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Verkehrte Welt in Mühlrose Tagebau frisst Dorf - und kaum einer ist traurig

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502 Meter lang, 204 Meter breit, 80 Meter hoch und 13.500 Tonnen schwer: Die Abräumförderbrücke F60 steht wie das Spielzeug eines Riesen in der Mondlandschaft herum.

(Foto: Julian Vetten)

Das 200-Seelen-Dorf Mühlrose im Nordosten von Sachsen ist bereits von drei Seiten vom Braunkohletagebau eingeschlossen. Nun muss der Ort ganz weichen. Von Trauer ist wenig zu spüren, ganz im Gegenteil: Für die Bewohner geht ein Leidensweg zu Ende.

Manche Nachrichten ergeben einfach keinen Sinn, egal, wie oft man sie liest. So wie diese hier: "Trotz des absehbaren Kohleausstiegs im Jahr 2038 soll das sächsische Dorf Mühlrose abgebaggert werden. Viele Anwohner sind erleichtert", meldete der RBB in der vergangenen Woche. Dabei hört man doch ständig davon, wie verzweifelt von der Braunkohle bedrohte Dörfer um ihre Existenz kämpfen - es passt auch besser zum Narrativ Dorfdavid gegen Konzerngoliath. Wohingegen Bürger, die die Vernichtung ihrer Heimat mit einem zufriedenen Nicken quittieren, ordentlich einen an der Waffel haben müssen.

Reportageserie Mittelstädte

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Enrico Kliemann wirkt nicht wie jemand, der ordentlich einen an der Waffel hat. Der Ortsvorsteher sagt: "Wir leben jetzt seit über 50 Jahren mit den Belastungen durch den Bergbau. Viele wollen einfach nur noch ihre Ruhe." Und die haben die rund 200 Mühlroser bereits seit einem halben Jahrhundert nicht mehr. Das ist ganz wörtlich zu verstehen: Seit 1966 holt der Tagebau Nochten in unmittelbarer Nähe des Dorfes Braunkohle aus dem Lausitzer Boden - 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr, Staub- und Lärmbelastung inklusive.

Am Horizont sind die gewaltigen Kühltürme des Kraftwerks Boxberg - dem Ziel der Mühlroser Kohle - zu sehen, die dicke Wolken aus Wasserdampf in den Himmel paffen. Und obwohl der aktive Teil des Tagebaus noch mehrere Kilometer Luftlinie vom Dorf selbst entfernt ist, hört man selbst hier bei entsprechender Windrichtung die Sirenen der gewaltigen Schaufelradbagger, die wie die überdimensionierten Spielzeuge eines Riesenbabys in der Mondlandschaft herumstehen.

Ein todgeweihtes Dorf

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Der einzige Gasthof in Mühlrose hat schon lange geschlossen.

(Foto: Julian Vetten)

So beeindruckend und surreal das für Besucher aussieht, so deprimierend ist die Situation für die Bewohner des Dorfs. Schon heute ist Mühlrose an drei Seiten von der Abbruchkante des Tagebaus eingeschlossen - und jeden Tag rücken die Bagger näher. Ortsvorsteher Kliemann steht im Gemeindehaus des Ortes und tippt mit seinem Finger mehrmals auf eine große Wandkarte: Von allen Seiten führten mal Straßen ins Dorf, Besucher waren in Mühlrose keine Seltenheit.

Heute gibt es nur noch eine einzige Straße, sie verbindet Mühlrose mit dem nächsten größeren Ort Schleife. Der Rest musste dem Tagebau weichen, und mit den Straßen verschwand nach und nach auch die übrige Infrastruktur des Ortes: Der einzige Gasthof in Mühlrose macht schon seit Jahren nur noch zu besonderen Anlässen auf, Kindergarten und Schwimmbad sind ebenfalls geschlossen. Und Handyempfang sucht man hier auch vergebens. Lediglich ein Wildgehege gibt es noch, allerdings kommt fast niemand mehr vorbei, um die weißen Rehe und Hirsche - Nachfahren aus einer Züchtung Fürst Pücklers - zu bestaunen.

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"Allein in den vergangenen vier Jahren sind zwölf Jüngere weggezogen, die wollten einfach nicht mehr länger warten", sagt Kliemann. Eine schwerwiegende Entscheidung, die Wegzügler verzichteten damit auf eine Entschädigung durch die Bergbaugesellschaft Leag. Ihre Häuser mussten die Weggezogenen quasi abschreiben: Wer kauft schon Grund und Boden in einem Dorf, das dem Tode geweiht ist? Dennoch kann Kliemann die jungen Leute verstehen - schließlich sitzen die Mühlroser schon eine halbe Ewigkeit auf gepackten Koffern, seit mindestens 15 Jahren.

Der Vattenfall-Schock

Damals gehörte der Tagebau noch dem Energiekonzern Vattenfall. Die Planungen der Schweden sahen Anfang der 2000er vor, eines Tages auch im "Sonderfeld Mühlrose" zu baggern - dafür hätten die Mühlroser natürlich weichen müssen. Der Planungsstab stieß auf wenig Widerstand, ganz im Gegenteil: Eine Befragung im Ort ergab 2004, dass 84 Prozent der Bürger eine Umsiedlung begrüßten - schon damals litten die Anwohner unter den Belastungen des Tagebaus. Dann der Schock: "Die Verträge lagen schon fertig auf dem Tisch, da hat Vattenfall seine Braunkohlesparte verkauft", erinnert sich Kliemann. Alles auf null also. "Dabei hatten wir uns damals schon mit der Umsiedlung abgefunden."

