Politik

Sex-Video und KriegsangstUmfrage-Schock für Orbán - trotz Schmutzkampagne

27.02.2026, 13:01 Uhr
imageVon Christian-Zsolt Varga
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"Jetzt oder nie!" steht auf den Wahlplakaten von Peter Magyar. "Oder nie" ist durchgestrichen. Die Parlamentswahl findet am 12. April statt. (Foto: picture alliance / NurPhoto)

Eine neue Umfrage sieht Péter Magyars Tisza-Partei in Ungarn deutlich vorn. Die Drohung mit einem angeblichen Sexvideo scheint den Herausforderer bislang nicht zu beschädigen. Zugleich lässt Orbán den Streit mit der Ukraine eskalieren - bis hin zu militärischer Sicherheitsrhetorik.

Für Viktor Orbán könnte es bei der Parlamentswahl am 12. April eng werden. Darauf deutet eine Umfrage hin, die am Mittwoch in Ungarn die Gemüter erhitzte: Das Institut Medián sieht Herausforderer Péter Magyar und seine Tisza-Partei mit deutlichem Vorsprung vor der Regierungspartei Fidesz. Unter den wahlentschlossenen Befragten kommt Tisza demnach auf 55 Prozent, Fidesz auf 35 Prozent. In der Gesamtbevölkerung führt Tisza laut Medián mit elf Punkten. Erhoben wurden die Daten im Auftrag des Wochenmagazins HVG zwischen dem 18. und 23. Februar.

Orbán ließ die Zahlen nicht unkommentiert. In einem Facebook-Post machte er sich über Medián-Chef Endre Hann lustig und verlieh ihm den Titel des "besten Comedians". Nur wenige Stunden später legte das regierungsnahe Institut Nézőpont eine eigene Erhebung nach, die das Bild aus Orbáns Sicht wieder zurechtrückt: Dort liegt Fidesz mit fünf Prozentpunkten vorn.

Nézőpont bildet damit seit Monaten eine Ausnahme. Es bleibt das einzige große Institut, das immer noch Vorteile für Orbáns Partei misst, während alle anderen Umfragen eine wachsende Schere zugunsten von Tisza ausweisen. Wie empfindlich die Fidesz-Machtzentrale auf nachteilige Stimmungsbilder reagiert, zeigte sich zuletzt im Januar: Als auf der Prognoseplattform Polymarket Magyars Chancen deutlich zulegten, wurde der Zugang in Ungarn kurzerhand geblockt - offiziell wegen "illegalen Glücksspiels".

"Klassische russische Kompromat-Falle"

Der Erhebungszeitraum der neuen Medián-Umfrage ist auch deshalb aufschlussreich, weil die Attacken auf Péter Magyar ausgerechnet in den Tagen vor der Befragung eine neue, besonders persönliche Eskalationsstufe erreichten. Seit Anfang Februar ist eine Website online, die mit einem Screenshot - offenbar aus dem Blickwinkel einer Überwachungskamera - aus einem Schlafzimmer ein mögliches Sexvideo ankündigt.

Magyar spricht von einer "klassischen russischen Kompromat-Falle" und ging in die Offensive. Er erzählte öffentlich, wie ihn seine Ex-Partnerin nach einer Parteiveranstaltung im Sommer 2024 zu einer privaten Feier gelockt habe. Nach seiner Darstellung kam es später zu einvernehmlichem Sex. Auf dem Tisch habe er Alkohol und Substanzen gesehen, die "wie Drogen" ausgesehen hätten; er habe sie nicht angerührt. "Sicher?", fragen die bislang unbekannten Urheber der Website kurz darauf - in einem neuen Schriftzug über dem Screenshot.

Auf die Frage von telex.hu, ob er mit einem Video rechne, das ihn beim Drogenkonsum zeige, antwortete Magyar: Ein echtes Video werde es nicht geben. Mit Künstlicher Intelligenz ließen sich heute jedoch problemlos noch drastischere Fälschungen produzieren. "Es könnte auch ein Elefant im Zimmer sein, 25 nackte Frauen oder ein thailändischer Zwerg - aber in Wirklichkeit ist so etwas nicht passiert", sagte er.

