Politik

"Er ist der Gebärmuttersammler" US-Arzt soll Migranten sterilisiert haben

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Inhaftierte Migranten im Irwin County Detention Center während eines Fußballspiels im Jahr 2018.

(Foto: REUTERS)

Ungeheuerliche Vorwürfe erheben eine ehemalige Krankenschwester sowie Insassen eines US-Auffanglagers. Ein Arzt habe Sterilisationen an Migrantinnen durchgeführt, ohne dass diese davon wussten. Das soll aber nicht alles sein.

Es ist nur eine von vielen Anschuldigungen gegen das Auffanglager für Migranten in Irwin County im Bundesstaat Georgia, aber sie klingt unfassbar. Eine Krankenschwester wirft dem US-Heimatschutzministerium vor, dass ein für die Einrichtung tätiger Arzt Frauen sterilisiert und anderen gynäkologischen Eingriffen unterzog, obwohl sie sich vorher über die Folgen der Operationen nicht im Klaren gewesen seien. Zudem würden in der Einrichtung die Gefahren des Coronavirus' systematisch ignoriert.

Die Krankenschwester Dawn Wooten berichtete, ein Arzt außerhalb der Einrichtung habe die Eingriffe an spanischsprachigen Migrantinnen durchgeführt und dabei die Gebärmutter teilweise oder komplett entfernt. "Jede, die zu ihm geht, bekommt eine Hysterektomie - ziemlich jede", sagte Wooten laut der Beschwerde: "Das ist seine Spezialität, er ist der Gebärmuttersammler." Wooten geht von mehr als 20 Betroffenen aus. Ein paar davon hätten zuvor über starke Periodenblutungen geklagt. "Aber nicht jede Gebärmutter kann so schlecht sein", sagte Wooten. Das Irwin County Detention Center kann laut Website des Betreibers bis zu 1201 Personen aufnehmen.

Die Bürgerrechtsorganisation Project South reichte auf Basis von Wootens Berichten und weiteren Zeugenaussagen eine Beschwerde bei der Ministeriumsaufsicht ein. Die Demokraten im US-Kongress fordern eine Untersuchung der Vorwürfe. Das mexikanische Außenministerium hat die US-Behörden offiziell um einen Bericht zu den Vorwürfen gebeten. Das Ministerium befürchtet, dass auch mexikanische Frauen von den Operationen betroffen sind. Aussagen mehrerer Insassen und mindestens einer Kollegin stützen Wootens Angaben.

Manche der Frauen würden sich wegen der Verständigungsprobleme erst danach darüber klar werden, was mit ihnen geschehen sei, sagten Insassen. "Als ich all diese Frauen traf, die Operationen gehabt hatten, dachte ich, es sei wie ein experimentelles Konzentrationslager", wird einer in der Beschwerde zitiert: "Es war so, als experimentierten sie mit unseren Körpern." Andere sagten, sie hätten Angst, zum zuständigen Arzt zu gehen und würden lieber in ihre Heimatländer zurückgehen. Eine Insassin berichtete, der Arzt habe wütend reagiert, als sie die Gebärmutterentfernung verweigerte.

Jahrelange Berichte

Der beschuldigte Arzt widersprach den Vorwürfen im US-Magazin "The Intercept". Er habe in den vergangenen zwei bis drei Jahren überhaupt nur ein oder zwei Gebärmuttern entfernt. Der Arzt soll der einzige diensthabende Gynäkologe des Lagers gewesen sein. Ein Anwalt des "Project South" sagte: "Die Enthüllungen bestätigen, was festgesetzte Migranten seit Jahren berichten - eklatante Missachtung von Gesundheits- und Sicherheitsstandards, fehlende medizinische Betreuung und unhygienische Lebensbedingungen." Bereits im Jahr 2017 hatte "Project South" deshalb eine Beschwerde über das Lager in Irwin County eingereicht.

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Dawn Wooten (links) und andere Aktivisten fordern die Schließung der Anlage.

