Politik

TV-Fernduell mit Biden Trump wirkt wie auf Steroiden

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Trump wirkte energiegeladen, blieb aber wie üblich sehr vage in seinen Aussagen.

(Foto: dpa)

Statt eines weiteren TV-Duells von Angesicht zu Angesicht treten US-Präsident Trump und sein Herausforderer Biden in einem Fernduell an. Auf verschiedenen Sendern beantworten sie zeitgleich Wählerfragen. Trump sorgt für den nächsten Skandal und bekommt ein unerwartetes Kompliment.

Was da am späten Donnerstagabend über die US-Fernsehschirme lief, war ein seltsames Spektakel. Auf dem einen Kanal, NBC, bekam Präsident Donald Trump Wählerfragen gestellt, auf dem anderen, ABC, gab sein Herausforderer Joe Biden Antworten. Dabei sollten dies beide ursprünglich gemeinsam tun, doch die für den Abend geplante zweite TV-Debatte fiel wegen Trumps Corona-Infektion aus. Eine rein virtuelle Debatte per Liveschalte hatte Trump abgelehnt, unter anderem weil man ihm da jederzeit das Mikrofon abschalten könne, wie er sagte. Nun also zwei getrennte Wählerbefragungen. Nach der Unterbrechungsorgie beim ersten TV-Duell mit Biden dürfte auch kaum jemand eine Fortsetzung davon vermisst haben.

Trump trat in Miami auf, wirkte energiegeladen, aber nicht besonders konzentriert - wer nicht einigermaßen über die Themen Bescheid wusste, dürfte zumindest aus manchen seiner Antwort-Tiraden nicht schlau geworden sein. Er wirkte, als nehme er immer noch die Steroide, die er nach seiner Covid-19-Erkrankung bekam. Von dem Abend wird bleiben, dass er sich ausdrücklich, auch auf mehrfache Nachfrage der Moderatorin, nicht von der atemberaubend absurden Verschwörungsfantasie "QAnon" distanzierte. Deren Anhänger glauben unter anderem, dass die Demokraten einen Pädophilen-Ring betreiben und Präsident Trump der Retter der Kinder ist.

"Distanzieren Sie sich ein für alle Mal davon?", fragte NBC-Star-Moderatorin Savannah Guthrie. Der Präsident behauptete, er wisse nichts über QAnon, er wisse nur, dass dessen Anhänger "stark gegen Pädophilie" seien. Und das sei er auch. Guthrie zitierte den republikanischen Senator Ben Sasse, der schon im August gesagt hatte: "Echte Führungspersönlichkeiten entlarven verrückte Verschwörungstheorien". Trump kümmerte das nicht. "Ich weiß einfach nichts über sie", behauptete er. Nachdem er sich bei dem ersten TV-Duell nicht klar von Rassisten distanzierte, die an die Überlegenheit der Weißen glauben, produzierte er so den nächsten Skandal.

Biden wirkt frischer als sonst, glänzt mit Detailwissen

Knapp 2000 Kilometer weiter nördlich, in Philadelphia, bot Joe Biden ein gänzlich anderes Bild. So polternd und ungezähmt Trump auftrat, so ruhig und sachlich wirkte sein Herausforderer. Dessen größte Schwäche ist sein hohes Alter von fast 78 Jahren, das man ihm immer wieder anmerkt. An diesem Abend erwischte er aber einen guten Tag. Er wirkte frischer und präsenter als bei früheren Auftritten, analysierte statt zu beschuldigen, argumentierte statt zu beleidigen und glänzte mit Detailwissen. Bei Fragen zur Corona-Pandemie brauchte Biden praktisch nur Trumps erratisches Verhalten nachzuerzählen, um ihn schlecht aussehen zu lassen. Ihm half dabei, dass ihm nicht ständig vom Präsidenten über den Mund gefahren wurde.

Spannend wurde es bei Trump bei zwei Themen: seiner Steuererklärung und der Nominierung der Richterin für den höchsten Gerichtshof, Amy Coney Barrett. Die "New York Times" hatte aufgedeckt, dass Trump, der sein Image als Milliardär pflegt, in zwei Jahren nur 750 Dollar Steuern gezahlt hatte und mehr als 400 Millionen Dollar Schulden habe, die überdies in den kommenden Jahren fällig würden. Seitdem wollen kritische Journalisten wissen, wem er das Geld schuldet. Trump sagte nun zwar, die Zahlen seien falsch, leugnete aber nicht, dass er tatsächlich mit dieser Summe in der Kreide steht. "Das ist nur ein kleiner Teil meines Vermögens", sagte er. Es handele sich um Hypotheken. "Ich schulde Russland oder all diesen sinistren Leuten kein Geld", beteuerte er.

