Politik

Repressionen wie in Nordkorea Turkmenistans Diktator ist der "Alleskönner"

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Gurbanguly Berdimuhamedow regiert Turkmenistan seit 2007 mit harter Hand.

(Foto: imago/ITAR-TASS)

Gurbanguly Berdimuhamedow ist Präsident von Turkmenistan. Der 63-Jährige gilt als einer der schlimmsten Diktatoren der Welt. Während die Menschen im Land trotz riesiger Erdgasvorkommen verarmen, gibt er viel Geld für sinnlose Prestigeprojekte aus und lässt Autos umlackieren.

Von kaum einem anderen Staatspräsidenten existieren so viele merkwürdig anmutende Videos. Das Internet ist voll mit kuriosen Auftritten von Gurbanguly Berdimuhamedow. Der Präsident von Turkmenistan hat einen Rap-Song mit seinem Enkelsohn veröffentlicht, tritt bei der Silvesterfeier als DJ auf, spielt Basketball im Bayern-Trikot, schießt vom Fahrrad aus auf Zielscheiben, wirft mit dem Messer darauf, heizt mit einem Rallyeauto um einen riesigen Krater, eröffnet eine Kabinettssitzung mit einer vergoldeten Hantelstange und zelebriert den Weltfahrradtag mit einer grün-weißen Klatsch-Parade auf zwei Rädern.

Klingt lustig, ist es aber nicht: Gurbanguly Berdimuhamedow gilt als einer der schlimmsten Diktatoren der Welt. Seit 2007 regiert er Turkmenistan mit harter Hand. Amnesty International beschreibt die turkmenische Regierung als eine der autoritärsten auf der Erde. Schwere Menschenrechtsverletzungen seien an der Tagesordnung, das Recht auf freie Meinungsäußerung stark eingeschränkt und sämtliche Medien unter staatlicher Kontrolle. Folter und andere Misshandlungen seien weit verbreitet, Häftlinge würden unter menschenunwürdigen Bedingungen gefangen gehalten und viele von ihnen würden einfach verschwinden und nie wieder auftauchen.

Hannes Meißner konnte sich als einer von wenigen Wissenschaftlern in den vergangenen Jahren vor Ort persönlich ein Bild von der Lage machen. Er sei verdeckt als Tourist eingereist, erzählt der Politologe von der BFI Wien im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". "Ich war Promotionsstudent an der Uni Hamburg, musste im Vorfeld alle meine Internetspuren, die auf meinen Hintergrund hindeuten, löschen. Das hat ein halbes Jahr gedauert. Ich bin mit einem guten Freund von mir gereist, wir haben uns etwas mehr als eine Woche im Land bewegt."

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Zentralasien-Experte Hannes Meißner

Allerdings nicht frei. "Wir hatten einen Verfolger, der uns auf Schritt und Tritt gefolgt ist", berichtet Meißner von seinem Ausflug in das isolierte Land. "Wenn wir stehen geblieben sind, ist dieser Verfolger stehen geblieben. Wenn wir uns umgedreht haben, hat sich der Verfolger umgedreht."

"Eines der repressivsten Systeme der Welt"

Turkmenistan liegt in Zentralasien, ist umgeben vom kaspischen Meer, Russland, Usbekistan, Afghanistan und dem Iran. Das Land ist zwar ungefähr ein Drittel größer als Deutschland, hat aber nur 5,9 Millionen Einwohner. Große Teile des Landes sind unbewohnte Steppen und Wüsten, allein eine Million Menschen wohnen in der Hauptstadt Aschgabat.

Früher war die abgeschiedene Nation Teil der Sowjetunion, 1991 ist sie nach deren Zerfall unabhängig geworden. "Es war zu Zeiten der Sowjetunion die peripherste, isolierteste und unterentwickeltste Republik mit dem höchsten Repressionsapparat. Auch unter Gorbatschow hat das Land am Reformprozess, an Glasnost und Perestroika, nicht teilgenommen. So ist das Land dann ungewollt und überraschend in die Unabhängigkeit geschlittert", erklärt Meißner.

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Der Lieblingshund des Präsidenten.

(Foto: REUTERS)

Das Land verfügt nach Russland, Iran und Katar über die viertgrößten Erdgasvorkommen der Welt. Die wirtschaftlichen Voraussetzungen des Landes sind gerade im Verhältnis zu den anderen Ex-Sowjetstaaten eigentlich gut. Doch bei den Menschen im Land kommt nichts von dem an. "Die Ressourceneinkünfte aus dem Erdgasexport haben es ermöglicht, sehr einfach dieses System zu konservieren und zu unterhalten. So ist eines der repressivsten Systeme der Welt entstanden", analysiert Experte Meißner im Podcast.

