Politik

Bis zum 11. September USA wollen Truppen aus Afghanistan abziehen

2e58942357598aa1ef33f9a3e3fc1d4e.jpg

Nach offiziellen Angaben befinden sich derzeit noch rund 2500 US-Soldaten in Afghanistan.

(Foto: dpa)

Die Entscheidung über einen Truppenabzug aus Afghanistan ist eine der heikelsten, die US-Präsident Biden bislang fällen musste. Nun steht ein Termin für den Abzug fest. Das Datum besitzt hohe Symbolkraft - entspricht aber nicht dem mit den Taliban vereinbarten Plan.

US-Präsident Joe Biden will nach Angaben aus Regierungskreisen alle US-Truppen aus Afghanistan bis zum 11. September abziehen - dem 20. Jahrestag der Terroranschläge von New York und Washington. Ein hochrangiger US-Regierungsvertreter sagte, der geordnete Abzug der Truppen aus Afghanistan solle noch vor dem 1. Mai beginnen und spätestens bis zum 11. September abgeschlossen sein.

Unter Bidens Vorgänger Donald Trump hatten die USA mit den radikalislamischen Taliban eigentlich einen Abzug bis zum 1. Mai vereinbart. Die Einhaltung dieser Frist schien in den vergangenen Wochen aber immer unwahrscheinlicher. Zum einen sind die Vorbereitungen vor Ort noch nicht weit genug fortgeschritten. Zum anderen werfen die USA den Taliban vor, sich nicht an die Zusage zu halten, die Gewalt einzudämmen. Auch sehen einige US-Beobachter nach wie vor enge Verbindungen zwischen der Gruppe und der ebenfalls islamistischen Al-Kaida.

Der US-Regierungsvertreter sagte weiter, der Abzug werde mit den Nato-Partnern koordiniert. Man sei gemeinsam nach Afghanistan gegangen, "und jetzt werden wir uns darauf vorbereiten, gemeinsam wegzugehen". Der Abzug sei nicht an Bedingungen geknüpft, weil ein solcher Ansatz nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre dazu führe, "für immer in Afghanistan zu bleiben". Die Bundesregierung hatte sich zuletzt dafür ausgesprochen, das Ende des Nato-Einsatzes in Afghanistan vom Erfolg der Friedensverhandlungen zwischen den militant-islamistischen Taliban und der Regierung in Kabul abhängig zu machen.

Der US-Regierungsvertreter betonte, der 11. September sei das späteste Datum, um den Abzug abzuschließen - das Ziel könne aber auch deutlich vorher erreicht werden. Danach sollten nur noch Soldaten zum Schutz der US-Diplomaten in Afghanistan im Land verbleiben. Die Aufständischen hatten zuletzt neue Gewalt gegen Nato-Truppen angedroht, sollte die Frist bis zum 1. Mai nicht eingehalten werden. Der US-Regierungsvertreter warnte die Taliban vor Angriffen auf ausländische Truppen während des Abzugs. In einem solchen Fall würden die USA hart zurückschlagen, drohte er. Mit Blick auf die Frauenrechte in Afghanistan fügte er hinzu, die USA würden sich mit allen diplomatischen, humanitären und wirtschaftlichen Mitteln für deren Schutz einsetzen.

Beobachter fürchten Chaos nach Truppenabzug

Nach offiziellen Angaben befinden sich derzeit noch rund 2500 US-Soldaten in Afghanistan. Zum Höhepunkt vor zehn Jahren waren es rund 100.000 amerikanische Soldaten. Zuletzt waren inklusive der US-Truppen insgesamt noch etwa 10.000 Soldaten aus Nato-Ländern und Partnernationen in Afghanistan, um die demokratisch gewählte Regierung durch die Ausbildung und Beratung von Sicherheitskräften zu unterstützen.

Unter ihnen sind rund 1000 deutsche Soldaten. Die Bundeswehr ist bereits seit rund 19 Jahren in Afghanistan. Viele Beobachter fürchten neues Chaos in Afghanistan nach einem Abzug der westlichen Truppen. Friedensgespräche zwischen der Regierung in Kabul und den Taliban haben bisher nicht zum Erfolg geführt.

Die Anschläge vom 11. September 2001, für die das Terrornetz Al-Kaida verantwortlich gemacht wurde, hatten den Einmarsch der US-geführten Truppen in Afghanistan im Monat darauf ausgelöst. Der internationale Militäreinsatz führte zum Sturz des Taliban-Regimes, das sich geweigert hatte, Al-Kaida-Chef Osama bin Laden auszuliefern.

AKK erhöht Schutzmaßnahmen für Bundeswehrsoldaten

Die Afghanistan-Entscheidung gehört zu den heikelsten, die Biden in seiner jungen Amtszeit treffen musste. Beide Optionen - Rückzug oder Verbleib - gelten als riskant. Eine vom US-Kongress eingesetzte Expertengruppe empfahl in einem Bericht im Februar, dass die US-Regierung im Doha-Abkommen verbleibt, die Truppen aber nicht zum 1. Mai abzieht, sondern erst dann, wenn die Taliban ihre Verpflichtungen erfüllt haben. In dem im Februar 2020 geschlossene Abkommen einigten sich die USA und die Taliban ursprünglich darauf, alle US-Truppen bis zum 1. Mai aus Afghanistan abzuziehen - unter der Voraussetzung, dass die Taliban belastbare Sicherheitsgarantien geben, etwa das Ende der Verbindungen zum Extremistennetzwerk Al-Kaida. Ein Verbleib in Afghanistan über den 1. Mai hinaus birgt nun die Gefahr, dass westliche Truppen wieder Ziel von Gewalttaten der Taliban werden.

Wegen dieses Szenarios hat Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer bereits in Absprache mit den militärischen Spitzen angeordnet, die Schutzmaßnahmen für die Bundeswehrsoldaten zu verstärken. Im Fall eines Rückzugs zum 1. Mai sahen die Experten unter anderem die Gefahr einer Machtübernahme der Taliban, eines erneuten Bürgerkrieges, einer terroristischen Bedrohung für die USA und einer weiteren Flüchtlingskrise mit Auswirkungen auch auf die EU.

Quelle: ntv.de, hek/dpa/rts

ntv.de Dienste
Software
ntv Tipp
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.