Politik

Nach blutigen Anschlägen Sri Lanka steht unter Schock

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Kleriker besuchen die durch eine Explosion beschädigte St.-Sebastians-Kirche.

(Foto: dpa)

Einen Tag nach den blutigen Anschlägen stehen die meisten Menschen in Sri Lanka unter Anspannung. Das Entsetzen über die Anschläge, bei denen fast 300 Menschen sterben, ist groß. Doch auch Wut über die Regierung macht sich in der Bevölkerung breit.

Am Tag nach der Katastrophe ist die Ausgangssperre zwar vorbei, doch das öffentliche Leben steht in Colombo still. Die meisten Geschäfte der Hauptstadt Sri Lankas sind geschlossen, Schulen und Unis ebenso, öffentliche Veranstaltungen sind abgesagt. Von den Stromleitungen hängen viele kleine schwarze und weiße Fahnen - ein Ausdruck der Trauer in Sri Lanka. Die Straßen sind größtenteils leer. Nach und nach bekommen die Familien der Opfer die sterblichen Überreste ihrer Angehörigen. Erste Trauerfeiern finden statt. Es ist eine äußerst angespannte Ruhe, die über der Stadt liegt.

Am Montagnachmittag wird in einem geparkten Auto ein verdächtiger Gegenstand in der Nähe der St.-Antonius-Kirche gefunden, eines der Anschlagsorte des Vortages. Ein junger Mann, der sich in der Nähe aufhält, wird festgenommen. Als Polizisten ihn abführen wollen, versucht die aufgebrachte Menge, den Verdächtigen anzugreifen. Die Polizei muss sich mit ihm in einem Haus verschanzen. Im Auto wird ein Sprengsatz gefunden. Als das Auto mit einem gewaltigen Knall gesprengt wird, laufen die Menschen in Panik schreiend davon.

Auch in den anderen Orten, an denen am Sonntag Kirchen angegriffen wurden, stehen die Bewohner noch unter Schock. "Ich habe Minuten vor der Explosion mit dem Selbstmordattentäter geredet", erzählt Shankar Mariyadas aus einem Krankenhausbett in Batticaloa, etwa 280 Kilometer östlich von Colombo. Am Vortag war er zur Ostermesse in der Zionskirche. "Der Gottesdienst hatte angefangen, und ich habe ihn eingeladen, in die Kirche hineinzukommen. Er sagte aber, er erwarte einen Anruf." Der Mann habe einen schweren Rucksack getragen. "Ein paar Minuten später ist er in die Mitte der Kirche gelaufen und ich habe eine laute Explosion gehört."

"Sie denken nicht an das Volk"

Von der Regierung heißt es am Montag, insgesamt sieben sri-lankische Selbstmordattentäter hätten sich in den drei Kirchen und drei Luxushotels in die Luft gesprengt. Sie hätten der einheimischen radikal-islamischen Gruppe National Thowheeth Jama'ath angehört, die aber Hilfe eines internationalen Netzwerks gehabt haben müsse. Hinweise über Anschlagspläne der wenig bekannten Gruppe auf Kirchen und Touristenziele lagen der Polizei schon mehr als zwei Wochen vor Ostern vor, wie Kabinettssprecher Rajitha Senaratne erklärt. Unter den Regierungsmitgliedern der Fraktion von Premierminister Ranil Wickremesinghe herrscht Ärger darüber, dass sie darüber nicht informiert worden seien.

Hintergrund sind Spannungen mit dem Staatspräsidenten und Verteidigungsminister Maithripala Sirisena. Dieser hatte Wickremesinghe Ende vergangenen Jahres überraschend entlassen und ersetzt. Wickremesinghe gewann aber den Machtkampf und blieb im Amt. "Dies ist das einzige Land, wo, wenn der Premierminister den Sicherheitsrat einberuft, sie (gemeint sind deren Mitglieder) nicht erscheinen", sagt Senaratne. Bis Ende dieses Jahres steht eine Präsidentenwahl in Sri Lanka an. Auf viele Menschen in dem Inselstaat im Indischen Ozean wirkt das so, als wollten die Politiker einander die Schuld für die Katastrophe zuschieben.

"In einer nationalen Krise müssen die Politiker zusammenarbeiten", meint Christopher Kamalanathan, ein Bewohner Colombos. "Das tun der Präsident und der Premierminister aber nicht. Sie denken nicht an das Volk." Janatha Jayasuriya, der ebenfalls in der Hauptstadt wohnt, sagt: "Wir sehen nur, wie die Politiker sich gegenseitig Vorwürfe darüber machen, wer verantwortlich ist, aber dafür ist jetzt nicht der Zeitpunkt." Er ergänzt: "Sie sollten stattdessen für die Sicherheit der Leute sorgen." Auf der Tropeninsel steht in der Nacht eine weitere Ausgangssperre an. Viele der Bewohner muss man derzeit wohl nicht zweimal bitten, ihre Häuser nicht zu verlassen.

Quelle: n-tv.de, Nick Kaiser und Anthony David, dpa

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