Politik

Eskalation nach Idlib-Angriff Türkei will 33 tote Soldaten rächen

Bei einem Luftangriff auf türkische Stellungen in Idlib verlieren Dutzende Soldaten ihr Leben. Präsident Erdogan reagiert mit Angriffen auf syrische Truppen. Damit droht die Lage im Nordwesten Syriens endgültig außer Kontrolle zu geraten. Die Nato zeigt sich besorgt.

Der militärische Konflikt zwischen der Türkei und der Regierung des syrischen Machthabers Baschar al-Assad ist dramatisch eskaliert. Bei Luftangriffen auf Stellungen der türkischen Armee in der nordwestsyrischen Provinz Idlib wurden nach türkischen Angaben mindestens 33 Soldaten getötet. Als Vergeltung griff die türkische Armee in der Nacht Stellungen der Assad-Truppen an. Die Uno und die Nato riefen die Konfliktparteien zur raschen Deeskalation auf.   

Alle bekannten Ziele der syrischen Regierungstruppen in der Region seien von der türkischen Armee aus der Luft sowie vom Boden aus angegriffen worden, teilte Erdogans Kommunikationsdirektor Fahrettin Altun mit. "Unsere tapferen Soldaten werden gerächt werden", erklärte Altun. Erdogan hatte kurz zuvor in einer Dringlichkeitssitzung mit Regierungsmitgliedern und Militärvertretern über die Lage in Idlib beraten.    

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg rief die Konfliktparteien in Nordwestsyrien auf, die "gefährliche Lage" zu entschärfen und eine weitere Verschlimmerung der "schrecklichen humanitären Situation" in der Region vermeiden. Stoltenberg verurteilte nach Angaben einer Sprecherin in einem Telefonat mit dem türkischen Außenminister Mevlut Cavusoglu die "rücksichtslosen" Luftangriffe durch die syrischen Regierungstruppen und die mit ihnen verbündeten russischen Verbände.   

Der Nordatlantikrat der Nato kommt im Laufe des Tages zu einer Dringlichkeitssitzung zusammen. Die Türkei habe um das Treffen der 29 Nato-Botschafter nach Artikel 4 der Nato-Verträge gebeten, teilte das Militärbündnis in Brüssel mit. Die türkische Regierung forderte eine Flugverbotszone in Idlib.

UN-Sprecher ruft zu Waffenruhe auf

UN-Sprecher Stéphane Dujarric warnte vor der Gefahr, dass der Konflikt in Nordwestsyrien "Stunde für Stunde" weiter eskalieren könne. Er rief die Konfliktparteien zu einer "sofortigen Waffenruhe" auf. Der Gouverneur der an Syrien angrenzenden türkischen Region Hatay, Rahmi Dogan, teilte mit, dass es bei den Luftangriffen auf türkische Stellungen in Idlib neben den 33 Toten zudem 36 verletzte türkische Soldaten gegeben habe. Sie seien in Hatay ins Krankenhaus gebracht worden.

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Bei dem Angriff in Idlib sind 29 türkische Soldaten ums Leben gekommen.

(Foto: AP)

Mit den jüngsten Todesopfern sind in diesem Monat den türkischen Angaben zufolge mindestens 53 türkische Soldaten in Syrien getötet worden. Die Türkei hat im Rahmen eines im Jahr 2018 geschlossenen Abkommens mit Russland zwölf militärische Beobachtungsposten in der Provinz Idlib. Erdogan hatte die Regierung in Damaskus wiederholt aufgefordert, ihre Truppen aus dem Umfeld der türkischen Posten abzuziehen. Der türkische Staatschef setzte dafür eine Frist bis Monatsende, also bis diesen Samstag.

Maas: Moskau begeht Kriegsverbrechen

In Idlib und benachbarten Provinzen im Nordwesten Syriens geht die syrische Armee seit Dezember mit militärischer Unterstützung Russlands verstärkt gegen islamistische und dschihadistische Milizen vor. Assad will die letzte Milizen-Hochburg im Land wieder unter seine Kontrolle bringen. Ein Teil der Rebellengruppen in Idlib wird von der Türkei unterstützt.    

Bundesaußenminister Heiko Maas warf in einer Sitzung des UN-Sicherheitsrats in New York Assad und Moskau Kriegsverbrechen in Nordwestsyrien vor. Die Armeen beider Länder bombardierten "zivile Infrastruktur wie Krankenhäuser und Schulen". Russland und Syrien hätten als Konfliktparteien die Pflicht, die Zivilbevölkerung zu schützen, mahnte Maas: "Willkürliche Angriffe auf die Zivilbevölkerung sind Kriegsverbrechen."   

Seit Anfang Dezember sind nach UN-Angaben rund 950.000 Menschen aus den umkämpften Gebieten in Nordwestsyrien geflohen, darunter eine halbe Million Kinder. Viele von ihnen leben unter katastrophalen Bedingungen in der Grenzregion zur Türkei. Kaltes Winterwetter verschärft die Lage. Der russische Botschafter bei der Uno, Wassili Nebensja, erklärte jedoch, andere Sicherheitsratsmitglieder versuchten, "die Situation zu dramatisieren".

Quelle: ntv.de, mba/jug/dpa/AFP