Politik

Prozessauftakt zu Halle-Anschlag Stephan B. schildert Tag des Attentats

Vor Gericht äußert sich Stephan B. erstmals öffentlich zum Anschlag in Halle im Oktober 2019. Er erzählt, wie seit der Flüchtlingskrise die Wut auf Fremde in ihm aufstieg. Auch zum Ablauf des Anschlags gibt er Auskunft. Über die verschlossene Tür der Synagoge - und warum er schließlich eine Passantin tötete.

In Magdeburg hat nach dem rechtsterroristischen Anschlag von Halle mit zwei Toten und mehreren Verletzten der Prozess gegen den Angeklagten begonnen. Der eigentlich für 10 Uhr geplante Start verzögerte sich um rund zwei Stunden, lange hatten Besucherinnen und Besucher sowie Medienvertreter vor dem Gebäude gestanden und auf den Einlass gewartet. Umfangreiche Kontrollen sollten für Sicherheit im Landgericht Magdeburg sorgen. Kurz vor 12 Uhr betrat der angeklagte Stephan B. mit Hand- und Fußfesseln den Gerichtssaal. Er wurde von maskierten Spezialkräften begleitet.

Der Mann, dem zwei Morde und mehrere Mordversuche unter anderem an 52 Gläubigen in einer Synagoge in Halle vorgeworfen werden, erschien in Jeans, schwarzer Jacke und Turnschuhen. Er trug einen Mundschutz. Die Haare waren kurz geschoren. Der Angeklagte blickte sich ernst im Saal um und schaute ruhig in die Kameras. Kurz nach Beginn der Verhandlung kündigte er an: "Ich würde eine Aussage machen."

Anschließend berichtete B. nur unwillig über seinen Werdegang und seine Familie. "Die Tat hat keinen Bezug zu meiner Familie", sagte der 28-Jährige. "Man fragt sich natürlich, wie man solche Taten verhindern kann, ich habe da natürlich kein Interesse dran." Auf Nachfragen der Vorsitzenden Richterin sagte der Mann, seine Eltern hätten sich getrennt, als er 14 oder 15 Jahre alt gewesen sei. Das Verhältnis zu beiden Eltern und Schwestern sei gut. Sein Lieblingsfach in der Schule sei Biologie gewesen, Englisch seine Schwäche. Gute Freunde habe er nicht gehabt, er sei auch in keinem Verein gewesen.

Vor allem Interesse am Internet

Er habe vor allem Interesse am Internet gehabt, weil man sich dort frei unterhalten könne, so B. Nach dem Abitur habe er einen verkürzten Wehrdienst absolviert, sei sechs Monate Panzergrenadier in Niedersachsen gewesen. Er habe den Wehrdienst anstrengend und doof gefunden, es sei "keine richtige Armee" gewesen.

Zum Studium sei er nach Magdeburg gegangen. Er habe es wegen einer Krankheit abgebrochen, habe danach keine Pläne mehr für die Zukunft gehabt und in den Tag hinein gelebt. "Nach 2015 hab ich entschieden, nichts mehr für diese Gesellschaft zu tun", sagte der 28-Jährige. Seine Heimat Benndorf habe er dann nur noch selten verlassen. "Bin ein einsamer Mensch."

Der Angeklagte antwortete zunächst nur knapp auf die Fragen. Da er sich auch rassistisch äußerte, rügte ihn die Vorsitzende Richterin bei der Wortwahl und drohte ihm mit dem Ausschluss vom Verfahren. Auf die Frage, wie sich sein Leben verändert hat, erzählt er von der Flüchtlingskrise im Jahr 2015, berichten Korrespondenten von RTL/ntv vom Prozess. "Millionen Araber strömen ins Land. Plötzlich waren sie da, vorher gab es keine im Dorf." Sie hätten das Leben beeinträchtigt. Er sei von Muslimen "dumm angemacht" worden. B. spricht von seiner Wut darüber, dass "Feinde ins Land gelassen" würden.

Ab Sommer 2015 bewaffnet

Im Sommer 2015 habe er dann begonnen, sich zu bewaffnen, erzählt der Angeklagte. Aus Selbstschutz. Etwa 1200 Euro habe er für die Waffen ausgegeben. Einer Gruppierung habe er sich nicht anschließen wollen: "Alles Verfassungsschutzleute." Die Pläne zu dem Anschlag seien nach dem Massaker in Christchurch gereift. Warum sich sein Groll gegen Juden richtete? "Juden sind Hauptursache vom weißen Genozid und wollen eine neue Weltordnung errichten." Den Tag des Anschlags habe er gezielt ausgesucht: Jom Kippur.

Der Tag des Anschlags, der 9. Oktober 2019: Seine Kampfmontur hatte er sich im Auto auf dem Weg zur Synagoge angezogen, erzählt der Angeklagte. Dort kam er kurz vor 12 Uhr an, er hatte sich etwas verfahren. Dann stand er vor der Synagoge. "Ich war konzentriert auf Türen, hatte gehofft, die Tür wäre offen." Doch die Tür ging nicht auf. Er sei verzweifelt gewesen. Er habe "grandios versagt", sagt B. von sich.

Es traf dann ein anderes Opfer: Die 40-jährige Jana L., die in der Nähe wohnte und zu diesem Zeitpunkt vor der Synagoge vorbeilief. "War eine Kurzschlussreaktion", sagt der Angeklagte über die Tötung der Frau. "Hätte ich das nicht gemacht, hätten mich alle ausgelacht." Ob er Mitleid habe, will die Richterin wissen. "Es tut mir sehr leid, dass ich sie erschossen habe. Das war nicht gewollt." Er bereue es. "Wollte keine Weißen töten."

Anklageschrift umfasst 121 Seiten

Das Gerichtsverfahren ist eines der größten und bedeutendsten in der Geschichte Sachsen-Anhalts: 13 Straftaten werden dem Angeklagten angelastet, darunter Mord und versuchter Mord. 43 Nebenkläger ließ das Gericht vor Prozessbeginn zu und benannte insgesamt 147 Zeugen. Die Anklage der Bundesanwaltschaft umfasst insgesamt 121 Seiten. Das Gericht hat für das Verfahren zunächst 18 Verhandlungstage bis Mitte Oktober angesetzt. Im Verhandlungssaal finden 50 Besucher Platz und fast ebenso viele Medienvertreter.

Der Attentäter hatte schwer bewaffnet versucht, die Synagoge in Halle zu stürmen. Laut Bundesanwaltschaft wollte er möglichst viele der 52 Besucher der Synagoge ermorden. Er konnte sich jedoch auch mit Waffengewalt keinen Zutritt verschaffen. Daraufhin tötete er eine Passantin vor der Synagoge und einen Mann in einem Dönerimbiss. Außerdem verletzte er auf seiner Flucht mehrere Menschen, bevor ihn Polizisten gut eineinhalb Stunden nach Beginn der Tat etwa 50 Kilometer südlich von Halle festnehmen konnten.

Die Bundesanwaltschaft wirft ihm vor, "aus einer antisemitischen, rassistischen und fremdenfeindlichen Gesinnung heraus einen Mordanschlag auf Mitbürgerinnen und Mitbürger jüdischen Glaubens" geplant zu haben. Im Falle einer Verurteilung droht dem Mann, der die Vorwürfe laut Gericht im Wesentlichen eingeräumt hat, eine lebenslange Freiheitsstrafe mit anschließender Sicherheitsverwahrung.

Quelle: ntv.de, kst/fzö/dpa