Politik

Kissinger: China größere Sorge "Interessen anderer Staaten müssen nicht identisch mit ukrainischen sein"

2019-11-21T000000Z_1104581607_RC2JFD9H2W2C_RTRMADP_3_CHINA-ECONOMY.JPG

Kissinger war von 1973 bis 1977 Außenminister der USA.

(Foto: REUTERS)

Artikel anhören
Diese Audioversion wurde mit Sprachproben unserer Moderatoren künstlich generiert.
Wir freuen uns über Ihr Feedback zu diesem Angebot.

Ex-US-Außenminister Kissinger warnt eindringlich vor einer Eskalation zwischen den USA und China. Dies sei gegenwärtig seine größte Sorge. Deswegen plädiert er auch dafür, nach dem Ende des Ukraine-Krieges einen Umgang mit Russland zu finden. Zugleich verteidigt er seine Davos-Äußerungen zur Ukraine gegen falsche Interpretationen.

Der frühere US-Außenminister Henry Kissinger spricht sich für einen weiteren Dialog mit Russland und dessen Präsidenten Wladimir Putin aus. "Eines Tages wird der Krieg beendet sein. Und nach diesem Krieg wird die Beziehung zwischen der Ukraine und Russland neu definiert werden", sagte er dem "Stern". Das gelte auch für Europa. "Sollte Russland als Resultat des Krieges auseinanderbrechen, würde das zu Chaos in Zentralasien und im Mittleren Osten führen." Kissinger hält es indes für "wahrscheinlich, dass ein Friedensvertrag mit Putin gemacht werden muss".

Dabei warnte Kissinger davor, Russland zu einem Alliierten Chinas zu machen. Man könne die europäische Geschichte seit dem 17. Jahrhundert nicht ohne Russland sehen. "Russland auszugrenzen, entspricht nicht meiner Vision von Europa. Das würde aus Russland einen Alliierten Chinas machen" und dies müsse man verhindern, sagte er. "Wenn dieser Krieg endet - und eines Tages wird er das -, wenn die atlantischen Bündnispartner ihre Ziele erreicht haben und Russland nicht, dann sollte die NATO stark genug sein, eine neue Beziehung zwischen Russland und Europa zu finden, so wie Europa nach den Napoleonischen Kriegen. Eine solche Lösung entspräche der europäischen Geschichte."

China sei seine "viel größere Sorge". Peking und Washington seien als Supermächte in der Lage "die Menschheit zu zerstören, und sie steigern diese Kapazitäten immer weiter, jedes Jahr". Es gebe bereits "die Rhetorik eines Kalten Kriegs". Weiter sagte er: "Wir haben zwei Aufgaben: Erstens, strategisch stark zu sein und nicht unter die Dominanz eines anderen Staates zu fallen. Und zweitens, die Beziehungen so zu gestalten, dass wir nicht in eine Krise geraten wie die Europäer vor dem Ersten Weltkrieg, als sie in den Krieg schlafwandelten und nicht mehr wussten, wie sie da wieder herauskommen. Wenn das heute passierte, müssten wir aufpassen, nicht unsere Zivilisation zu zerstören."

"Russland darf keinerlei Gebietsgewinne erzielen"

Mit Blick auf die Ukraine verteidigte Kissinger seine Äußerungen beim Weltwirtschaftsforum in Davos, als er für eine Verhandlungslösung in der Ukraine plädierte. Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte dies scharf kritisiert. "Die Ukrainer haben sich bisher heroisch verhalten und nehmen eine großartige Rolle bei der Verteidigung ihrer eigenen Freiheit ein", sagte Kissinger. "Aber andere Staaten haben ihre eigenen historischen und aktuellen Interessen, und die müssen nicht identisch mit den ukrainischen sein. Das ist die Essenz von Politik."

Zugleich verwies er darauf, dass er falsch interpretiert worden sei. Er habe sich bei seinen Äußerungen auf die Grenze vor 2014 bezogen. "Ich habe auch nicht gesagt, dass die Ukraine auf die Krim verzichten solle." Russland dürfe keinerlei Gebietsgewinne und Vorteile aus der Invasion ziehen, sagte er. "Wie das aber erreicht wird, ist offen. Die Ukraine wird klare Vorstellungen davon haben, aber andere Staatenlenker werden die Lage zwangsläufig aus ihrer eigenen Sicht bewerten. Ich hoffe, dass alle diese Bewertungen miteinander vereinbar sind", sagte er.

Mehr zum Thema

Darüber hinaus warb der 99-Jährige für ein umfangreiches neues Hilfsprogramm für die Ukraine: "Nach dem Krieg ist ein Wiederaufbauplan für die verwüstete Ukraine essenziell. Ich hoffe, dass die Staaten der Atlantischen Allianz dabei zusammenarbeiten", sagte er. "In diesem Sinn brauchen wir einen Marshallplan." Dies hatte jüngst auch Kanzler Olaf Scholz gefordert.

Mit einem solchen Plan könnte Kissinger zufolge "ein hoffnungsvolles Experiment entstehen: Russland wird verstanden haben, dass ein Angriff auf Europa das Ziel verfehlt." Die NATO trete geschlossen auf, mit der Unterstützung der USA. Und Europa werde sich fragen müssen, wie die langfristige Beziehung mit Russland aussehen solle. "Muss sie allein auf militärischer Abschreckung basieren – oder ist ein Miteinander auf Grundlage kühler Entscheidungen möglich?"

(Dieser Artikel wurde am Dienstag, 28. Juni 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de, jwu

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen