Politik

Offensive im Osten Ukrainische Experten sehen "Beginn einer Wende"

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Eine ukrainische Flagge in der befreiten Stadt Balaklija.

(Foto: picture alliance / AA)

Militärexperten in der Ukraine bewerten die jüngste Offensive in Charkiw als überraschend großen Erfolg. "Die Ukraine übernimmt langsam die Initiative." Beteiligt waren wohl auch deutsche Flugabwehrpanzer. Bei weiteren Offensiven würde die schnelle Lieferung von Leopard 2 und Marder-Panzer "wirklich enorm helfen".

Nachdem die Ukraine schon vor einiger Zeit mit vergleichsweise langsamen Offensivaktionen im südlichen Bezirk Cherson angefangen hatte, überraschte die ukrainische Armee in der vergangenen Woche mit einer blitzschnellen und erfolgreichen Gegenoffensive im Oblast Charkiw. Nur in einem kleinen Gebiet im Osten der Region befinden sich noch russische Streitkräfte. Zudem macht die Befreiung der strategisch wichtigen Stadt Isjum die Pläne der Russen zunichte: Sie wollten die Schlüsselstadt Slowjansk im Bezirk Donezk in Besitz nehmen und dann den gesamten Donbass erobern.

Ist das nun bereits die Wende des Krieges? Ukrainische Militärexperten äußern sich gegenüber ntv.de zurückhaltend, sprechen aber von einem überraschend großen Erfolg. "Es ist noch keine Wende, doch es ist definitiv der Beginn einer Wende. In den nächsten zwei bis drei Wochen werden wir sehen, wohin sich das Ganze entwickelt", sagt Oleksij Melnyk, Co-Direktor der Programme der internationalen Sicherheit des Thinktanks "Zentr Rasumkowa" und zugleich Oberstleutnant a.D. der ukrainischen Armee.

Ähnlich denkt Oleksandr Mussijenko, Chef des Zentrums für militärrechtliche Studien in Kiew: "Wir müssen immer vom schlechtestmöglichen Szenario ausgehen. Die Ukraine übernimmt aber langsam die Initiative. Wir werden immer mehr Offensivaktionen sehen."

Offensive im Süden band russische Kräfte aus dem Norden

Es gebe mehrere Gründe für den Riesenerfolg im Bezirk Charkiw, betont Mussijenko. "Dahinter steckt systematische Arbeit im Vorfeld. Die ukrainische Armee hat im Voraus mit HIMARS-Mehrfachraketenwerfern und anderer Artillerie die Munitionsdepots der Russen und auch das Militärpersonal angegriffen. Richtung Isjum hat man schon seit Juli systematisch gearbeitet", so der Experte. "Außerdem hat die militärische Führung die Operation gut geplant und vor allem zur absolut richtigen Zeit durchgeführt."

Oleksij Melnyk unterstreicht, dass den Ukrainern auch eine gute psychologische Operation gelungen sei. "Es gibt in der Tat eine Offensive im Süden, alle wissen, dass sie unausweichlich ist. Dem Generalstab ist es jedoch trotzdem gelungen, den Eindruck zu erwecken, als sei Cherson die Hauptstoßrichtung." Das sei gleich aus zwei Gründen klug. Zum einen habe man die Russen dazu gezwungen, zwischen 25.000 und 30.000 Soldaten in Cherson zu konzentrieren, überwiegend auf dem westlichen Ufer des Dnipro, während die Ukrainer die Brücken über den Fluss kontinuierlich beschließen und damit nachhaltig die Logistik zerstören. Eine mögliche Falle, sagen viele.

"Fatales Zeichen" für die russische Kampfmoral

Zum anderen resultierte daraus, dass im Bezirk Charkiw auf der russischen Seite fast nur die russische Nationalgarde und ähnliche Verbände geblieben seien, die sich normalerweise mit Schutz der öffentlichen Ordnung beschäftigen. Auf eine Großoffensive der Ukrainer waren diese Kräfte nicht vorbereitet. "Wir haben außerdem gesehen, dass viele Soldaten und Kommandeure recht demoralisiert sind. An einigen Orten gab es Kämpfe, an anderen sind die Russen einfach geflohen und haben viel Militärtechnik zurückgelassen", sagt Mussijenko, der das ein "fatales Zeichen" nennt.

Im Bezirk Charkiw verbleiben die Russen nur im Gebiet östlich des Flusses Oskil. Eine große strategische Bedeutung für die russische Armee hat der Verbleib dort zwar nicht. Daher ist es nicht ausgeschlossen, dass sie die Charkiwer Region komplett verlassen. Vorerst werden sie wohl aber versuchen, dort zu bleiben. Mit Blick auf Cherson sehen Melnyk und Mussijenko wegen der logistischen Probleme mittel- und langfristig große Probleme auf die Russen zukommen. "Sie setzen dort Fähren ein, das ist aber nur ein kleiner Teil im Vergleich zum Nachschub, den man über Brücken liefern könnte", sagt Mussijenko.

Über den Dnipro zu gehen, "wäre viel zu riskant"

"Aus meiner Sicht ist die Situation in Cherson langfristig sogar schon vorentschieden. Die Russen werden das westliche Ufer irgendwann verlassen müssen", betont Oleksij Melnyk. "Dann müssten die Ukrainer, die übrigens auch mit der langsamen Offensive etwas vorankommen, aber auf dieser Richtung eine Pause einlegen. Die Überquerung des Dnipro ist eine viel zu riskante Aufgabe. Man muss versuchen, die Russen aus anderen Richtungen auf dem östlichen Ufer anzugreifen." Ansonsten versuchen die Ukrainer nach der Offensive in Charkiw, im Bezirk Luhansk Richtung Lyssytschansk vorzustoßen, während die Russen ihre Offensive im Bezirk Donezk Richtung Bachmut fortsetzen. Die letztere dürfte sich jetzt wegen der Verschlechterung der Logistik aufgrund der Befreiung von Isjum noch schwieriger als sonst erweisen.

Einig sind Melnyk und Mussijenko auch, dass die Russen einen Angriff auf die Stadt Saporischschja im Kopf haben könnten. Beide halten die Perspektiven aber für fragwürdig, obwohl es im Interesse Russlands wäre, Probleme für die Ukraine an einem anderen Ort zu schaffen. "Mich würde sogar nicht überraschen, wenn nicht die Russen, sondern die Ukrainer im Bezirk Saporischschja Punkterfolge feiern. Die russische Gruppierung im gesamten Osten wurde durch die letzten Ereignisse taktisch und strategisch schwächer", sagt Mussijenko. Der gezielte Beschuss der südostukrainischen Kraftwerke am Sonntagabend hält er dagegen für ein Zeichen der Verzweiflung: "Die ganzen Illusionen, dass die Menschen wegen des Stromausfalls vielleicht auf die Straße gehen, sind absolut falsch, zumal fast alle Probleme schnell gelöst wurden. Mit solchem Beschuss kann man nicht den ukrainischen Widerstand brechen. Wir wissen seit Tag eins, dass es zur Strom- und Wasserknappheit kommen kann."

"Leopard und Marder würden enorm helfen"

Generell sei die Situation so, dass alle Kampfhandlungen bis Jahresende nicht vorbei sein werden und dass die Ukraine auf die Fortsetzung des Krieges im nächsten Jahr vorbereitet sein muss. Dazu gehört auch die Schaffung einer Waffenreserve, bei der auch Deutschland gewisses Potenzial zu bieten habe. "Wir sind bei der Anzahl der schweren Waffen natürlich immer noch klar unterlegen. Offensiven wie in Charkiw werden vor allem durch die Klugheit der ukrainischen Militärführung möglich", sagt Oleksij Melnyk. "Und obwohl viele sagen, dass Panzer im modernen Krieg etwas obsolet geworden sind, sehen wir in der Praxis, dass das nicht stimmt. Die schnellen Lieferungen von Leopard 2 und Schützenpanzern Marder würden uns wirklich enorm helfen."

Bisher scheinen die ukrainischen Soldaten aber auch mit Flugabwehrkanonenpanzern Gepard sehr zufrieden zu sein, die laut "Economist" an der Offensive in Charkiw beteiligt sind. "Es wäre keine Sensation, wenn sie dort eingesetzt worden sind. Sie sind zwar keine wirkliche Offensivwaffe. Die Gepards sind eine sehr gute Flugabwehr für die Front, die Drohnen und Angriffsflugzeuge aus der Nähe abschließen können. Das schränkt die Luftmöglichkeiten Russlands deutlich ein", kommentiert Mussijenko vom Zentrum für militärrechtliche Studien. "Die Ukraine hätte gerne mehr davon."

Quelle: ntv.de

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