Berlin Tag & MachtTill Brönner kann nicht rechnen - und hat trotzdem recht
Eine Kolumne von Marie von den Benken
Ein Jazz-Trompeter erklärt die Volkswirtschaft und rechnet dabei so abenteuerlich, dass Ökonomen Schnappatmung bekommen. Doch hinter seiner Milchmädchenrechnung offenbart sich eine Frage, die Friedrich Merz gefährlich werden könnte: Wer erwirtschaftet eigentlich den Wohlstand, den alle verteilen wollen?
Dieser politische Sommer wird in die Geschichtsbücher eingehen. Die AfD liegt in bundesweiten Umfragen bei 28 Prozent. In Sachsen-Anhalt kommt sie wenige Wochen vor der Landtagswahl auf etwa 40 Prozent. 85 Prozent der Deutschen sind mit der Arbeit der Bundesregierung unzufrieden. Und als ob das nicht bereits unangenehm genug wäre, erklärt uns jetzt auch noch Till Brönner die Volkswirtschaft. "Till wer?", fragt man sich da zu Recht: Schon wieder ein neuer Minister, den vorher niemand kannte und der null Kompetenz für sein Ressort mitbringt?
Aber Entwarnung. So schlimm ist es nicht. Brönner ist ein bei Studienräten und Zahnarzthelferinnen beliebter sogenannter Star-Trompeter, übernimmt aber dennoch nicht das Bundesministerium für Forschung und Raumfahrt. Wobei er sehr gut ins Regierungsviertel passen würde: Lautstarke Trompeter sind dort ja irgendwie alle. Wahrscheinlich wäre er aber überqualifiziert. Er beherrscht ein Instrument, kann Noten lesen und weiß, dass man bei einem gemeinsamen Auftritt zumindest annähernd dasselbe Stück spielen sollte, damit das Publikum nicht empört den Saal verlässt. Drei Fähigkeiten, die man im Koalitionsausschuss derzeit vergeblich sucht. Da galt ja bis vor ein paar Wochen sogar Jens Spahn als Ausnahmetalent.
Was sagt eigentlich Harald Glööckler?
Traditionell geben sich in den als Talkshows getarnten Journalismus-Simulationsformaten wie "Markus Lanz" oder "Maybrit Illner" themenfremde Quoten-Prominente die Klinke in die Hand. Dort erklären sie der Nation in ihrer seichtintellektuellen Universalkompetenz die politische Welt. Fantastisches Konzept. Bei der Besetzung des Sachverständigen-Ensembles war der öffentlich-rechtliche Rundfunk seiner Zeit stets voraus. Wer hat noch nie "Maischberger" gesehen und gedacht: "Super! Ich wollte schon immer wissen, was Frank Thelen zu Corona-Maßnahmen sagt!"
Da ist es nur logisch, dass uns nun endlich auch Till Brönner in die Geheimnisse unseres politischen Systems einweiht. Wobei: Das ist allemal besser als das, was andere Promis machen, wenn sie ihren Status als gesellschaftsrelevante Vordenker demonstrieren wollen: offene Briefe an den Kanzler schreiben und irgendwas gegen Israel fordern.
Brönner jedenfalls hat sich diese Woche zur Lage der Nation geäußert. Mit einer Steuer-Berechnungsthese, die man in zukünftigen Enzyklopädien unter dem Stichwort "Milchmädchenrechnung" finden wird. Und die geht so: Jemand will ihn, also Jazz-Trompeter Brönner, für 1000 Euro buchen. Um diese 1000 Euro ausgeben zu können, muss jener Brönner-Gönner allerdings aus unerfindlichen Gründen erst mal 2000 Euro verdienen. Von den an Brönner dann ausgezahlten 1000 Euro wiederum bleiben dem kulturschaffenden Fiskalgenie nach Steuern und Abgaben jedoch nur noch 500 Euro. Entsprechend bilanziert der Trompeten-Adam-Riese: von den ursprünglichen 2000 Euro landen satte 1500 beim Staat und nur 500 bei ihm.
Wenn Sie jetzt schon denken: Okay, beim professionellen Dauer-Trompeten wird wohl zu viel Sauerstoff aus dem Gehirn in den Trompetenhals gepresst - es wird noch besser. Auf seinem eindrucksvollen Evidenzausflug Richtung Komplettverirrung legt Brönner mit folgender Eskalationsthese nach: "Lehne ich den Deal aber ab, weil es sich nicht rechnet, findet das Geschäft überhaupt nicht statt. Kein Honorar, keine Steuern, kein Auftrag." Ach so. Wo in dieser Filigranrechnung die 2000 verdienten und die 1000 daraus resultierenden Netto-Euro bleiben, lässt Brönner bei seinem Abgesang auf die Bundesregierung offen.
34 Punkte, kein Aufschwungversprechen
Ein schönes Beispiel für die Bauernregel: Jedes Mal, wenn Till Brönner irgendwo über Steuerabgabemodelle spricht, hängt irgendwo in Deutschland ein Ökonom seinen Job an den Nagel. Und fragt sich anschließend: Wäre es nicht für alle besser, wäre nicht Till Brönner plötzlich Politiker, sondern Markus Söder Berufstrompeter?
