Politik

30 Jahre nach Mauerfall Steinmeier sieht "neue, tiefe Risse"

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"Viele Ostdeutsche fühlen sich bis heute nicht gehört", sagt Bundespräsident Steinmeier.

(Foto: imago images / Metodi Popow)

Auch drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung sind Ost und West in Teilen noch längst nicht zusammengewachsen. Die Erfahrungen und Erinnerungen der ehemaligen DDR-Bürger sind kein Teil des "gemeinschaftlichen Wirs", konstatiert Bundespräsident Steinmeier.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat die "Härten des Umbruchs" gewürdigt, die die Menschen im Osten nach dem Mauerfall erlebt haben. "Viele Ostdeutsche fühlen sich bis heute nicht gehört, geschweige denn verstanden", sagte Steinmeier in Berlin. Ihre Geschichten seien kein selbstverständlicher Bestandteil unseres gemeinschaftlichen Wirs geworden. 30 Jahre nach dem Mauerfall sei es höchste Zeit, dass sich das ändere, betonte Steinmeier.

Der Bundespräsident sprach von "neuen, tiefen Rissen", die sich auch in Wahlergebnissen zeigten. Er zeigte Verständnis für die Unzufriedenheit in Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit, in denen die Jungen weggingen. Es sei wichtig, dass Politiker vor Ort unterwegs seien und zuhörten, was Menschen umtreibe.

Unzufriedenheit sei kein Freibrief, so Steinmeier. Es gebe Grenzen im demokratischen Streit. Wer Hass und Hetze verbreite und wer mit neonazistischen Netzwerken paktiere, der überschreite diese Grenzen. 

Steinmeier sprach bei der der Ost-West-Reihe "Geteilte Geschichte(n): 'Von Erwartungen und Enttäuschungen'". Dort diskutierten die ostdeutsche Schriftstellerin Jana Hensel und die westdeutsche Filmemacherin Regina Schilling mit Moderatorin Maybrit Illner.

Hensel, die in Leipzig aufwuchs, meinte mit Blick auf die gängige Formulierung, die Menschen im Osten "fühlten" sich abgehängt, dass es ihrer Ansicht nach nicht um Gefühle geht, sondern um die Wirklichkeit. "Wir messen seit 30 Jahren das Gefühl der Ostdeutschen, Bürger zweiter Klasse zu sein. Wann fangen wir endlich an, es als eine Realität zu benennen und es nicht immer in diesen emotionalen Raum zu verschieben?" Es müsse sich etwas ändern, betonte Hensel. Sie warb für eine Ost-Quote. Ostdeutschen seien in der gesamtdeutschen Elite "beschämend unterrepräsentiert"; dabei gehe es ihnen genauso wie den Migranten.

Schilling, gebürtige Kölnerin, erzählte davon, wie weit weg die DDR aus ihrer westdeutschen Sicht früher war. "Ich habe in einer Blase gelebt." Das Wort für DDR sei bei ihr zu Hause "die Ost-Zone" gewesen, etwas Graues, wo die Leute Kaffee-Pakete hinschickten. Mit 14 habe sie das Ausbürgerungskonzert von Wolf Biermann in Köln erlebt. Die intensive Auseinandersetzung habe 1990 begonnen, als sie das erste Mal bei der Buchmesse in Leipzig gewesen sei. Später habe sie sich geschämt, dass den Ostdeutschen die "blühenden Landschaften" versprochen wurden, es aber dann den Hasardeuren aus den Westen darum gegangen sei, möglichst viel Geld zu machen.

Quelle: n-tv.de, jwu/dpa

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