Politik

Russland braucht Sündenbock Stecken Islamisten hinter Krim-Explosionen?

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Die Rauchschwaden waren nach den Denotationen bis zum Schwarzen Meer zu sehen.

(Foto: dpa)

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Moskau gerät nach den Angriffen auf der Krim zunehmend unter Druck. Wer hinter den Explosionen steckt, ist nach wie vor unklar. Der FSB spricht von einem "Sabotageakt" und verhaftet Männer der islamistischen Organisation Hizb ut-Tahrir. Das könnte ein Ablenkungsmanöver sein, sagen Experten.

Innerhalb weniger Tage bebt auf der von Russland annektierten Halbinsel Krim zum zweiten Mal der Boden. Mehrere Explosionen erschüttern russische Stützpunkte, darunter auch ein Munitionslager. Bisher hat niemand die Verantwortung für die Angriffe übernommen. Die Ukraine äußert Genugtuung, hält sich jedoch bedeckt. Der russische Geheimdienst FSB spricht derweil von einem "Sabotageakt" und nimmt sechs Männer der islamistischen Organisation Hizb ut-Tahrir fest.

Wer die Männer genau sind, gab der FSB nicht bekannt. Der Kreml gibt den Islamisten zwar nicht offiziell Schuld an den Explosionen, die Festnahmen erfolgten allerdings in der Stadt Dschankoj auf der Krim, unweit der zerstörten Munitionslager. Das erweckt den Anschein, dass die Festnahmen in Verbindung zu den Angriffen stehen. Seit der russischen Annexion der Krim im Jahr 2014 wurden unter dem Vorwurf der Hizb-ut-Tahrir-Mitgliedschaft mehrfach ukrainische Krimtataren inhaftiert und verurteilt. Die islamistische Vereinigung ist in Russland als terroristische Organisation verboten.

Die Hizb ut-Tahrir (arabisch für "Partei der Befreiung") hat ihren Ursprung in den frühen 1950er-Jahren in Jerusalem, heißt es bei der Bundeszentrale für politische Bildung. Gegründet wurde die Bewegung vom palästinensischen Rechtsgelehrten Taqi ad-Din an-Nabhani. Der Kern seiner Ideologie stellte zunächst eine Befreiung Palästinas von der "Besetzung" Israels dar. In den folgenden Jahren verschob sich der Fokus der Hizb ut-Tahrir auf eine Befreiung aller Muslime weltweit von der wahrgenommenen Unterdrückung durch den Westen. Auch in Deutschland gibt es Ableger der Organisation. Sie agieren im Untergrund, da sie seit 2003 verboten sind.

"Kreml schiebt Akteure vor"

Seit Ausbruch des Ukraine-Kriegs behaupten immer mehr arabische Gelehrte und Wissenschaftler, die Krim, aber auch die Ukraine seien islamische Länder, die "zurückgewonnen" werden müssen, schreibt der Nahost Thinktank "Mena-Watch". Einer von Ihnen, der jordanische Islamgelehrte Said Radwan sagte im März in einem Interview, dass jedes Land, in dem in der Vergangenheit einmal islamisches Recht geherrscht habe, sei auf ewig islamisches Land. Ausgestrahlt wurde das Interview in dem libanesischen Sender "Al-Waqiya TV", der eng mit der Organisation Hizb ut-Tahrir in Verbindung stehen soll.

Ein Motiv für die Angriffe auf die Krim hätten die Islamisten somit. Und es gibt noch ein weiteres: Große Teile der muslimischen Minderheit waren zu Sowjetzeiten massiven staatlichen Repressionen ausgesetzt und lehnen die jetzigen russischen Machthaber klar ab. Auch Russlands Eingreifen in Syrien spielt eine Rolle. Fraglich bleibt dennoch, ob Hizb ut-Tahrir hinter den neusten Anschlägen auf der Krim steckt.

"Es gibt immer wieder islamistische Organisationen, die versuchen auf dem Territorium der Russischen Föderation aktiv zu werden", sagt Politik-Experte Stefan Meister ntv.de. Unmöglich sei es deshalb nicht. Für Meister klingt es aber eher nach einem Ablenkungsmanöver der Russen. Eine plausible Erklärung dafür, dass islamistische Gruppen plötzlich dort zuschlagen, wo die Ukraine attackiert, sieht er nicht. Vielmehr schiebe der Kreml wohl andere Akteure vor, um nicht Kiew zur Verantwortung zu ziehen. "Der Ukraine die Schuld für die Angriffe zu geben und damit anzuerkennen, dass sie in der Lage ist, auf der Krim zuzuschlagen, ist für Russland hochproblematisch", so Meister.

Video zeigt angebliche Verhaftung

Der Meinung ist auch Verteidigungsexperte Wolfgang Richter vom Deutschen Institut für internationale Politik und Sicherheit (SWP). Für Russland wäre das ein Reputationsverlust, sagt er ntv.de. Zwar sei es sehr wahrscheinlich, dass sich einzelne Akteure islamistischer Gruppierungen in der Gegend aufhalten. Richter hält es dennoch für unwahrscheinlich, dass es sich um Operationen von Saboteuren handelte. Videos der ersten Explosionen in Novofeodorivka vor einer Woche legten den Verdacht nahe, dass es Raketenangriffe waren. "Aufgrund der Reichweite und Präzision könnte es sich entweder um eine Neptun oder HRIM2-Raketen der Ukrainer gehandelt haben", vermutet Richter. Es gab mehrere Explosionen, die fast zeitgleich auf einer Strecke von mehreren hundert Metern hochgegangen sind. Bei einem Sabotageakt sei es nur schwer vorstellbar, dass mehrere Akteure zeitgleich an entfernten Orten unbemerkt auf das Gelände eines gut gesicherten Flugplatzes gekommen sind, um solch eine synchronisierte Denotationskette auszulösen.

Für Sicherheitsexperte Stefan Meister sind die Explosionen Teil einer neuen Offensive. "Wir sind in einer neuen Phase des Krieges, in der die Ukraine dazu in der Lage ist, Anschläge auf das Territorium der Krim zu verüben. Das werden wir noch öfter sehen, mit Blick auf die von Russland kontrollierten Gebiete."

Russland steckt laut den Experten in einer Zwickmühle: Einerseits können sie Explosionen in Munitionslagern oder auf Kampfschiffen wie der Moskwa nicht ständig auf Unfälle schieben, weil die Schwächen der russischen Armee demonstrieren würde. Andererseits können sie auch nicht der Ukraine die Schuld für die Angriffe geben, weil sie damit anerkennen, dass die Ukraine zu solchen Anschlägen in der Lage ist und den Druck auf Russland zu einem Gegenangriff erhöht. Aber auch die Ukraine übernehme offiziell keine Verantwortung, "weil sie dann in einer Eskalationsspirale wäre", erklärt Meister.

Im Internet kursiert derweil ein Video, das angeblich die Verhaftung eines der Hizb ut-Tahrir-Mitglieder zeigt. Darauf ist zu sehen, wie russische Soldaten in ein Haus marschieren und einem Mann die Hände auf den Rücken drücken und gegen die Wand stellen. Die ukrainische Journalistin Katerina Sergatskova von dem Online-Nachrichtenportal "Zaborona Media" unterstellt dem FSB die Inszenierung der Festnahme. Zudem werde vermutet, dass die Festnahmen der sechs Islamisten bereits vor der Explosion am Dienstag stattgefunden hätten, so Richter. Wer hinter den Angriffen auf die Krim wirklich steckt, werde sich erst in den kommenden Wochen offenbaren.

Quelle: ntv.de

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