Das Ärgerliche für die Bundesregierung ist aber: Je falscher Brönners Rechnung ist, desto richtiger trifft sie offenbar ein verbreitetes Gefühl. Obwohl es unfair ist, der aktuellen Koalition sämtliche ökonomischen Schwierigkeiten anzulasten. Friedrich Merz hat weder den Iran-Krieg begonnen noch die Straße von Hormus blockiert. Auch strukturelle Probleme wie Demografie, Fachkräftemangel, Energiepreise, Digitalisierung oder Bürokratie sind nicht erst nach dem Start seiner Amtszeit aus dem Herausforderungshut gezaubert worden. Selbst Lars Klingbeil kann man das nicht unterschieben.
Aber Politik wird selten danach beurteilt, wer ein Problem verursacht hat. Sondern danach, ob jemand den Eindruck vermittelt, es lösen zu können. Hier liegt das eigentliche Drama. Schwarz-Rot agiert nicht tatenlos. Anfang Juli präsentierte die Koalition ein Reformpaket mit 34 Punkten: Steuerentlastungen, Änderungen bei Rente und Arbeitsmarkt, Bürokratieabbau. Kleine und mittlere Einkommen sollen entlastet, der Grundfreibetrag erhöht, die Progression abgeflacht werden. Das Problem ist: Als Problemlösungs-Offensive hat das kaum jemand wahrgenommen.
Till Brönner als Sprachrohr des Volkes
Das alles wäre politisches Alltagsgeplänkel, wenn im September nicht drei wichtige Wahlen anstünden. Besonders die in Sachsen-Anhalt könnte zum bundesweit relevanten Stresstest werden. Die Berechnungskreativität von Till Brönner dürfte danach unser kleinstes Problem sein. Im Land von Martin Luther liegt die AfD in Umfragen in der Nähe der absoluten Mehrheit. Man muss Alice Weidel nicht mögen, um zu erkennen: Die Diskrepanz zwischen Versprechungen der Regierung, daraus erwachsenen Erwartungen und bisherigen Ergebnissen ist politisch gefährlich.
55 Prozent der Deutschen sagen mittlerweile, sie wünschten sich einen grundlegenden Wandel. Genau in diesem Kontext wird Till Brönners Auftritt als Stimme der Nation interessanter als seine Steuerrechnung. Er spricht etwas aus, das inzwischen weit über klassische wirtschaftsliberale Milieus hinaus anschlussfähig ist: Das Gefühl, dass der Staat immer mehr von mir verlangt, immer komplizierter organisiert ist und trotzdem immer weniger Probleme löst.
In Brönners Brandrede verbirgt sich ein Punkt, den progressive Politik gelegentlich vergisst: Ein Sozialstaat benötigt Menschen, die ihn finanzieren. Klingt banal. Ist aber inzwischen eine Provokation. Selbstverständlich gehört zu einer gerechten Gesellschaft auch Umverteilung. Natürlich müssen sehr Wohlhabende mehr beitragen als andere. Daher sind Erbschafts-, Vermögens- und Steuerfragen legitime politische Debatten. Aber man kann eine Volkswirtschaft nicht dauerhaft behandeln, als sei Wohlstand ein natürlicher Rohstoff, der einfach vom BIP-Himmel fällt und anschließend lediglich gerecht verteilt werden muss.
Erwirtschaften kommt vor Verteilen
Erinnert man daran, dass Wohlstand ohne Arbeit, Erwerbsbeteiligung und Unternehmertum nicht entstehen kann, gilt man inzwischen als neoliberaler Verschwörungstheoretiker. Das wird auch Till Brönner spüren. Dabei formuliert er immerhin den interessanteren Wunsch: Er wolle keine ärmere Gesellschaft mit gerechterer Verteilung, sondern eine wohlhabendere Gesellschaft, in der möglichst viele Menschen erfolgreich sein können.
Würde Friedrich Merz also ein bisschen mehr Brönner wagen und kompromisslos darüber debattieren, wie Deutschland gleichzeitig produktiver, moderner und sozialer werden kann, würde ihm auch weniger der Jazztrompetenmarsch geblasen. Stattdessen diskutiert Deutschland leidenschaftlich darüber, wer welches Stück vom Kuchen bekommt. Die SPD möchte große Stücke kleiner schneiden. Die Union möchte den Ofen reformieren. Die AfD behauptet, das wäre idiotisch, weil Ausländer schon längst den Kuchen gegessen hätten. Die Grünen wollen den Ofen auf erneuerbare Energie umstellen. Die Linke möchte den Ofen enteignen. Und Friedrich Merz steht daneben und versichert, dass der Kuchen nach seinen Strukturreformen spätestens 2028 deutlich größer ausfallen werde. Und besser schmecken.
Währenddessen stellt Till Brönner die Frage: Wie verhindern wir, dass irgendwann niemand mehr backen will? Womöglich die entscheidende politische Frage dieses Sommers. Denn eine Demokratie lebt nicht nur davon, Wohlstand gerecht zu verteilen. Sie lebt auch davon, dass genügend Menschen daran glauben, dass sich Leistung, Unternehmertum, Arbeit und gesellschaftliche Beteiligung überhaupt noch lohnen.
Und sie lebt davon, dass ihre Bürger überzeugt sind, der Staat könne Probleme tatsächlich lösen. Schwindet dieses Vertrauen, ist irgendwann nicht nur der Ofen kalt. Dann brennt die ganze Bäckerei. Und die Bundesregierung präsentiert ein 34-Punkte-Sofortprogramm zur Verbesserung des Brandschutzes.