"Ein so großer Vorsprung kann nicht mehr aufgeholt werden"

Auch in seiner Rede zur Lage der Nation blies Magyar zum Gegenangriff: "Wer möchte, dass Orbán in seinem Schlafzimmer herumschnüffelt, soll Fidesz wählen." Sollte es tatsächlich zu einer Veröffentlichung des Videos kommen, wird Magyar wohl weiter versuchen, die Debatte auf das Thema zu lenken, dass mit nachrichtendienstlichen Mitteln gegen ihn gearbeitet werde.

Dass diese konfrontative Transparenz bislang eher nützt als schadet, legt jedenfalls die Medián-Erhebung nahe. "Wenn Medián sich nicht irrt, dann ist die Wahl entschieden", kommentierte der ungarische Politologe Gábor Török. "Ein so großer Vorsprung kann nicht mehr aufgeholt werden." Andere Analysten warnen vor vorschnellen Urteilen: Entscheidend werde sein, wie sich jene Unentschlossenen bewegen, die erst spät in den Wahlkampf einsteigen, und ob es Fidesz gelingt, sie zu mobilisieren.

Nicht von Russland geht Gefahr aus, sondern von Brüssel und der Ukraine

Genau daran arbeitet Orbáns Lager mit Hochdruck. Fidesz versucht, Péter Magyar als Sicherheitsrisiko zu zeichnen: als von "Brüssel" gesteuerten Politiker, der Ungarn in den Krieg hineinziehen werde. Die zugrunde liegende Botschaft ist seit Jahren eingeübt und wird nun nochmals zugespitzt: Nicht Russland, sondern die Europäische Union und die Ukraine seien die eigentliche Bedrohung.

Wenige Stunden nach Veröffentlichung der Medián-Umfrage folgte die nächste Eskalationsstufe - diesmal nicht gegen Magyar, sondern gegen Kiew. In einem dramatisch inszenierten Facebook-Video erklärte Orbán, er habe die "verstärkte Verteidigung kritischer energetischer Infrastruktur" angeordnet. Zugleich deutete er an, die Ukraine bereite Aktionen vor, die das ungarische Energiesystem stören könnten. Konkrete Hinweise, Quellen oder überprüfbare Belege nannte der Ministerpräsident nicht.

Der Hintergrund: Seit Ende Januar gelangt über die durch die Ukraine verlaufende Druschba-Pipeline kein russisches Öl mehr nach Ungarn und in die Slowakei. Die Leitung war nach ukrainischen Angaben infolge eines russischen Angriffs beschädigt worden. Orbán deutet den Lieferstopp als bewussten politischen Hebel und verknüpft ihn mit Vetos in Brüssel, zuletzt gegen weitere Russland-Sanktionen und gegen ein Unterstützungspaket zugunsten der Ukraine.

"Nicht, dass am Ende eine Drohne einfliegt"

Im Inneren übersetzt die Regierung den Vorgang nun in eine neue Bedrohungslage und organisiert eine demonstrative Gegenwehr gegen die heraufbeschworene Gefahr ukrainischer Sabotage: Soldaten sollen in die Nähe wichtiger Infrastrukturanlagen verlegt werden, die Polizei werde mit größeren Kräften rund um Kraftwerke, Verteil- und Steuerzentren patrouillieren. Zusätzlich ordnete Orbán für die Grenzregion zur Ukraine ein Drohnenflugverbot an.

Aus einer Versorgungsstörung wird so ein Bedrohungsnarrativ, das sich nahtlos in die Wahlkampfformel einfügt - ausgerechnet am selben Tag, an dem die Medián-Umfrage in Ungarn Wellen schlug.

Péter Magyar kommentierte den Vorstoß mit scharfen Worten: Die Regierung betreibe "eine Art psychologischen Terror" gegen die eigene Bevölkerung und schüre Kriegspsychosen. Er erinnerte daran, bereits zu Jahresbeginn vor einem Szenario gewarnt zu haben, in dem rund um die Wahl gezielt eine Bedrohungslage erzeugt werde - bis hin zu einem inszenierten Zwischenfall. "Nicht, dass am Ende zufällig eine Drohne einfliegt oder ein Selbstmordattentat passiert", sagte er.

Quelle: ntv.de

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