Während vor allem die ländliche Bevölkerung hungert, setzt die regierende Elite mit Präsident Berdimuhamedow auf teure Prestigeprojekte in der Hauptstadt Aschgabat. "Das ist eine weiße Marmorstadt, in der alte sowjetische Plattenbauten mit weißem Marmor verkleidet wurden und neue Prachtbauten aus weißem Marmor mit Goldverzierungen gebaut wurden. Es gibt eine Fontänen- und Brunnen-Landschaft, eine grüne Oase in einer Halbwüste und breite Prachtalleen." Außerdem werden kuriose Statuen errichtet: zum Beispiel Berdimuhamedows Lieblingshund in Gold.

Das alles blende eine falsche Realität vor, sagt Meißner, der während seines Aufenthalts auch in den Osten des Landes nach Mary gefahren ist. "Es wurde mir nahegelegt, im Geländewagen zu reisen. Die breite Prachtallee wird immer schmaler, man fährt noch durch ein prunkvolles Stadttor und irgendwann kann man sich tatsächlich nur noch mit dem Geländewagen fortbewegen, weil die Straße sehr löchrig und voller Schlaglöcher ist."

Präsident inszeniert sich als Alleskönner

Der sogenannte Ressourcenfluch hat in Turkmenistan voll eingeschlagen. Die herrschende Elite profitiert von dem Erdgas-Reichtum. Die Gelder werden aufgesaugt und in private Kanäle umgeschichtet, berichtet der Zentralasien-Experte. Das Leben großer Teile der Bevölkerung sieht anders aus. Es seien zwar in den vergangenen Jahren "populäre Fürsorgemaßnahmen etabliert" worden für die Bevölkerung: kostenfreies Salz und kostenfreies Benzin, subventionierte Grundnahrungsmittel und Medikamente. Aber das sei nicht mehr als "symbolische Fürsorge", und in der Wirtschaftskrise der vergangenen Jahre seien viele Maßnahmen auch wieder zurückgefahren worden.

"Wieder was gelernt"-Podcast

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Präsident Gurbanguly Berdimuhamedow hat ohnehin andere Sorgen. Ihm geht es darum, sich als der sportlichste, furchtloseste, stärkste, beste Mensch der Welt zu präsentieren. Berdimuhamedow, der Alleskönner. "Er inszeniert sich deutlich volksnäher als sein Vorgänger. Genauso ist das ja auch in Nordkorea zu beobachten. Eine Volksnähe, die ihm ein cooles Image geben soll. Das Image einer Person, die alles kann. Es gibt Videos, wo er von einem Fahrrad aus Basketball spielt. Natürlich trifft er den Korb, während seine Minister alle verfehlen." Das ist aber nur eine Seite des Erscheinungsbildes. Berdimuhamedow präsentiert in vielen Videos auch seine martialische Seite. "Er zeigt sich sehr versiert im Umgang mit modernster Waffentechnik, zum Beispiel als Kampfflieger."

Irre Präsidentenvorlieben

In Sachen Personenkult steht er seinem Vorgänger, Saparmurat Nijasow, in nichts nach. Der langjährige Herrscher war ebenfalls ziemlich verschroben. Nijasow hatte zwischenzeitlich sogar Monate umbenannt. So bekam der April plötzlich den Namen seiner Mutter. "Es gibt außerdem eine schwer zu verifizierende Geschichte, wonach Nijasow sich einmal im Fernsehen negativ über die bei vielen Turkmenen beliebten goldenen Schneidezähne geäußert hat, und dann eine Verordnung erlassen wurde, dass die Goldzähne zu entfernen sind. In Aschgabat haben sich dann lange Schlangen vor den Zahnartpraxen der Stadt gebildet, weil man den Vorlieben des Präsidenten entsprechen wollte."

Gurbanguly Berdimuhamedov hat ebenfalls spezielle Vorlieben. Er liebt die Farbe Weiß. Deshalb ist Aschgabat zur "weißen Marmorstadt" geworden, und im ganzen Land sind seit einigen Jahren nur noch helle Autos erlaubt. Dunkle Autos müssen umlackiert werden - in weiß, beige, gelb oder silbermetallic.

Außerdem wurde in Turkmenistan Frauen das Autofahren verboten. Präsident Berdimuhamedow soll Verkehrsstatistiken gelesen haben, wonach Frauen mehr als die Hälfte aller Unfälle verursacht haben.

Anhand dieser Absurditäten verwundert es auch kaum, dass das Coronavirus in Turkmenistan offiziell gar nicht existiert. Von Anfang an habe es die Pandemie laut der Regierung nicht gegeben, so Meißner. "Interessanterweise wurde aber im letzten Sommer eine Maskenpflicht verhängt. Die wurde aber nicht mit dem Virus begründet, sondern mit sommerlichen Winden aus verschiedenen Luftrichtungen, die zu einer hohen Staubpartikelkonzentration in den Städten geführt haben."

Quelle: ntv.de

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