Politik
Privat verstehen sich EU-Kommissionspräsident Juncker (r.) und Ukip-Chef Farage angeblich gut.
Privat verstehen sich EU-Kommissionspräsident Juncker (r.) und Ukip-Chef Farage angeblich gut.(Foto: AP)
Dienstag, 28. Juni 2016

Brexit: Wer lacht zuletzt?: Treffen sich Här Juncker und Mr. Farage ...

Von Issio Ehrich

Erst gibt es noch so etwas wie einen Kuss. Dann teilt Jean-Claude Juncker verbal aus. Das erste Treffen des EU-Kommissionspräsidenten mit dem EU-Kritiker Nigel Farage nach dem Brexit-Vote verläuft - lebhaft.

Am Morgen von Tag fünf nach dem Referendum lachen Jean-Claude Juncker und Nigel Farage noch einen Moment gemeinsam. Der EU-Kommissionspräsident und der Chef der britischen Anti-EU-Partei Ukip treffen vor den Sitzreihen der Abgeordneten des EU-Parlaments aufeinander – kurz vor Beginn einer Sondersitzung zum Brexit.

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Es ist das erste Treffen seit Tag X. Juncker und Farage plaudern kurz. Weil die Mikrofone abgestellt sind, ist nicht zu verstehen, was sie sagen. Dann umfasst Juncker Farages Kopf – nicht, um ihn abzureißen. Er drückt dem Briten einen Kuss auf die Wange. So sieht es zumindest aus. Vielleicht flüstert er ihm auch etwas ins Ohr. Wie auch immer. Nach diesem Moment der Nähe lachen beide.

Juncker und Farage haben privat angeblich ein gutes Verhältnis. Doch von politischer Versöhnung kann kaum die Rede sein. In den Minuten nach dem Kuss entbrennt zwischen den beiden eher ein Streit darüber, wer zuletzt lacht.

"Was machen Sie hier?"

Juncker bekommt als erstes Redezeit in der Debatte. "Wir müssen die britische Demokratie und die gefallene Entscheidung respektieren", sagt der Kommissionspräsident. Aus den Rängen der EU-Gegner schallen vereinzelte Klatschlaute und Zwischenrufe herüber. In der ersten Reihe sitzt dort neben einem Wimpel mit dem Union Jack drauf ein grinsender Farage.

So läuft der EU-Gipfel ab
  • Um 15 Uhr treffen die Staats- und Regierungschefs der noch 28 Mitgliedstaaten in Brüssel zusammen.
  • Offiziell beginnt der Gipfel um 16 Uhr.
  • Gespannt sein darf man auf die Mienen der Staatenlenker beim obligatorischen Gruppenfoto. Wird ihnen das Entsetzen über das Brexit-Votum auch an Tag Fünf danach noch anzusehen sein?
  • Nach Gesprächen über die Flüchtlingskrise und die Zusammenarbeit in der Nato geht es um 19.45 Uhr zur Sache – namentlich zu David Cameron, dem britischen Premierminister. Der soll über die Lage in seiner Heimat berichten und einen Zeitplan für den Ausstieg Großbritanniens aus der EU skizzieren.
  • Nach dem Abendessen wird Cameron den Gipfel verlassen.
  • Am Mittwoch gehen die Gespräche der verbliebenen 27 Staats- und Regierungschefs als inoffizielles Treffen weiter. Im Mittelpunkt steht der Scheidungsprozess von EU und Großbritannien.

Der Luxemburger Juncker zeigt mit dem Finger auf ihn, wechselt von Französisch auf Englisch und spricht ihn direkt an: "That's the last time you are applauding here" (Das ist das letzte Mal, dass sie hier Applaudieren).

Farage grinst weiter und Juncker setzt nach. "Ich wundere mich ein bisschen, dass Sie überhaupt hier sind", sagt er. "Sie haben für den Ausstieg gekämpft. Die Briten haben für den Ausstieg gestimmt. Was machen sie hier?" Im Parlament brandet kräftiger Applaus auf.

Es sieht ganz nach einem Debattensieg für Juncker aus. Der britische "Guardian" postet ein Video dieser Szene prompt auf seiner Facebook-Seite. "Jean-Claude Junckers perfekte Retourkutsche für Nigel Farage und die Pro-Brexit-Abgeordneten", heißt es dazu.

Doch Farage hat den Vorteil, dass seine Rede nach der von Juncker vorgesehen ist. Er hat Gelegenheit, noch einmal zurückzuschlagen – und er kostet diese Gelegenheit aus. "Ist das nicht lustig", sagt er. "Als ich vor 17 Jahren hierher kam, und sagte, ich will eine Kampagne anführen, an dessen Ende Großbritannien aus der EU austritt, habt ihr alle mich ausgelacht." Farage macht eine kurze dramatische Pause. Dann fügt er hinzu: "Nun, jetzt lacht ihr nicht mehr, oder?"

"Eure Währung scheitert"

Dann holt er aus zu einer weiteren seiner Generalabrechnungen mit der EU. Allerdings macht er sich dabei angreifbar. "Euer politisches Projekt ist in einem Prozess der Verleugnung", sagt er. "Ihr verleugnet, dass eure Währung scheitert."

Es ertönen Seufzer und Buhrufe. Natürlich. Am Tag nach dem Brexit-Votum war es nicht der Euro, sondern das britische Pfund, das auf den tiefsten Stand seit 30 Jahren stürzte.

Farage versucht, sich nicht beirren zu lassen. "Gut, gut, guckt euch doch mal die Sache mit dem Mittelmeer an", sagt er armefuchtelnd und wechselt das Thema. Farage spielt auf die Krise mit Griechenland an, dann wirft er Kanzlerin Merkel vor, im vergangenen Jahr so viele Menschen wie möglich in die EU gelockt zu haben.

Doch er stolpert gleich in die nächste Mine. "Ihr habt die EU durch Verschleierung und Betrug zu einer politischen Union gemacht." Farage spielt auf die Referenden gegen den EU-Vertrag 2005 an, die Brüssel seiner Meinung nach mit dem Lissabon-Vertrag, der darauf folgte, ignoriert habe. Ein paar Abgeordnete klatschen, doch die Buh-Rufe während seiner Ausführungen sind lauter. Das Brexit-Lager und mit ihm auch Farage mussten bereits die größten ihrer Wahlversprechen massiv einschränken, weil sie den Briten schlicht Dinge versprochen haben, die sie nicht halten können.

Doch Farage blendet all das aus. Er genießt diesen Moment im Parlament. Ob er am Ende wirklich derjenige ist, der als letzter lacht, wird sich allerdings erst noch zeigen. Sein so beherzt propagierter Brexit ist jetzt schließlich nicht mehr nur ein griffiges Schlagwort in einer aufgeheizten Debatte, er hat wirklich begonnen – mit allen möglichen Konsequenzen.

Quelle: n-tv.de