US-Wahl 2020

"Dämonisierung endet jetzt" Die eine Botschaft des Joe Biden

Es sind Worte aus der Vergangenheit, aber sie sollen die Zukunft einläuten. Bei seiner Siegesrede macht der designierte US-Präsident Biden das, was er schon immer getan hat. Für diesen Moment sind es die richtigen Worte.

Es sind nicht 240.000 Menschen wie bei Barack Obama im Jahr 2008 in Chicago, es ist keine so intime Atmosphäre wie bei Donald Trump in New York, sondern eine Drive-in-Party im Bundesstaat Delaware. Da stehen Autos, ein paar Menschen dazwischen, viele Familien sind zu sehen. Sie warten auf den designierten US-Präsidenten Joe Biden. Der Demokrat wird Trump im Weißen Haus ablösen, darin sind sich alle einig.

Zuerst tritt Kamala Harris, die designierte Vizepräsidentin, bis über beide Ohren grinsend auf die Bühne. Ganz in Weiß hält sie eine überladene Eloge auf Biden. Sie erwähnt auch Dinge, die dieser nach ihr auslassen wird. So würdigt sie die Arbeit der verschiedenen zivilen Bewegungen, die in den vergangenen Jahren so stark geworden sind, etwa Black Lives Matter und die Sunrise Movement für einen Green New Deal, ein grünes Wirtschaftsprogramm. "Und dann habt ihr die Wahrheit gewählt", sagt sie. Auch dankt sie Biden für seinen Mut, eine Frau als seine Vize zu nominieren: "Und ich werde nicht die Letzte sein!" Jubel brandet auf.

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Autos unter freiem Himmel und jubelnde Menschen: Biden spricht in Wilmington (Delaware).

(Foto: AP)

Danach joggt der 77-jährige Biden von der Seite in Richtung Rednerpult, etwas, dass er sich womöglich von Barack Obama abgeguckt hat, dessen Vize er acht Jahre lang war. Zweimal hat Biden versucht, Präsident zu werden, zuerst in den 1980er-Jahren. Geschafft hat er es mehr als 30 Jahre später und im dritten Versuch, nach dem vermeintlichen Ende seiner Karriere. Biden ist die Freude und Energie deutlich anzusehen, die ihm sein Erfolg gegeben hat. Sie ist auch zu hören: "Ich bin geschmeichelt vom Vertrauen" dieses "klaren und überzeugenden" Siegs, ruft er.

Dank an die Afroamerikaner

Biden zeigt sich stolz über "die breiteste Koalition in der Geschichte: Demokraten, Republikaner, Unabhängige, Progressive, Moderate, Konservative, Junge, Alte, Städte, Vorstädte, Land, Homosexuelle, Heterosexuelle, Transgender, Weiße, Latinos, Asiaten, Native Americans". Er weist damit auf die unterschiedlichen Wählergruppen hin, die sich unter dem Dach der Demokraten versammelt haben und grenzt sich so von Konservativen ab. Biden hätte die Liste noch weiterführen können.

Wichtig ist dem designierten Präsidenten sichtlich der explizite Dank an die afroamerikanischen Wähler. Ohne die hätte er sich im Bundesstaat South Carolina nicht gegen die anderen Bewerber durchgesetzt - und der Kandidat der Demokraten hätte am Ende wohl Bernie Sanders geheißen. Also würde er ohne sie heute nicht auf dieser Bühne stehen.

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Kamala Harris wird die erste Vizepräsidentin der USA sein.

(Foto: REUTERS)

Für den Moment reicht das. Ob diese einzelnen Gruppen sich dann auch von ihm ausreichend vertreten fühlen, ist eine andere Frage. Biden macht mehrere Versprechen. "Ich werde das Rückgrat dieses Landes wieder aufbauen, die Mittelschicht." Das Mandat, das die US-Amerikaner ihm seiner Ansicht nach gegeben haben, ist: das Virus bekämpfen, das Klima schützen, die Gesundheitsversorgung sichern, systemischen Rassismus beenden.

Dieses Mandat enthalte auch, dass er seine Versprechen mit Versöhnung statt Spaltung umsetzen solle. Mit dem politischen Gegner zusammenarbeiten soll, um Kompromisse zu finden. Es ist die zentrale, die eine Botschaft des Joe Biden, die seine komplette Rede überspannt. "Dies ist der Moment der Heilung", sagt er, so wie es in der Bibel stehe. Biden wird der erste Katholik im Weißen Haus sein seit John F. Kennedy. "Lasst uns die düstere Zeit der Dämonisierung in Amerika hier und jetzt beenden."

Konfetti und Feuerwerk

Große Veränderungen, wie sie nötig sind, um Bidens Ziele zu verwirklichen - in der Wirtschaft, beim Klimawandel, in der Gesundheitsversorgung und anderen Bereichen der Sozialpolitik -, sind durch Kompromisse schwieriger zu erreichen. Sollten die Demokraten weiterhin ohne Mehrheit im Senat bleiben, werden sie dazu gezwungen sein. Biden wird dann auf eine Partei angewiesen sein, die sich von Trump hat ausschalten lassen.

Als Biden seine Rede beendet, kommen seine Frau und seine Familie auf die Bühne. Es gibt Konfetti und Feuerwerk. Sein Name und die Umrisse der USA leuchten im Nachthimmel auf. Und dann hat der designierte Präsident auch noch plötzlich ein Baby auf dem Arm.

Nach vier Jahren eines Präsidenten, der es mit der Wahrheit nicht so genau genommen hat, haben Bidens Worte glasklar und strukturiert geklungen; sie sind nicht neu, aber an diesem Abend besonders. Sie sind eine Rückkehr in die Vergangenheit, die Zukunft verspricht. Biden ist seit fast einem halben Jahrhundert in Washington D.C. Er will Kompromisse mit den Republikanern. Die Frage ist, wie weit er sich dafür in ihre Richtung bewegen kann, ohne seine eigene Partei zu enttäuschen. Denn auch wenn es an diesem Abend anders klingt - die Vergangenheit ist vorbei.

Quelle: ntv.de