US-Wahl 2020

Hungerlöhne in Georgia Eine Wahl, Millionen menschliche Schicksale

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Pastor Raphael Warnock ist der Mann für die historischen Parabeln.

(Foto: AP)

Ein schwarzer Pastor und ein 33-Jähriger - bei der Senatsstichwahl in Georgia im Januar entscheidet sich, was der designierte US-Präsident Biden überhaupt bewirken kann. Es geht um Rassismus, Krankenversicherungen und vor allem um faire Löhne.

Als die Sonne fast verschwunden ist, tritt der Reverend aus der Kirchentür, nur ein paar Meter. Der Anzug ohne Tadel, die Brille randlos, die Gestik wohldosiert. Eine Assistentin passt auf, dass sich dem prominenten Sprecher niemand nähert; aber bis auf zwei Trinker vor dem nahen Schnapsladen ist ohnehin fast niemand zu sehen. Es dauert kaum fünf Minuten, da hat Raphael Warnock seine Sätze für die Aufnahme gesagt, der Kameramann packt wieder ein und die drei verschwinden zurück ins Innere. Auf der anderen Seite der Straße bewacht eine Sicherheitsfrau den steinernen Sarg von Martin Luther King und dessen Frau Coretta Scott. "Der Traum lebt", ist am Fuße des Gedächtnisfeuers zu lesen.

Vor wenigen Jahren beließ es der afroamerikanische Pastor der Ebenezer-Gemeinde nicht bei Worten. Aus Protest gingen er und weitere Demonstranten im März 2014 im Regierungssitz von Georgia in den Sitzstreik. Sie wollten den Gouverneur, einen Republikaner, dazu bewegen, die staatliche Krankenversicherung entgegen seiner früheren Ablehnung auszuweiten, so wie es Obamacare ermöglicht und beabsichtigt hatte. Irgendwann führte die Polizei auch Warnock in Handschellen ab. Seither ist er nicht mehr nur baptistischer Geistlicher, sondern auch Politiker. Der 51-Jährige und sein 33-jähriger Parteikollege Jon Ossoff wollen in der Stichwahl am 5. Januar 2021 die beiden Senatorensitze des Bundesstaats erobern.

Ossoff und Warnock, die seit Monaten gemeinsam Wahlkampf machen, wissen um die Hauptprobleme: Hungerlöhne und nicht vorhandene oder lückenhafte Krankenversicherung. Im lokalen "Citizen Radio" für Afroamerikaner sind Werbeclips von Warnock und Stacey Abrams, der Wegbereiterin zum Erfolg der Demokraten in Georgia, zu hören. Nahezu in Dauerschleife verspricht Warnock eine bessere Gesundheitsversorgung und würdevolle Bezahlung. "Jemand wie ich sollte eigentlich nicht kandidieren", erzählt der Geistliche. Aufgewachsen in einer Sozialwohnung, die Mutter Tabak- und Baumwollpflückerin, der Hunger manchmal näher als der Zahltag. "Wenn ihr jemanden wollt, der eure Herausforderungen aus eigener Erfahrung kennt, bin ich euer Mann", wirbt Warnock um die Stimmen der Schwarzen. Die Ebenezer-Kirche ist unter Afroamerikanern eine der einflussreichsten in den USA.

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Die historische Ebenezer Kirche. Einen Block weiter blicken Wandgemälde von Martin Luther King und George Floyd auf die Passanten.

(Foto: Roland Peters)

Joe Biden hat Georgia das erste Mal seit fast drei Jahrzehnten für die Demokraten gewonnen, wenn auch äußerst knapp. Als Schlüssel für seinen Erfolg gilt, dass Aktivisten der Partei in den vergangenen Jahren hunderttausenden Afroamerikanern ihr Anrecht auf Obamacare klargemacht und sie als Wähler registriert haben. Um Biden zusätzlich zur Präsidentschaft auch noch mit einer Mehrheit im Senat auszustatten, fließen nun aus dem ganzen Land Dollar nach Georgia. In Umfragen liegen Ossoff und Warnock etwa gleichauf mit dem Republikaner David Perdue und der Republikanerin Kelly Loeffler, die den Staat derzeit im US-Senat vertreten. Mindestens 231 Millionen Dollar haben die vier Senatskandidaten bislang allein für Fernsehwerbung ausgegeben. Zwar könnte Biden umstrittene Projekte im Weißen Haus auch ohne Senatsmehrheit per Dekret einführen, aber die sind wesentlich unbeständiger als Gesetze.

Etwa neun Millionen Menschen in den USA kommen nur dank Essensmarken des Staates über die Runden, obwohl die Hälfte von ihnen in Vollzeit arbeitet. Der Mindestlohn steht seit mehr als einem Jahrzehnt unverändert bei 7,25 Dollar. Die meisten Bundesstaaten haben ihn eigenmächtig angehoben - Georgia nicht. Im selben Zeitraum ist die Lebenshaltung in den USA deutlich teurer geworden. Um der Armut zu entgehen, müssten Alleinstehende ohne Kind laut der US-Statistikbehörde mindestens 16 Prozent mehr verdienen, inzwischen 1192 Dollar monatlich. Bei einem Dreipersonenhaushalt mit zwei Erwachsenen und einem Kind sind es demnach sogar 19 Prozent mehr, 1469 Dollar Einkommen pro Monat.

