US-Wahl 2020

"Wie bei Mad King George" Trumps Umfeld weiß auch nicht so recht

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"Trump is over" - noch nicht ganz. Vor dem Weißen Haus wird trotzdem schon Abschied gefeiert.

(Foto: REUTERS)

Mitarbeiter versuchen, den US-Präsidenten darauf vorzubereiten, dass er die Wahl tatsächlich verloren hat. Dass Trump seine Niederlage öffentlich eingesteht, wie es in den USA üblich ist, erwartet in seinem Umfeld allerdings niemand.

Mit zwei Auftritten und zahllosen Tweets hat US-Präsident Donald Trump deutlich gemacht, dass er das Ergebnis der Präsidentschaftswahl nicht akzeptieren wird, wenn der Sieger am Ende Joe Biden sein sollte. "Wenn man die legal abgegebenen Stimmen zählt, dann gewinne ich mit Leichtigkeit", behauptete er am Donnerstag bei seinem vorerst letzten Auftritt im Weißen Haus. "Wenn man die illegalen Stimmen zählt, dann können sie versuchen, uns den Wahlsieg zu stehlen."

Angesichts solcher Äußerungen dürfte Trump Schwierigkeiten haben, die in den USA so wichtige Übergabe der Macht gesichtswahrend über die Bühne zu bringen, sollte seine Niederlage von den Wahlbehörden festgestellt und von Gerichten bestätigt werden. Er hat ohnehin Probleme damit, zu verlieren, wie er selbst am Wahltag gestand: "Gewinnen ist einfach. Verlieren ist nie einfach. Jedenfalls nicht für mich."

Nach einem Bericht der "Washington Post" sind seine Mitarbeiter im Weißen Haus derzeit damit beschäftigt, dem Präsidenten dabei zu helfen, die sich abzeichnende Niederlage zu verarbeiten. Hinter den Kulissen werde darum gerungen, wie Trump im Fall der Fälle reagieren solle, schreibt die Zeitung unter Berufung auf zwei Quellen.

Einige Personen aus Trumps Umfeld würden dafür plädieren, dass der Präsident öffentlich eine friedliche Übergabe der Macht zusichert, sollte Biden zum Wahlsieger erklärt werden. Ein hochrangiger Mitarbeiter aus Trumps Wahlkampfteam sagte dem Bericht zufolge aber auch, über eine concession speech sei bislang nicht gesprochen worden.

Großmütige Rede ist unwahrscheinlich

Eine solche Rede, in der der unterlegene Kandidat seine Niederlage einräumt, ist fester Bestandteil der ungeschriebenen Regeln, die zu einer Präsidentschaftswahl in den USA gehören. Trump-Kritiker haben in den vergangenen Tagen vielfach Videos der Reden von republikanischen Wahlverlierern gepostet, etwa die von John McCain, in der dieser dem Wahlsieger Barack Obama nicht nur gratulierte, sondern ihm auch ausdrücklich seine Unterstützung anbot, ihn als Präsidenten aller Amerikaner bezeichnete und die historische Dimension betonte, die mit dem ersten schwarzen US-Präsidenten verbunden war.

Weder zu Trumps Politik noch zu seinem Charakter würde eine concession speech passen. Für ihn gibt es immer nur ein Ziel: zu gewinnen. Die "Washington Post" zitiert denn auch "Verbündete" des Präsidenten, die sagen, ein traditionelles Eingeständnis der Wahlniederlage in Form einer großmütigen Rede sei unwahrscheinlich. Stattdessen werde Trump wohl an seinem Vorwurf festhalten, dass ihm der Sieg "gestohlen" worden sei.

Nach seinem umstrittenen Auftritt am Donnerstag überredeten ihn Mitarbeiter dem Bericht zufolge, eine weniger aggressive Erklärung herauszugeben. Das geschah am Freitag. Darin sagt Trump, jetzt gehe es nicht mehr um eine einzelne Wahl, sondern "um die Integrität unseren gesamten Wahlsystems". Er habe von Anfang an gesagt, "dass alle legalen Stimmen gezählt werden müssen und alle illegalen Stimmen nicht gezählt werden sollten". Diesem grundlegenden Prinzip hätten sich die Demokraten jedoch stets widersetzt. "Ich werde niemals aufhören, für euch und für unsere Nation zu kämpfen", lautet der letzte Satz der Erklärung, die von seinem Wahlkampfteam veröffentlicht wurde.

Inhaltlich unterscheidet sich das Statement nicht von seinen Tweets oder von dem, was Trump bei seinen zwei Auftritten nach der Wahl sagte. Gemeint war es als "ein Babyschritt weg vom Trotz und hin zu einer möglichen Niederlage", wie eine Quelle aus dem Umfeld des Wahlkampfteams der "Washington Post" sagte.

"Wie bei King Lear oder Mad King George"

Unter Trumps Verbündeten gibt es demnach zwei Fraktionen: Die eine Gruppe, zu der Trump selbst sowie seine Familie zählt, glaube noch immer, dass er eine Chance hat, sein Amt zu behalten, und dass er weiterkämpfen sollte. Die andere, größere Gruppe geht davon aus, dass dies so gut wie aussichtslos ist. Wie sie dem Präsidenten diese Einsicht vermitteln können, ist ihnen allerdings ein Rätsel. "Sie wissen, dass er verloren hat, aber niemand scheint King Lear oder dem verrückten König George sagen zu wollen, dass das Königreich verloren ist", zitiert die "Post" einen Republikaner, der "in regelmäßigem Austausch" mit dem Weißen Haus stehe. König Lear ist die Hauptfigur der gleichnamigen Shakespeare-Tragödie, in der es darum geht, wie ein zunehmend unberechenbarer Herrscher daran scheitert, seinen Nachlass zu regeln. "Mad King George" ist der 1820 gestorbene britische König George III., der in den letzten Jahren seines Lebens unter Wahnvorstellungen und Demenz litt. In seiner Regierungszeit sagten sich die späteren USA von Großbritannien los.

Trotz dieser im historischen Vergleich recht ungewöhnlichen Lage scheint kaum jemand im Weißen Haus davon auszugehen, dass Trump sich dort verschanzen wird. Die Aussicht, der Präsident könne sich einfach weigern, das Gebäude zu verlassen, sei nur "ein liberaler Fiebertraum", zitiert die Zeitung einen Trump-Verbündeten. Die meisten Personen aus Trumps Umfeld seien sicher, dass der Präsident am Ende geht, ohne seine Niederlage eingestanden zu haben.

Quelle: ntv.de