(Foto: AP)

Die berichteten Sterilisierungen rufen Erinnerungen an dunkle Zeiten wach. Ab Anfang des 20. Jahrhunderts hatte eine Mehrzahl der US-Bundesstaaten Gesetze erlassen, auf Basis derer etwa 60.000 Menschen unfruchtbar gemacht wurden; die Behörden stuften sie als "ungeeignet" ein, da sie "geistig behindert" oder "schwachsinnig" seien. US-Wissenschaftlern zufolge wurden die Sterilisierungen vor allem bei Frauen und People of Color, also Nicht-Weißen, durchgeführt. Diese Eugenik-Gesetze wurden nach und nach wieder abgeschafft, die letzten in den 1970er Jahren.

Fast alle Migrantinnen und Migranten kommen aus Lateinamerika und gelangen über die Südgrenze mit Mexiko in die USA. Unter Präsident Donald Trump haben sich die Vorwürfe gegen die Einrichtungen der verantwortlichen Einwanderungsbehörde ICE, die zum Heimatschutzministerium gehört, gemehrt. In den vergangenen Jahren gab es bereits mehrere Skandale.

Der bislang größte war die vorübergehende Praxis, Kinder von ihren Eltern zu trennen, damit die Erwachsenen keinem besonderen Schutz mehr unterliegen. Migrantenfamilien mit minderjährigen Kindern werden in den USA anders behandelt als Erwachsene ohne Kinder. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch sagte anlässlich der aktuellen Vorwürfe, bei der Gesundheitsversorgung in den US-Lagern gebe es "ständige Vernachlässigung und Missbrauch".

Zu wenige Tests, gefälschte Ergebnisse

Im Auftrag der ICE betreibt das Privatunternehmen LaSalle neben der Einrichtung in Irwin County noch 17 weitere Auffanglager in südlichen US-Bundesstaaten, mit Platz für insgesamt mehr als 13.000 Menschen. Auch aus anderen Auffangzentren gibt es Beschwerden, etwa über fehlende Schutzausrüstung für Beschäftigte und Insassen. Covid-19-Symptome und sogar vorliegende Testergebnisse sollen ignoriert worden sein. Insassen in Richwood im Bundesstaat Louisiana sagten, als sie sich über die Zustände beschwerten, sei ihnen Pfefferspray in die Augen gesprüht und sie in Einzelhaft gesteckt worden.

Schon in den ersten Wochen der Pandemie hatten Insassen der Einrichtung in Irwin County gegen die Zustände protestiert, später auch mit Hungerstreiks. Laut ICE wurden dort insgesamt 31 Insassen positiv auf das Coronavirus getestet. Krankenschwester Wooten geht hingegen davon aus, dass es allein bis Anfang Juli fast doppelt so viele waren. Darüber hinaus sei auch nicht ausreichend getestet worden. So sei etwa in einem Schlafsaal nach einem positiven Fall nur der Bettnachbar auf mögliche Ansteckung getestet worden, die anderen nicht.

Insassen mit Symptomen wurden Wooten zufolge "systematisch" Tests verwehrt. Das Personal verweigere den Insassen auch andere medizinische Betreuung und fälsche Untersuchungsergebnisse. Zugleich seien insgesamt 15 Beschäftigte positiv getestet, aber nicht immer von der Arbeit freigestellt worden. Aus anderen Auffanglagern ist bekannt, dass die Betreiber nicht ausreichend testen, weil ohnehin keine Möglichkeiten besteht, infizierte Insassen zu isolieren, um andere zu schützen.

Wooten arbeitet seit zehn Jahren als Krankenschwester in US-Gefängnissen. Als sie in Irwin County immer wieder fehlende Vorsichtsmaßnahmen gegen die Verbreitung des Coronavirus bemängelte, sei sie Anfang Juli ihren Vollzeitjob losgewesen, sagt sie. Stattdessen bot ihr der Betreiber ein paar Stunden monatlich als Bedarfskraft an. Ihre Degradierung sei eine Drohung an ihre Kollegen gewesen, vermutet Wooten: "Ich wurde den Wölfen zum Fraß vorgeworfen."

Quelle: ntv.de