordafrika - so viele wie noch nie. Die Stadt ist mit dem Ansturm völlig überfordert. Das spanische Militär schickt Tausende wieder zurück. Doch die Frage bleibt, wie es zu der Massenflucht kommen konnte.

Die Ankunft Tausender Migranten in der spanischen Exklave Ceuta hat besorgte Reaktionen in Europa ausgelöst. Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez bezeichnete die Lage als "schwere Krise" für Europa und kündigte an, die Ordnung "so schnell wie möglich wiederherzustellen". Eine Rekordzahl von 8000 Migranten war seit Montag von Marokko aus nach Ceuta gelangt. Wie das spanische Innenministerium mitteilte, wurde die Hälfte von ihnen bereits wieder nach Marokko zurückgeschickt. Die EU-Kommission rief die marokkanische Regierung auf, weitere "irreguläre Ausreisen" zu verhindern.

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Menschen umschwimmen den Grenzzaun.

(Foto: REUTERS)

Wie ein Sprecher der spanischen Behörden in Ceuta mitteilte, gelangten binnen eines Tages noch nie so viele Migranten auf das spanische Territorium an der nordafrikanischen Küste. Einige von ihnen erreichten die Exklave demnach mit Schwimmringen oder in kleinen Schlauchbooten. An einigen Stellen konnten die Migranten bei Ebbe auch zu Fuß gehen, andere wiederum überquerten die Landgrenze. Unter den Migranten waren nach Behördenangaben rund tausend Minderjährige.

Die marokkanischen Sicherheitskräfte hatten die Menschen am Montag offenbar passieren lassen. Hintergrund könnte ein diplomatischer Streit zwischen Madrid und Rabat wegen der Westsahara sein. Die Behörden Ceutas mit rund 85.000 Einwohnern wurden von der schieren Menge der Ankommenden völlig überwältigt. "Wir versorgen die Menschen mit dem Nötigsten, trockener Kleidung, Essen und Wasser", sagte Isabel Brasero vom spanischen Roten Kreuz im Fernsehen. Tausende Migranten liefen in der Stadt herum, bevor sie in ein Stadion gebracht wurden. Minderjährige kamen in ein überfülltes Auffanglager.

Ceuta und die andere spanische Exklave Melilla haben die einzige Landgrenze der Europäischen Union mit Afrika. Sie sind deshalb regelmäßig Ziel von Menschen, die sich ein besseres Leben in Europa erhoffen.

Weitere Sicherheitskräfte verlegt

Mittlerweile hat das spanische Militär damit begonnen, die Migranten einzeln durch eine kleine Tür im Grenzzaun zurück nach Marokko zu schicken. Es sei ein System etabliert worden, um die Abschiebung weiterer Migranten nach Marokko zu "optimieren", hieß es dazu vom spanischen Innenministerium. Das Ministerium kündigte die Entsendung von 50 weiteren Sicherheitskräften nach Ceuta an, um die "Ordnung" wiederherzustellen. Zuvor hatte Madrid bereits die Verlegung von 200 zusätzlichen Sicherheitskräften in die Exklave angekündigt. 150 weitere Beamte würden in Bereitschaft versetzt für den Fall, "dass eine Verlegung nach Ceuta nötig" sei, hieß es weiter.

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Spanisches Militär bezieht Stellung an der Grenze zur spanischen Exklave Ceuta.

(Foto: AP)

Auf marokkanischer Seite des Zauns warteten Tausende auf eine Chance, nach Ceuta zu gelangen. Einige warfen Steine auf die spanischen Sicherheitskräfte, die mit Tränengas antworteten. Fernsehbilder zeigten Soldaten, die teilweise humpelnde Migranten über den Strand zum Grenzzaun führten, während nur wenige Meter entfernt ankommende Schwimmer versuchten, aus dem Wasser auf den Strand zu gelangen. Soldaten hinderten sie daran. Nur völlig Erschöpfte wurden auf Tragen zu Krankenwagen gebracht. Ein spanischer Richter bezweifelte im Fernsehen, dass die Abschiebungen rechtlich überhaupt zulässig seien.

Spaniens Regierungschef Sánchez bezeichnete die Lage in Ceuta als "schwere Krise für Spanien und auch für Europa". Er kündigte an, "die Ordnung in der Stadt (Ceuta) und an unseren Grenzen so schnell wie möglich wiederherzustellen". Sánchez wollte sich am Dienstag selbst nach Ceuta begeben und auch nach Melilla reisen, wo am Dienstagmorgen 86 Migranten den Grenzzaun überwinden konnten.

EU appelliert an Marokko: "Ausreisen verhindern"

EU-Innenkommissarin Ylva Johansson bezeichnete die Lage in Ceuta als besorgniserregend. "Das Wichtigste ist jetzt, dass Marokko sich weiter dafür einsetzt, dass irreguläre Ausreisen verhindert werden", sagte sie. Zudem müssten Menschen, "die kein Bleiberecht haben, geordnet und effektiv zurückgeführt werden".

Marokko ist ein wichtiger Verbündeter Spaniens im Kampf gegen die illegale Einwanderung. Die Beziehungen zwischen Spanien und Marokko sind derzeit aber angespannt, Hintergrund ist der Streit um die Konfliktregion Westsahara. Rabat hatte verärgert auf die Entscheidung Madrids reagiert, dem Anführer der Widerstandsbewegung Frente Polisario eine medizinische Behandlung in Spanien zu gewähren. Der an Covid-19 erkrankte Polisario-Anführer Brahim Ghali war Mitte April in ein spanisches Krankenhaus eingeliefert worden.

Die spanische Regierung wies Befürchtungen zurück, die diplomatische Krise werde die Zusammenarbeit in der Migrationspolitik beeinträchtigen. Außenministerin Arancha González Laya sagte, marokkanische Regierungsvertreter hätten versichert, dass die jüngsten Ereignisse rund um Ceuta nichts mit der Aufnahme Ghalis in Spanien zu tun hätten. Sie verteidigte die Entscheidung zur Behandlung des Polisario-Chefs in Spanien als "humanitäre" Geste.

Quelle: ntv.de, kst/AFP/dpa

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