Bei Fragen zur Berufung der Richterin Amy Coney Barrett an den höchsten Gerichtshof des Landes hielt sich Trump betont zurück. So fragte ihn Guthrie, ob er glaube, Barrett werde in seinem Sinne abstimmen. Er habe keine Absprachen mit ihr getroffen, sagte Trump. Komme es zu einem unklaren Wahlausgang und lande dieser dann vor dem höchsten Gericht, werde sie in die eine oder andere Richtung entscheiden. Auch zum Thema Abtreibung werde sie frei urteilen. Er wollte nicht einmal sagen, wie er zu Schwangerschaftsabbrüchen steht. "Mir ist gesagt worden, man redet am besten gar nicht mit ihr darüber", meinte er. Trump scheint aus dem Fall James Comey gelernt zu haben - den FBI-Direktor, den er zu Beginn seiner Amtszeit aufgefordert hatte, Ermittlungen gegen seinen damaligen Sicherheitsberater einzustellen, was schließlich mit zur Einsetzung des Sonderermittlers Robert Mueller geführt hatte.

Trump wärmt alte Phrasen auf

In Philadelphia kritisierte Biden Trump und die Republikaner dafür, die Richterin jetzt noch, am Ende der Amtszeit Trumps, einzusetzen. Er begründete das damit, dass die Wahl ja bereits begonnen habe - Millionen Amerikaner haben bereits abgestimmt. "Ich glaube, das widerspricht den Prinzipien der Verfassung", sagte er. Wie schon seine Vize-Kandidatin Kamala Harris beim TV-Duell mit Vizepräsident Mike Pence wich er der Frage aus, ob er die Zahl der höchsten Richter erhöhen würde, um einen Ausgleich zu schaffen. "Ich bin kein Fan davon", sagte er und meinte, wenn er die Frage direkt beantworte, ginge es nur noch darum, ob er das wirklich tut. Genau das wolle Trump. Er wolle ablenken. Der Fokus müsse auf dem bleiben, was gerade passiere und ob es in Ordnung ist, dass so spät in einer Amtszeit noch eine Richterin ans höchste Gericht berufen wird. Dass Biden der Frage ausweicht, dürfte aber auch damit zu tun haben, dass er weder die jungen Wilden auf der Parteilinken noch die Moderaten in der Mitte verprellen will.

Trump machte beim Beantworten der Wähler-Anliegen keine gute Figur. Dabei bekam er gar nicht besonders kritische Fragen. Eine ältere Dame sagte gar, er habe so ein schönes Lächeln. Er sei so gut aussehend, meinte sie und strahlte. Doch in seinen Antworten blieb Trump vage, lieferte vor allem holzschnittartige Phrasen. Die derzeitige Krankenversicherung ("Obamacare") werde er abschaffen und verbessern - das war schon vor vier Jahren einer seiner Slogans gewesen. Wie er das machen will, sagte er abermals nicht. Die Wirtschaft werde nach der Pandemie besser denn je dastehen - was genau er dafür tun will, ließ er offen. Und überhaupt: An der Pandemie sei allein China schuld und dass es noch kein neues Hilfspaket gibt, dafür seien die Demokraten verantwortlich, die das einfach nicht wollten. Was diese bestreiten würden.

Ob dieser Abend wirklich Auswirkungen auf die Wahl haben wird, ist fraglich. Weit mehr als 90 Prozent der Wähler haben sich bereits entschieden, die Unentschlossenen muss man regelrecht mit der Lupe suchen. Trump tat wenig, um diese anzusprechen oder gar Biden-Sympathisanten ein Angebot zu machen. Er behauptete wie üblich, ein großartiger Präsident zu sein, die Wirtschaft laufe super und werde noch besser, und Biden werde das Land zerstören. Wer vor diesem Abend nichts von Trump hielt, dürfte diese Meinung nicht geändert haben. Biden könnte mit seinem soliden Auftritt seine Sympathisanten bestärkt und womöglich den einen oder anderen Unentschlossenen von sich überzeugt haben. Das Trump-Lager wird er aber auch nicht gespalten haben. Die nächste große Chance für die Kandidaten, Wähler zu überzeugen, ist am 22. Oktober. Dann steht das letzte TV-Duell an - wenn nichts dazwischenkommt.

Quelle: ntv.de