Arbeitsam, lernwillig, arm

In einer solchen Situation befindet sich Quita Mae Dawson. So möchte die 24-Jährige genannt werden, um nicht den Zorn ihres Arbeitgebers "Dollar General" auf sich zu ziehen. "Das ganze Unternehmen ist einfach eine Lüge", regt sie sich auf. Die Afroamerikanerin steht auf dem weitläufigen Parkplatz einer typischen Strip Mall, etwa eine halbe Stunde Autofahrt von der Innenstadt entfernt: ein Friseur, eine Wäscherei, zwei Supermärkte und in Sichtweite ein Foodtruck. Quita Mae Dawson hat grade ihre Schicht hinter sich und wartet darauf, dass ihr Mann und ihre kleine Tochter sie abholen. "Sie wollen nicht mehr Lohn zahlen und sie schicken keine Unterstützung, wenn du sie brauchst."

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(Foto: Roland Peters)

Quita Mae Dawson ist angestellt, wird aber nur pro gearbeiteter Stunde entlohnt. Angefangen hat sie vor drei Jahren als Kassiererin mit weniger als neun Dollar pro Stunde, inzwischen ist sie "Assistant Store Manager" und bekommt zwölf Dollar. So verdient sie für maximal 35 Stunden pro Woche netto knapp über 300 Dollar. Das Geld reicht fast nie. Urlaub gibt es kaum, aber zumindest ist sie über das Unternehmen krankenversichert. Trotzdem muss sie die ersten 525 Dollar Behandlungskosten immer selbst bezahlen. "Es ist hart hier draußen", sagt sie frustriert. Ihr Mann verdient nur den Mindestlohn, also kommt sie für das meiste auf. Über ein Studium will sie raus aus der Niedriglohnfalle.

Im Supermarkt stehen die Gänge auch an diesem späten Nachmittag noch voller Rollwagen mit neuer Ware. "Es sind so viele Dinge in einer Schicht zu tun. Wir schaffen manches einfach nicht", sagt sie müde. Häufig wird sie angerufen und muss mit ihrem alten Auto in andere Filialen fahren. Eigentlich sollte sie eine Kilometerpauschale bekommen, aber die werde häufig nicht ausgezahlt: "Eine Gewerkschaft würde vielleicht helfen." Für Benzin, Ölwechsel, "was auch immer in diesem alten Honda Civic kaputtgeht, ich muss mich darum kümmern", zählt sie auf.

Dollar Tree, Family Dollar, Dollar General: An irgendeiner Straßenkreuzung in der Nähe von Atlanta ist immer eine der Ketten vertreten, die sich zu Tante-Emma-Läden in US-Dimension entwickelt haben. Im Schnitt verdient ein Vollzeit-Kassierer in Georgia etwa 1000 Dollar monatlich. Während landesweit zehntausende Geschäfte schließen müssen, sind die beiden großen Unternehmen weiterhin auf Wachstumskurs. So will etwa Dollar General wie geplant am Jahresende rund 1000 neue Filialen eröffnet haben. Im vergangenen Jahr gab es mehr als 33.000 solcher Dollar Stores in den USA, davon inzwischen mindestens 17.000 Dollar General mit 157.000 Beschäftigten.

Sammelklagen wegen Lohnraub

Die niedrigen Löhne sind Teil eines riesigen Problems: In Georgia bekamen vor ein paar Jahren 45 Prozent der Beschäftigten weniger als 15 Dollar brutto pro Stunde, landesweit waren es 42 Prozent. Die Demokraten wollen das ändern und haben eine schrittweise Anhebung des Mindestlohns auf diese Marke bis zum Jahr 2026 angekündigt. Etwa 27 Millionen Arbeiter bekämen dadurch wohl mehr Geld, errechnete der statistische Dienst des US-Kongresses. 1,3 Millionen Menschen entkämen demnach der Armut. Dafür müssten aber die republikanischen Senatoren in Georgia abgelöst werden.

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Gegen David Perdue tritt Jon Ossoff an.

(Foto: Roland Peters)

Perdue, dessen Senatssitz Ossoff übernehmen will, war von 2003 bis 2007 der Chef von Dollar General. Perdue eröffnete in dieser Zeit mehr als 100 neue Filialen allein in Georgia, brachte das Unternehmen in die Gewinnzone und verkaufte es dann. Der heutige Senator verdiente damit mehr als 50 Millionen Dollar. In mehreren Sammelklagen warfen ihm seine früheren Angestellten Lohndiebstahl vor: Dollar General hatte sie als Manager deklariert und ließ sie über ein Schlupfloch im Arbeitsrecht bis zu 80 Stunden pro Woche ohne zusätzliche Bezahlung arbeiten. Frauen bekamen weniger Geld als Männer. In den entsprechenden Jahresberichten brüstet sich das Unternehmen mit "schlanker Besetzung von zwei bis drei Beschäftigten" pro Laden, warnt vor höheren Mindestlöhnen und Gewerkschaften. Nach seinem Weggang zahlte das Unternehmen mindestens 42 Millionen Dollar Entschädigungen. Als Politiker ist Perdue seiner Linie treu geblieben.

