Politik

Fünf Jahre nach MH17-Abschuss Und immer noch bleiben Rätsel

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Der Abschuss des Flugzeugs löste internationale Empörung aus.

(Foto: dpa)

Vor genau fünf Jahren stürzt das Passagierflugzeug MH17 über der Ukraine ab, getroffen von einer russischen Rakete. Erst vor Kurzem werden die Namen von vier Hauptverdächtigen bekannt. Dann entführt die Ukraine noch einen wichtigen Zeugen aus dem Separatistengebiet.

Fünf Jahre ist er nun her, der erste traurige Höhepunkt des Donbass-Krieges in der Ukraine: Am 17. Juli 2014 stürzte nahe dem Dorf Hrabowe die Malaysia-Airlines-Maschine MH17 ab. 298 Menschen starben, unter ihnen 193 Niederländer. Später kam heraus: Das Flugzeug auf seinem Weg von Amsterdam nach Kuala Lumpur war abgeschossen worden - über der ostukrainischen Industrieregion Donbass, wo seit dem Frühjahr die ukrainische Armee gegen prorussische Separatisten kämpfte.

Die internationale Untersuchungskommission unter Führung der Niederlande kam bald zu dem Ergebnis, dass das Passagierflugzeug vom Separatistengebiet aus getroffen worden war. Im vergangenen Jahr präsentierte sie einen Bericht, demzufolge eine russische Luftabwehrrakete den Abschuss verursacht haben soll. Diese war demnach im russischen Kursk stationiert und dann in die Ostukraine gebracht worden. In Moskau rief der Bericht erwartungsgemäß scharfe Kritik hervor. Laut einer russischen Version soll die Maschine von einem ukrainischen Piloten aus der Luft abgeschossen worden sein.

Am 19. Juni dieses Jahres konnte die Untersuchungskommission nun weitere Fortschritte präsentieren: Die Ermittler sprachen einen internationalen Haftbefehl gegen vier Verdächtige aus, die sich ab dem 9. März 2020 vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag verantworten sollen. Bei den Männern handelt es sich um drei russische und einen ukrainischen Staatsbürger, alle aus dem Lager der Separatisten. Der Wichtigste unter ihnen ist der Kommandeur Igor Girkin, auch bekannt unter dem Pseudonym Igor Strelkow. Er hatte schon an der Annexion der Krim Anfang 2014 teilgenommen und zu Beginn des Donbass-Krieges großen Einfluss ausgeübt. Zu den weiteren Verdächtigen gehören Girkins Stellvertreter Sergej Dubinskij und der Geheimdienstler Oleg Pulatow aus Russland sowie der Ukrainer Leonid Chartschenko. Dieser hatte ein Bataillon der Separatisten angeführt.

Die vier Männer sollen laut den Ermittlern eine aktive Rolle beim Transport der Buk-Rakete in das Separatistengebiet gespielt haben, nachdem Russland auf höherer Ebene sein Okay gegeben habe. Das Untersuchungsteam stützt sich dabei auf abgehörte Telefonate und Funkgespräche, etwa die des Beraters des russischen Präsidenten, Wladislaw Surkow.

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Ukrainer gedenken an der Unglücksstelle der Toten.

(Foto: REUTERS)

Der Kreml erkennt die Ermittlungsergebnisse allerdings nicht an. Die Untersuchung hätte mit russischer Beteiligung stattfinden sollen, sagte erst kürzlich wieder Putins Sprecher Dmitri Peskow. Moskau legte auch im Sicherheitsrat ein Veto gegen die Anklage in Den Haag ein. Es ist davon auszugehen, dass der Prozess in Abwesenheit der verdächtigen Separatisten geführt wird. Russland liefert seine Staatsbürger prinzipiell nicht aus. Moskau schiebt zudem nach wie vor die Schuld auf die Ukraine, unter anderem, weil Kiew den Luftraum über dem Kriegsgebiet nicht rechtzeitig gesperrt habe.

Kiew entführt Verdächtigen aus Separatisten-Gebiet

Neben den vier Separatisten, die das internationale Ermittlungsteam ausgemacht hat, verdächtigt Kiew einen weiteren Mann: den Ukrainer Wladimir Zemach. Er könnte laut dem britischen Rechercheteam Bellingcat ein Schlüsselzeuge sein. Ukrainische Sicherheitskräfte entführten ihn Ende Juni direkt aus dem Separatistengebiet, aus dem Ort Snischne. Nun sitzt er in Untersuchungshaft in Kiew, vorerst bis Ende August. Zemach hatte zwischenzeitlich in der Flugabwehr der Separatisten gedient. Ob das bereits zum Zeitpunkt des MH17-Abschusses der Fall war, ist unklar. Zemach selbst will den Absturz aus der Nähe beobachtet haben.

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13.000 Menschen wurden bereits laut UN im Ukraine-Krieg getötet. Und das Sterben dauert an.

(Foto: REUTERS)

Zemnach soll 2015 versucht haben, die verwendete Buk-Rakete zu verstecken. Allein das könnte für eine Verurteilung wegen Terrorismus reichen und Zemach bis zu 15 Jahren Haft einbringen. Ein Rätsel ist dabei, wie es der Ukraine überhaupt gelungen ist, jemanden tief aus dem Separatistengebiet zu entführen, zumal die ukrainischen Sicherheitsbehörden bei solchen Operationen nicht den besten Ruf haben. Darüber gibt es bisher nur Spekulationen. "Die Ukrainer wollen Zemach für Fälschung der Sachverhalte des MH17-Absturzes nutzen", sagte die Außenministerin der selbsternannten Volksrepublik Donezk Natalja Nikonowa dazu.

In der Ukraine zeigt man sich dagegen mit dem Lauf der aktuellen Ermittlungen zufrieden. Der neue Präsident Wolodymyr Selenskyj lobte die jüngsten Erkenntnisse der internationalen Untersuchungskommission und forderte: "Alle Verantwortlichen müssen vor Gericht zur Verantwortung gezogen werden." Auch wenn Girkin und drei weitere Verdächtige am 9. März 2020 nicht persönlich auf der Anklagebank sitzen werden, ist doch jetzt schon klar: Es wird ein Prozess, der Geschichte schreiben könnte.

Quelle: n-tv.de

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