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150.000 Menschen auf der Flucht Syrische Armee stößt in Idlib vor

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Es gibt kaum einen Weg raus aus dem Krisengebiet in Idlib. Die türkische Grenze bleibt für die Kriegsflüchtlinge geschlossen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Lage in der von Rebellen kontrollierten syrischen Provinz Idlib spitzt sich zu. Nach schweren Luftangriffen sind viele Krankenhäuser und Schulen in der Region zerstört. Während Regierungstruppen vorrücken, fliehen Zehntausende Menschen vor der Gewalt in Richtung Türkei.

Die syrische Armee ist nach Angaben von Beobachtern in die letzte größere Rebellenenklave des Landes in der Region Idlib im Nordwesten vorgestoßen. Die Truppen hätten die Dörfer Al-Dschanabara und Tel Othman eingenommen, berichtete die regierungsfreundliche Tageszeitung "Al-Watan". Nach Angaben der oppositionsnahen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte eroberte das Militär lediglich Tel Othman.

Die Angriffswelle auf das letzte große Rebellengebiet verschärft die humanitäre Not in der Region. Das UN-Nothilfebüro Ocha meldete, seit Beginn der Angriffe in der vergangenen Woche seien dort mindestens zwölf Gesundheitseinrichtungen getroffen worden. Die Gesundheitsbehörde der von Rebellen kontrollierten Provinz Idlib erklärte, sieben Kliniken und Gesundheitszentren seien zum Teil stark beschädigt oder völlig zerstört. Nach UN-Angaben sind rund 150.000 Menschen vor der neuen Gewalt auf der Flucht. Auch neun Schulen wurden demnach getroffen.

Syriens Regierung und ihr Verbündeter Russland hatten in der vergangenen Woche eine neue Serie von Luftangriffen auf die Region begonnen. Die humanitäre Lage dort ist ohnehin seit Monaten angespannt. In dem Gebiet leben rund drei Millionen Zivilisten, rund die Hälfte davon Flüchtlinge. Viele sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Aktivisten berichteten, wegen der neuen Angriffswelle gebe es eine Fluchtbewegung in Richtung der türkischen Grenze.

Syrische Regierung droht mit Offensive

Die Hilfsorganisation Malteser International erklärte, ein von ihr unterstütztes Krankenhaus in dem Ort Kafr Nubl sei nun außer Betrieb. Es war demnach die einzige chirurgische Klinik im Umkreis von 50 Kilometern. Alle von den Maltesern unterstützten Einrichtungen seien über die UN als konfliktneutrale Infrastruktur gemeldet. Gezielte Angriffe stellten eine Verletzung des Völkerrechts dar, gehörten aber zum schrecklichen Alltag der leidenden Zivilbevölkerung in Syrien, erklärte die Malteser-Leiterin Naher Osten, Janine Lietmeyer.

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UN-Generalsekretär Antonio Guterres rief die Konfliktparteien auf, den im September vereinbarten Waffenstillstand einzuhalten, wie dessen Sprecher Stéphane Dujarric sagte. Auch Frankreichs Präsident Emmanuel Macron forderte ein Ende der Bombardierungen. "Die humanitäre Lage in Syrien ist kritisch und keine militärische Option ist akzeptabel. Wir fordern ein Ende der Gewalt und unterstützen die UNO bei einer notwendigen politischen Lösung", erklärte er auf Twitter.

Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte handelt es sich um die heftigsten Bombardierungen seit Monaten. Demnach kamen bisher mindestens 150 Menschen ums Leben. Zuletzt rückten die Anhänger von Präsident Baschar al-Assad auch am Boden vor. Sie werden von Russland und auch vom Iran unterstützt. Russland sowie die Türkei als Verbündeter der Opposition hatten die Region zu einer so genannten Deeskalationszone erklärt und sich im September auf eine entmilitarisierte Pufferzone geeinigt. Sie soll eine Offensive der Regierung verhindern, mit der die Regierung droht.

Türkei hat Grenzen geschlossen

Die Region rund um Idlib ist nach mehr als acht Jahren Bürgerkrieg das letzte große Rebellengebiet Syriens. Es wird vor allem von der Al-Kaida-nahen Miliz Haiat Tahrir al-Scham (HTS) kontrolliert. Syrien und Russland argumentieren, sie bekämpften dort Extremisten. Schon bei früheren syrischen und russischen Operationen hatte es immer wieder Angriffe auf Kliniken gegeben. So beklagten Helfer und Aktivisten vor zwei Jahren eine Angriffswelle auf Krankenhäuser und andere medizinische Einrichtungen in Idlib. Regierungsgegner werfen Syrien und Russland vor, so gezielt Schrecken verbreiten zu wollen. Hilfsorganisationen hatten in den vergangenen Monaten immer wieder gewarnt, ein Angriff der Regierung auf das Gebiet könnte zu einer humanitären Katastrophe unbekannten Ausmaßes führen.

Die meisten der nach Idlib vertriebenen Menschen sind bereits aus anderen Gebieten vor den Regierungstruppen geflohen. Für sie gibt es innerhalb Syriens kaum noch andere Zufluchtsorte. Die Türkei hat die Grenze zum Nachbarland für Flüchtlinge größtenteils geschlossen.

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Quelle: n-tv.de, joh/dpa

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