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Die Mühlroser bleiben ihrer Kohle treu, egal, was passiert.

(Foto: Julian Vetten)

Jeder, der schon mal umgezogen ist, kennt das Gefühl, in den Seilen zu hängen: Man ist zwar physisch noch da, aber in Gedanken schon weg. Nur fühlen sich die Mühlroser nicht ein paar Wochen lang so, sondern 15 Jahre. Wer durch den Ort spaziert, muss nicht lange suchen, um Zeichen der Verbitterung zu entdecken. Direkt am Ortseingang hängt ein großes Schild: "50 Jahre war Kohle unser Leben, wir haben Freunde, Wälder, Straßen hergegeben. Haltet endlich euer Wort, lasst uns zum neuen Heimatort." Am geschlossenen "Gasthaus zur Erholung" fordert ein Plakat "Mühlrose sozialverträglich umsiedeln! SOFORT!", und an einer hüfthohen Hofeinfahrt bewacht ein altersschwacher Schäferhund ein Transparent mit der Aufschrift "Wälder, Verbindungsstraßen, Nachbarn weg - jetzt wollen auch die restlichen Mühlroser weg."

Dass es nun für die Bewohner des geschundenen Dorfes doch noch eine Art Happy End gibt, ist - Ironie des Schicksals - dem Hunger des Tagebaus zu verdanken. Der gräbt sich nämlich doch schneller durch die Lausitzer Erde als von der Leag ursprünglich berechnet: "Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass die Kohlereserven im Teilfeld Mühlrose auch bei einem Kohleausstieg Ende 2038 für die bedarfsgerechte Versorgung des Kraftwerks Boxberg benötigt werden", erklärt Leag-Chef Helmar Rendez die Entscheidung, Mühlrose nun doch noch abzubaggern.

Umsiedlung bis 2024

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Die Verbitterung der Mühlroser ist schon am Ortseingang zu spüren.

(Foto: Julian Vetten)

150 Millionen Tonnen Braunkohle liegen unter den Häusern und Gärten der Dorfbewohner. 150 Millionen Tonnen, die Ortsvorsteher Kliemann der Leag aus vollem Herzen gönnt: "Es ist eine echte Erlösung, dass diese endlos lange Hängepartie endlich zu Ende geht." Auch der sächsische Ministerpräsident ist erleichtert: "Die Entscheidung zu Mühlrose durch die Leag ist eine ganz wichtige Zukunftsentscheidung", sagte Michael Kretschmer in einem Twitter-Video. "Viele Menschen bekommen eine neue Heimat, ein neues Zuhause." Kretschmer freute sich auch über die "Investitionssicherheit", denn das Land Sachsen brauche Zeit für den Strukturwandel. Die Tagebauaktivitäten der Leag sichern noch bis mindestens 2038 Arbeitsplätze in der Region, die anschließende Renaturierung nicht eingerechnet.

Mitte März soll der sogenannte Mühlrosevertrag zwischen den Dorfbewohnern und dem Energiekonzern unterschrieben werden, danach könnte dann alles sehr schnell gehen: Bereits ab dem 1. April sind die ersten Einzelumsiedlungen der umliegenden Höfe geplant. Bis zum Sommer will die Leag dann Baurechte im vier Kilometer nördlich gelegenen Schleife erwerben, wohin die meisten der 200 Mühlroser umsiedeln werden - schon im Herbst sollen schließlich die ersten Häuser gebaut werden, 2024 die Umsiedlung abgeschlossen sein.

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Spätestens 2030 werden die massiven Schaufelradbagger auch Mühlrose erreichen.

(Foto: Julian Vetten)

So einfach wie das auf dem Papier aussieht, gestaltet sich der Plan allerdings nicht: "50 Prozent der Mühlroser sind über 50, die haben natürlich größere Probleme mit der Umsiedlung", sagt Kliemann. Einen alten Baum verpflanzt man nicht, sagt das Sprichwort. Außer, er steht im Braunkohlegebiet. "Ich bin ja selbst schon 44 Jahre alt und seit meiner Geburt Mühlroser. Klar werde ich das Dorf vermissen: Es ist ja auch einfach traurig, wenn einem die Heimat weggebaggert wird. Aber auf uns wartet ein Neuanfang", übt sich Kliemann in Zweckoptimismus.

Trotz aller Widrigkeiten gibt es eine Handvoll Dorfbewohner, die Mühlrose auf keinen Fall verlassen will. Es sind vor allem die ganz Alten, die dort sterben möchten, wo sie auch gelebt haben. Vielleicht wird ihnen ihr Wunsch am Ende sogar noch erfüllt: Wenn alles nach Plan läuft, gräbt sich der Tagebau erst 2030 durch das Geisterdorf, das einmal Mühlrose war. Eines ist allerdings schon jetzt sicher: Ruhige letzte Jahre sehen anders aus.

Quelle: n-tv.de

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