Etwa ein Drittel der Kunden in Dollar Stores lebt nahe der Armutsgrenze. Doch die Geschäfte sind nicht nur Zeichen für prekäre Verhältnisse, sondern verursachen sie auch, kritisiert das Institut für lokale Selbstversorgung. Die Ladenketten breiten sich demnach sich vor allem in den Vorstädten und im ländlichen Raum rasant aus und vernichteten dortige Wirtschaftskreisläufe und Einkommen. Ein Dollar Store eröffnet und zahlt nur geringe Löhne, die anderen Geschäfte im Ort können nicht konkurrieren und gehen pleite. Denn ob Küchenutensilien, Lebensmittel und Süßigkeiten, bunte Papiereinhörner oder Plüschtiere, im neuen Laden ist fast alles günstig zu bekommen, da die Unternehmen vieles aus China importieren.

Die veränderten Mehrheitsverhältnisse in Georgia haben sich seit Jahrzehnten angekündigt. Das Jahr 2020, als sich der Bundesstaat blau färbte, der Farbe der Demokraten, wird in der Rückschau womöglich irgendwann als Zeitenwende deklariert. Die meisten der 10,6 Millionen Menschen leben im Großraum Atlanta. Hier wächst die Bevölkerungszahl seit mehr als einem halben Jahrhundert rasant, seit 1960 bei jeder Volkszählung im Schnitt um 30 Prozent. Inzwischen sind es über sechs Millionen Einwohner, von denen sich mehr als ein Drittel selbst als Schwarze oder Afroamerikaner bezeichnen. In den vergangenen zwei Jahrzehnten haben sich auch die Vorstädte verändert, sie sind nicht mehr nur von Weißen bewohnt. Die machen noch etwa die Hälfte der Bevölkerung aus, bekommen aber weiterhin die besseren Jobs als Afroamerikaner und Latinos, die deshalb weniger verdienen.

"Wir können es schaffen"

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(Foto: Roland Peters)

Eine halbe Stunde Fahrt vom Dollar General entfernt stehen mehrere Frauen an der Schnellstraße und bejubeln jedes Auto, das abbiegt. Die beiden Senatskandidaten der Demokraten machen an diesem Donnerstagnachmittag Halt in Jonesboro, Clayton County. Eine kleine Bühne ist vor dem Kircheneingang platziert, einige Journalisten sind da und rund geschätzt zweihundert Menschen, fast alle Afroamerikaner. Es ist eine reine Motivationsveranstaltung für den Januar. Fast 85 Prozent entschieden sich in Clayton County für Joe Biden, mit einem Vorsprung von rund 80.000 Stimmen. Der Demokrat gewann den gesamten Bundesstaat mit rund 13.000 Stimmen Vorsprung vor Donald Trump. "Clayton County rettet Amerika", ist auf einem T-Shirt zu lesen.

Nun jedoch geht es darum, wie viel Macht der neue Präsident haben wird. Eine Schülerin trägt ein Gedicht vor, das die Auflehnung gegen die Sklaverei mit der aktuellen Wahl verknüpft, Lokalpolitiker feuern die Menschen an, dann halten Ossoff und Warnock geschliffene Wahlkampfreden. Die Aufgabenverteilung ist klar: Der schneidige Ossoff moniert die Korruption in Washington und der Senatoren, die an der Börse mit Insiderwissen über die Corona-Maßnahmen viel Geld gemacht haben sollen. Warnock spricht in größeren Parabeln: von der Selbstermächtigung der Schwarzen und dem Lauf der Geschichte, den es nun zu ändern gelte. "Geht wählen! Eure Vorfahren konnten es nicht, aber ihr!", ist auf manchen Schildern in der Gegend zu lesen.

Es gehe ihr um eine bessere Krankenversicherung und höhere Löhne, sagt die Besucherin Trina Corbitt, die wegen der Pandemie sonst nur selten aus dem Haus geht. "Von 7,25 Dollar ist es fast unmöglich zu leben", erklärt die 54-Jährige hinter ihrem Mund-Nasen-Schutz. Dabei würden die USA doch als eines der reichsten Länder der Welt gelten: "Wir können es schaffen", sagt sie zu den Wahlchancen von Ossoff und Warnock.

Trina Corbitt war vor der Pandemie bei einer Zeitarbeitsfirma tätig. Dann holte sie ihre hilfsbedürftige Mutter zu sich und schmiss den Job, weil sie Angst hatte, das Virus einzuschleppen. Die Mutter ist 79 Jahre alt, muss dreimal pro Woche zur Dialyse, war aber nur über ihren Mann versichert. Seit der verstorben ist, zahlt die Versicherung nur noch pauschal 244 Dollar pro Monat. Viel zu wenig, um alle Kosten zu decken. "Sie müssen die Mehrheit im Senat erobern und diese Probleme angehen", sagt Trina Corbitt: "Das hier ist wegweisend."

Quelle: ntv.de